Tempel

Aus Theoria Romana

Wechseln zu: Navigation, Suche

Das wichtigste und repräsentativste Element der römischen religiösen Infrastruktur bildeten die Tempel der Götter.

Tempelgrundstück und Tempelgebäude

Das templum, das Tempelgrundstück, galt als bodenrechtliches Eigentum einer Gottheit. Das eigentliche Tempelgebäude, aedes, diente der Gottheit als Wohnhaus und machte es für diese attraktiv. Das Innere des Tempels bildete in der klassischen griechisch-römischen Tempelarchitektur die cella, ein rechteckiger, geschlossener und meist fensterloser Raum, in dem in der Regel ein Kultbild der verehrten Gottheit stand. Betreten wurde die cella über eine meist zweiflüglige Tür an einer der Schmalseiten, die in der Regel außer an öffentlichen Feiertagen geschlossen gehalten wurde.

Nach weiteren architektonischen Elementen lassen sich verschiedene Typen von Tempelgebäuden unterscheiden:

  • Peripteros: Bei diesem Typus ist die cella an allen vier Seiten von einer oder mehreren Säulenreihen umgeben. Diese Typus ist typisch für große griechische Tempel.
  • Pseudoperipteros: Bei diesem Typus befinden sich nur auf der Eingangsseite freistehende Säulen, während die cella an den verbleibenden drei Seiten durch direkt auf der Mauer liegenden Halbsäulen umgeben ist. Dieser Typus ist typisch für römische Tempel der Kaiserzeit.
  • Prostylos: Bei diesem Typus befinden sich nur auf der Eingangsseite freistehende Säulen, während an den verbleibenden drei Seiten die Wand der cella auch die Außenwand des Tempels ist.
  • Antentempel: Bei diesem Typus sind die Mauern an den Längsseiten der cella nach vorne verlängert und ersetzen so die Ecksäulen.

Alle diese Typen werden in der Regel auf einem erhöhten Podium errichtet, zu dem an der Schmalseite eine Treppe hinauf führt. Der Tempel samt Säulenhallen wird von einem durchgehenden Satteldach mit Giebeln auf der Schmalseite gedeckt. Während cella und Grundriss in der griechischen Tempelarchitektur stets langrechteckig sind, kommen in der römischen Architektur auch annährend quadratische Grundrisse und kurze, breite cellae vor.

Neben diesen klassischen Formen gibt es jedoch auch andere Bauformen für Tempel:

  • Rundtempel: Bei diesem Typus ist die cella ein runder Raum, der rundum von Säulen umgeben ist. Bekanntester Vertreter dieses Typus ist der Tempel der Vesta in Rom.
  • Gallo-Römischer Umgangstempel: Bei diesem Typus ist die cella häufig annähernd quadratisch und höher als der sie an allen Seiten umgebende Umgang.
  • Etruskischer Tempel: Bei diesem Typus ist die cella an beiden Längsseiten von je einem zusätzlichen Raum flankiert (alae). Vor diesen Räumen befindet sich eine von Säulen getragene Vorhalle und an den Seiten je eine Säulenreihe, während die Rückwand der Räume auch die Rückwand des Tempels bildet. Insgesamt ist der Grundriss damit annähernd quadratisch. Vitruv bezeichnet diese Tempelform als "niedrig, schwerfällig und horizontal" (de architectura, 3, 3, 5). Bekanntester Vertreter dieses Typus ist der Tempel des Iuppiter Capitolinus in Rom.

Nach vorne hin öffneten sich viele Tempel über die Treppe zum Vorplatz mit dem Opferaltar, welcher zur rituellen Kommunikation mit der Gottheit im Opfer diente. Oft gab es weitere Nebengebäude auf dem Tempelareal, in denen die Tempelküche, Verwaltungsräume und Stauraum für Opferzubehör (Liegen, Brennholz, Wasser, Kochgeschirr, etc.) untergebracht waren. Auch das Podium des Tempels konnte solche Räume enthalten.

Bau eines Tempels

Vor der Errichtung eines Tempels musste der zu bebauende Platz in einer literatio von jeglichen Ansprüchen der Menschen oder eventuell dort lebenden Geistern gelöst werden. Dieses Ritual wurde durch einen Auguren vollzogen. Anschließend musste der zuständige Bauleiter (Magistrat, Duumvir, Sacerdos, etc.) den Ort eindeutig als Tempelplatz deklarieren und ihn in das Eigentum des Gottes überführen, was consecratio genannt wurde. Durch einen Auguren erfolgte die sogenannte effatio, die verbale Raumdefinition in aufwendiger, ritueller Form, bei welcher der genaue Grundriss und die Ausrichtung des Tempels festgelegt wurden. War das Gebäude fertig gestellt, so wurde auch dieses noch einmal durch eine Weihung in die Verfügungsgewalt des Gottes (ius divinum) übergeben. Die Stiftungstage vieler Tempel wurden als natalis templi (Tempelgeburtstag), offziell gefeiert.

Funktion und soziale Bedeutung

Tempelgebäude und Kultbild waren nicht zwingend notwendig für Cultus und religiöse Praktik, dienten jedoch der emotionalen Nähe und Kontaktaufnahme mit den Göttern. Dem Kultbild wurden unblutige Opfer, gekochte Fleischteile und Votivgaben auf einem Tisch, der mensa, angeboten, die Kommunikation mit dem durch das Kultbild repräsentierten Gott fand auf einer beinahe persönlichen Ebene statt. Zum heiligen Hausrat (sacra suppelex) gehörten darüber hinaus die Opfertische (mensae), tragbare Feuerherde (foci), Opfergefäße (vasa) und das für die öffentliche Speisung notwendige Polster (pulvinar) sowie die Weihegeschenke (ornamentum).

Da der Tempel als Repräsentation des jeweilgen Kultes galt, wurden die Tempel unerwünschter Kulte oft Zielscheiben für Angriffe gegen jene Kulte.


Literatur:
Rüpke, Jörg: Religion, Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd.X, Hrsg. Hubert Canick & Helmuth Schneider, Stuttgart/Weimar 2001;
Rüpke, Jörg: Die Religion der Römer, C.H. Beck, München 2001.
Schollmeyer: Römische Tempel - Kult und Architektur im Imperium Romanum, Darmstadt 2008.

Persönliche Werkzeuge