Germania inferior

Aus Theoria Romana

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Inhaltsverzeichnis

Lage und Geografie

Die Provinz Germania inferior (dt. "Niedergermanien") war die nordöstlichste römische Provinz auf dem europäischen Festland. Sie bestand im Wesentlichen aus einem schmalen Landstreifen zwischen Mosa (heute Maas) und Rhenus (heute Rhein), der vom Mare Germanicum (heute Nordsee) bis zum Vinxtbach reichte. Südlich davon grenzte Germania superior an, westlich Gallia Belgica.

Grenzen

Die detaillierte Grenzziehung folgte landschaftlichen und politischen Gegebenheiten. Im Norden bildete der Rhenus beim Kastell Lugudunum (heute Katwijk-Bittenburg) eine Barrieren gegen Chauken und Friesen. Wie heute hatte der Rhein drei Mündungsarme, deren Verlauf jedoch von den heutigen Gegebenheiten abweicht. Als nördlichster Arm mündete der Flevum wahrscheinlich nördlich von Velsen und ist entweder mit der Vlie oder der Ij identisch. Der zweite Mündungsarm behielt mit Rhenus den Flußnamen und war damals viel breiter als heute. Er liegt unmittelbar nördlich des Kastells Lugudunum. Der größte Mündungsarm Helinium ist jedoch der südlichste der drei Arme und verband in seinem Delta Waal, Maas und Striene.

Weiter nach Süden bildete grundsätzlich der Rhein die Grenze nach Osten, wobei auch das östliche Ufer unter römischer Kontrolle stand. So standen nicht nur die Friesen, sondern auch die Ampsivarier unter römischem Einfluss. Weiter südlich wurde der Drachenfels auf dem östlichen Rheinufer bei Bonna (heute Bonn) genutzt sowie nicht näher zu lokalisierende tegularia transrhenana (Ziegeleien jenseits des Rhein).

Ähnlich stellt sich das Bild an der Westgrenze der Provinz dar, wo die Maas auch nicht die direkte Grenzlinie bildete, sondern Teile des Südufers ebenfalls noch zur Provinz gehörten. Die Grenze begann im Mündungsgebiet der Scaldis (heute Schelde) und verlief nach Osten durch das heutige Noord-Brabant Weiter östlich schloss die Grenze noch das Sumpfland des heutigen "Groote Peel" ein und bog dann nach Süden am, um dem linken Flussufer der Maas zu folgen. Nicht eindeutig geklärt ist, ob die civitas Tungrorum mit ihrem Hauptort Aducatuca (heute Tongeren) noch zur Provinz gehörte oder die Grenze schon vorher nach Südwesten abbog und die Maas überquerte. In jedem Fall schloss die Grenze in ihrem weiteren Verlauf da Hohe Venn aus und führte in einem sanften Bogen durch die Eifel nach Süden. Der südlichste Grenzpunkt dürfte südlich von Icorigium (heute Jünkerath) beim vicus Ausava (heute Oos) gelegen haben, während als sicherer Grenzpunkt Obrincas (bei Brohl-Lützing) an der Mündung des Vinxtbaches in den Rhein angenommen wird.

Landschaftsbild

Alle Mündungsgebiete des Rheins standen unter dem Einfluss von Ebbe und Flut mit in Richtung Osten abnehmendem Gezeitendruck. Tacitus nennt hier die insula Batavorum (Insel der Bataver), die heute identisch ist mit der Landschaft Betuwe. Hier war die Landschaft zwar immer noch moorig, dennoch siedlungsfreundlicher da man hochwasserfreie Flächen einrichten konnte. In römischer Zeit waren hier vor allem Laubwälder mit Buchen und Eichen anzutreffen, die erst mit planmäßigen Rodungen zur Gewinnung von Siedlungsland vernichtet wurden.

Weiter nach Südosten folgt das Niederrheinische Flachland, das ebenfalls mit Laubwäldern bedeckt war, bevor mit der Niederrheinische Bucht mit seinen Lössböden zwischen Neuss, Bonn und Aachen der Kern der Provinz erreicht war. Dieses Gebiet war schon seit der Jungsteinzeit besiedelt und daher weitgehdn waldfrei. Der fruchtbare Lössboden und die günstigen klimatischen Verhältnisse brachten eine reiche Getreideernte hervor.

Noch weiter nach Süden folgte die Eifel, die gemeinsam mit den Ardennen und dem Hohen Venn bildeten sie wiederum ein großes zusammenhängendes Waldgebiet, das silva Arduinna (Ardennenwald) genannt wurde und dessen größter Teil zur Provinz Gallia Belgica gehörte. Es hatte raues Klima, viele Niederschläge und eignete sich vor allem für Wald- und Weidewirtschaft, während Landwirtschaft kaum Erträge brachte. Wichtig waren aber die Bodenschätze wie Eisen, Blei, Zink, Tuff- und Kalkstein, sowie die großen Wasserreserven, die durch den Bau von Wasserleitungen zur Versorgung der Provinzhauptstadt erschlossen wurden.

Zu Germania inferior gehörte schließlich auch ein kleiner Teil des Mittelrheingebietes im Bereich des Durchbruchs durch das Schiefergebirge.

Vorrömische Geschichte

Die Besiedlung des späteren Provinzgebietes reicht bis in die Jungsteinzeit zurück und breiteten sich zunächst vor allem an den Wasserwegen aus. Der Rhein wurde vermutlich spätestens in der Bronzezeit als Handelsweg erschlossen. Insbesondere kam es entlang seines Verlaufes zu einer Vermischung von keltischen Einflüssen aus dem Westen und germanischen Einflüssen aus dem Osten. Beide Kulturen waren im Wesentlichen Bauernkulturen, die sowohl Gehöfte als auch kleine Dörfer mit Befestigungen und Friedhöfen anlegten. Spätestens im letzten Abschnitt der vorrömischen Eisenzeit ist eine deutliche Trennung kaum möglich, auch wenn das Provinzgebiet allgemein wohl dem keltischen Kulturkreis in Gallia deutlich näher stand.

Ersten Kontakt mit den Römer hatte das Gebiet durch die Eroberungen Gaius Iulius Caesars, der zwischen 58 und 51 v. Chr. ganz Gallien unter römische Kontrolle brachte und bis an den Rhein vorrückte. Mindestens zweimal (55 und 53 v. Chr.) überquerte er dabei auch mit Brückenschlägen im heutigen Neuwieder Becken den Rhein, um das östliche Ufer unter Kontrolle zu bringen oder zumindest die römische Macht zu demonstrieren. Aus römischer Sicht bildete der Rhein die natürliche Grenze zwischen Gallien und Germanien und Caesar versuchte zeitweise, alle linksrheinisch siedelnden Germanen zu vernichten, da sie in seinen Augen offenbar ein großes Gefahrenpotenzial darstellten. Ambitionen, die Grenze des römischen Reiches über den Rhein hinaus zu schieben, hatte er jedoch nicht.

Mit dem erfolgreichen Abschluss der Eroberung Galliens wurde Germania inferior zunächst Teil der Provinz Gallia Belgica und bildete lediglich einen schmalen Militärbezirk, in dem ein konsularischer legati Augusti pro praetore exercitus Germanici inferioris das Kommando über die römischen Truppen führte.

Römische Geschichte

Unter Augustus wurden massive Bestrebungen unternommen, das rechtsrheinische Gebiet unter römische Kontrolle zu bringen und die Provinz im Idealfall bis zur Elbe zu erweitern. Nach Feldzügen von Drusus 12-9 v. Chr. und Tiberius 4-6 n. Chr., in deren Zuge unter anderem die Sugambrer nahezu vernichted und ihre Reste links des Rheins angesiedelt wurden, galt das freie Germanien östlich des Rheins auch tatsächlich als weitgehend befriedet. Mit der verheerenden Niederlage des Statthalters Publius Quintilius Varus in der sogenannten Varusschlacht 9 n. Chr. stellte sich diese Einschätzung jedoch als Irrtum heraus. Der germanische Aufstand unter Führung des Arminius überraschte die Römer und der Verlust dreier Legionen stellte für das Reich einen schweren Schock dar. Schreckensszenarien eines großen germanischen Einfalls nach Gallien oder sogar Italien bewahrheiteten sich jedoch nicht, so dass trotz der hohen Verluste von einem lokalen Aufstand ausgegangen werden muss, der jedoch einen entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der Provinz Germania inferior hatte.

Rom verlegte sich von nun an weitgehend auf die Defensive, sicherte die Rheingrenze und ließ lediglich durch Germanicus die Legionsadler wiederbeschaffen, die in der Varusschlacht verloren gegangen waren. Das östliche Rheinufer wurde lediglich soweit kontrolliert, dass es frei von germanischen Siedlungen blieb und bei Bedarf als Aufmarschgebiet oder als Weideland genutzt werden konnte. Lediglich die Friesen im Norden der Provinz blieben bis etwa 47 n. Chr. unter direkter römischen Kontrolle.

Abgesehen von den Chauci, die mit schnellen Schiffen gelegentlich das Küstengebiet unsicher machten, blieb Germania inferior eine vergleichsweise ruhige Region. Als jedoch ein Teil der Besetzungsmacht im Zuge des Vierkaiserjahres 69 n. Chr. nach Italien abzog, erhoben sich die Bataver unter Iulius Civilis, riefen ein eigenständiges Imperium Germaniarum et Galliarum aus und überrannten innerhalb kurzer Zeit alle Legionslager der Provinz. 70 n. Chr. konnte der Aufstand jedoch durch Hinzuziehung weiterer Truppen (legio VI Victrix aus Hispania) unter Kaiser Vespasian niedergeschlagen werden. Als Folge tauschte Vespasian zahlreiche der als unzuverlässig eingestuften aufständischen Hilfstruppen aus. Danach setzte eine weitere Friedenszeit ein, die etwa 200 Jahre andauerte.

Unter Kaiser Domitian erhielt Germania inferior um 83 n. Chr. schließlich ein einges Provinzgesetz und damit den Status als eigenständige Provinz. Sitz des legatus augusti pro praetore wurde Colonia Claudia Ara Agrippinensium (heute Köln). Die Finanzverwaltung wurde jedoch weiterhin von einem procurator Augusti provinciarum Belgicae et utriusque Germaniae geführt, der seinen Sitz in Augusta Treverorum (heute Trier) hatte und dem jeweils ein subprocurator für jede der drei von ihm zu betreuenden Provinzen untergeordnet war.

Die lange Friedenszeit erlaubte auch eine Reduzierung der Streitkräfte in der Provinz. Von ursprünglich vier Legionen in den Doppellegionslagers Vetera (bei Xanten) und Köln blieben nach mehrfachen Verschiebungen unter Trajan schließlich nur zwei Legionen in Vetera und Bonna übrig.

Erst für das Jahr 256 n. Chr. sind Einfälle der Franken nachweisbar, wobei davon auszugehen ist, dass der Druck auf die Grenzte schon vorher zunahm und nur durch militärische oder diplomatische Einsätze gelindert werden konnte. Unter dem Eindruck der feindlichen Einfälle wurde 259 n. Chr. in Köln durch Marcus Cassianus Latinius Postumnus das imperium Galliarum ausgerufen, dass als abtrünniger Reichsteil etwa 15 Jahre Bestand hatte, in dieser Zeit aber tatsächlich für eine Entlastung an der Rheingrenze sorgen konnte.

Unter Diokletian wurde die Provinz in Germania II umbenannt, in ihren Ausmaßen jedoch nicht verändert. Unter den Kaisers Konstantin I. und Valentinianus I. wurde eine Verstärkung der Rheingrenze durch den Bau kleiner Befestigungen (sogenannter burgi) vorgenommen, die sowohl direkt an der Grenze als auch im Binnenland errichtet wurden. Ein konkretes Jahr für das Ende der Provinz kann nicht angegeben werden, da sich offenbar eher eine schleichende Vermischung der römischen mit der fränkischen Kultur ergab. Am ehesten kann noch die Eroberung Kölns durch die Franken 465 n. Chr. als Schlusspunkt angesehen werden.

Militär

Augustus konzentrierte nach der Niederlage des Varus insgesamt vier Legionen waren in Germania inferior. Ihre Lager waren zunächst die Doppellegionslager in Vetera und Köln. Ob in Batavodurum (später Colonia Ulpia Noviomagus, heute Nijmegen) eine weitere Legion stand oder es nur zeitweise als Lager einer Legion aus Vetera genutzt wurde, ist nicht klar. Mit der Abberufung des Germanicus von der Rheinfront wurde das Lager in Köln aufgelöst und die Legionen nach Novaesium (heute Neuss) und Bonna verlegt. Das Doppellegionslager in Vetera wurde nach dem Bataveraufstand aufgelöst und nun sicher eine Legion nach Batavodurum verlegt. Die zweite Legion verließ Vetera im Jahr 92 n. Chr. und wurde durch die aus Novaesium nachrückende legio VI Victrix ersetzt. Deren ehemaliges Lager wurde zum reinen Hilfstruppenlager. Schließlich wurde um 120 n. Chr. auch das Lager von Batavodurum aufgelöst.

Zusätzlich zu den Legionen waren in Summe mindestens 20 namentlich bekannte alae und 34 cohortes der Hilfstruppen in Germania inferior stationiert. Davon entfallen etwa 8 alae und 30 cohortes auf die Zeit des Tiberius. Zusammen mit den Legionen kann man von einer Truppenstärke von ca. 38.000 Mann ausgehen. Bei einer Grenzlinie von etwa 320 km bedeutet dies etwa 120 Soldaten pro Kilometer. Unter Vespasian sind 6 alae und 21 oder 22 cohortes bekannt, unter Hadrian 6 alae und 13 cohortes. Zu Beginn des 3. Jh. n. Chr. waren es immerhin noch 7 alae und etwa 15 cohortes. Geht man davon aus, dass die Legionen zu dieser Zeit bereits nicht mehr mit der klassischen Sollstärke von 5.000 Mann operierten, ergibt sich damit einen nur noch halb so starke Besatzung wie zu tiberischer Zeit. Zusätzlich zu den Truppen ist noch die römischen Rheinflotte zu rechnen. Die classis Germanica hatte ihren Stützpunkt südlich von Köln. Weitere Basen waren Fectio (heute Bunnik-Vechten), Matilo (heute Leien-Roomburg) und Lugudunum. Die Hauptaufgabe der Flußstreitkräfte bestand in der Gewährleistung der freien Schifffahrt auf dem Rhein und seiner Nebenflüße. Daneben führte sie zahlreiche Transportaufgaben aus, beispielsweise den Transport der Steine aus den Brüchen des Brohltales im Siebengebirge. Auch lebensnotwendige Güter, insbesondere Getreide, zur Versorgung der Truppen in den Legionslagern, wurden auf dem Wasserweg transportiert.

Wirtschaftliche, strategische und kulturelle Bedeutung

Die starke römische Truppenpräsenz macht die strategische Bedeutung des Militärbezirks und der Provinz Germania inferior deutlich. Mit der Aufgabe der Eroberungspläne für das freie Germanien wurde die Rolle als militärische Operationsbasis jedoch fortschreitend zurückgedrängt und durch wirtschaftliche Entwicklungen ersetzt. Gegenüber dem freien Germanien, in dem nur der Handel als gewinnbringend galt, hatte Germania inferior den Vorteil, dass sowohl Bodenschätze (wie Trachyt u.a. Steine) als auch Landwirtschaft und Viehzucht vorhanden waren. Plinius lobte etwa die Ubier für ihre Ackerbaukunst sowie die zahlreichen germanischen Gänse (Daunenproduktion).

Zu Beginn musste noch vieles importiert werden, da die Siedlungen und Militärlager schneller wuchsen als die lokale Wirtschaft. Die Abhängigkeit von Gallien und Italien dürfte dann aber der Ansporn gewesen sein, den Bedarf aus eigener Produktion zu decken. Dies ging mit dem Ausbau der Verkehrswege einher. Nicht einmal ein Jahrhundert wurde benötigt, um die Importe maßgeblich zurückzudrängen und in einzelnen Bereichen sogar zu exportieren.

Ein wichtiger Bodenschatz war Blei, das zwischen Kommern, Mechernich und Keldenich in der Nordeifel gewonnen wurde. In der Nordeifel wurden zudem Rot- und Brauneisenstein im Tagebauverfahren gewonnen. Kupfer gab es in der Provinz keines, jedoch lagen Vorkommen rechts des Rheins bei Rheinbreitbach, wo Spuren römischen Abbaus gefunden wurden. Steinkohle gewann man zwischen Aachen und Eschweiler. Der Goldbergbau spielte nur eine geringe Rolle, etwa in der Hohen Venn westlich von Monschau/Eifel. Wichtiger war wohl das Rheingold, der schon damals als aurifer (goldtragend) galt.

Wichtige Baumaterialien wurden allesamt im Süden der Provinz gebrochen. Eine Ausnahme bildete der für Bauzwecke kaum verwendbare Kalksandstein am Liedberg bei Mönchengladbach. Das grobe Sedimentgestein Grauwacke fand man in der Nähe der Provinzhauptstadt gleich am Flußufer und wurde in grossen Mengen verschifft. Leicht gewinnbarer Säulenbasalt wurde in der Mittelrheinregion sowohl linkerseits als auch rechterseits des Rheins abgebaut. Das Vulkangestein Trachyt brach man am Drachenfels und am Rüdenet bei Königswinter. Das meistverwendete Baumaterial war Tuffgestein, welches im Brohltal und in der Pellenz nördlich und südlich des Laacher Sees in rauen Mengen gewonnen wurde. In der Nordeifel gab es zudem grosse Dolomitbänke, die eine industrielle Kalkgewinnung rentabel machten. Ergänzt wurde die Baumaterialgewinnung schließlich durch zahlreiche Ziegeleien.

Das Wirtschaftszentrum der Provinz war Köln. Die dort ansässige keramische Industrie produzierte nicht nur für den lokalen Markt sondern auch für den Export. Bereits vor der Erhebung zur colonia im 1. Jh. n. Chr. gab es dort ein großes und vielfältiges Angebot an Geschirr und Lampen. Neben Gebrauchsgütern produzierte der Keramiksektor auch den Nachschub für einen ausgedehnten Devotionalienhandel mit kleinen Götterstatuetten. Auch die Herstellung von Theatermasken aus weissem Pfeifenton ist gesichert. Die agrippensischen Tonwaren erfreuten sich in der ganzen Provinz großer Beliebtheit und im Export gelangten sie hauptsächlich nach Britannia. Der wichtigste Wirtschaftszweig der Provinzhauptstadt war jedoch die Glasherstellung, deren Erzeugnisse auch ins freie Germanien exportiert wurden. Der zur Herstellung nötige reiner Quarzsand wurde westlich von Köln in großen Mengen gewonnen.

Gemessen an Provinzen vergleichbarer Größe ist die Zahl der Städte in Niedergermanien sehr gering geblieben. Es gab nur vier coloniae bzw. municipia: die Provinzhauptstadt Colonia Claudia Ara Agrppinensium, die vermutlich 98 n. Chr. gegründete Colonia Ulpia Traiana (heute Xanten), die Colonia Ulpia Noviomagus und das municipium Aelium Cannanefatium (zuvor Forum Hadriani genannt, heute Voorburg-Arentsburg).

Religion

Mit der Eroberung durch die Römer kamen auch deren religiösen Vorstellungen in die germanischen Provinzen. Die Methode, einheimische Gottheiten und Kulte dem griechisch-römischen Pantheon anzugleichen führte zu einem komplexen religiösen Gesamtbild.

Großer Beliebtheit erfreute sich Merkur, da er zahlreiche Funktionen in sich vereinigte. So wurde er von den antiken Schriftstellern mit den unterschiedlichsten einheimischen Gottheiten (Wotan, Teutates, Esus, etc.) verschmolzen. Im Zweifelsfall kombinierte man einfach die Namen beider Götter, wie bei Mercurius Gabrinius, einer Mischung aus Merkur und dem in der Bonner Gegend verehrten Gebrinius. Mit Mars, Victoria und Hercules wurde ähnlich verfahren, etwa als Mars Halamardus oder Mars Camulus, während Hercules bei den Germanen als römische Version des Donar galt. Hercules Saxanus (= der Felsenharte) war der Schutzpatron der Arbeiter in den Steinbrüchen. Apollo wurde vor allem als Heil- und Gesundheitsgott verehrt und verschmolz in dieser Funktion mit dem einheimischen Grannus, der schon Heilquellen seinen Namen verliehen hatte (Aquae Granni). Ihm zur Seite gestellt waren manchmal Sanus (Gesundheitsgöttin), Diana (als waldbetonte Jagdgöttin) und Silvanus (als Gott der Wälder und Fluren). Der Bärenfänger Cessorinius stiftete letzterem in Vetera (Xanten) eine Statue. Dem Volcanus entsprach ein lokaler Gott, der namentlich nicht überliefert wurde, den Attributen nach aber als Schlägel- und Hammergottheit bezeichnet wird. Fortuna wurde in zahlreiche Statuetten geformt und galt als Heilgöttin im Gefolge des Apollo. Sie beschützte in Untergermanien öffentliche Bäder. Der Schwerpunkt der Venusverehrung lag nicht in ihrer Funktion als Liebesgöttin, sondern in ihrem breiten einheimischen Bogen als Muttergottheit.

Die Zahl der einheimischen Gottheiten, die nicht mit dem römischen Pantheon in Verbindung gebracht wurde, blieb indes ebenfalls nicht unerheblich. Dies bedeutet aber zugleich, dass über ihre Namen und Funktionen kaum etwas überliefert wurde. Bekannt sind etwa Requaliuahanus, Varneno, Hludana, Hurstrga, Iseneucaega, viradegdis, Apadeua oder Sandravdiga. Für sie alle sind cultores templi (Tempelpfleger) bezeugt. Sunux(s)al gilt als Stammesmutter der Sunuci, die wohl in der Umgebung von Aachen beheimatet waren. Von überregionaler Bedeutung scheint Vagavercustis gewesen zu sein, da ihr sogar ein römische Prätorianerpräfekt einen Altar stiftete. Bessere Überlieferungen gibt es bei Epona, der Schutzgöttin der Reisenden, Zug-, Last- und Reittiere, ihrer Führer, Stallungen und Unterkünfte. Ebenfalls gut bekannt ist Nehalennia, eine Beschützerin der Kaufleuten und Händler, die entlang des Rheins bis nach Britannien reisten.

Seit 63 v.Chr. stand in Rom auf dem Kapitolhügel eine Säule mit dem thronenden Iuppiter. Sie wurde seit der Zeit Neros vor allem in den germanischen und nordgallischen Provinzen nachgeahmt. Besonders auf dem Land waren derartige Iuppitersäulen üblich. Eine Besonderheit des ostgallischen Raumes waren Säulen mit dem Bild des reitenden Himmelsgottes samt eines sich ergebenden (oder niedergerittenen) Giganten. Hier mischte sich die römische Religion mit der einheimischen. Taranus, dessen Symbol auch das Rad war, und der laut Überlieferung in Form einer Eiche verehrt wurde, glich sich dem Iuppiter an. Die Angleichung der Götterwelten erfolgte keineswegs unter Zwang oder einseitig von den Römern aus. Sie vollzog sich in beiderseitigem Einvernehmen und zeigt auch die Ähnlichkeiten in vielen Kulten auf.

Rein römische Götter wurden mit klassisch-römischen Bauwerken verehrt. Die einheimischen Tempel hatten hingegen ein anderes Aussehen. Die cella bestand aus einem turmartigen Gebäude mit zwei Stockwerken und einem offen Säulengang rundum. Ein solches Heiligtum wird als „gallo-römischer Umgangstempel“ bezeichnet. Diese Bauform wurde in der ganzen Provinz zahlreich ergraben. Tempelanlagen in einheimischem Stil beherbergten oft mütterliche Segens- und Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Mit den römischen Göttern hielten auch orientalische Mysterienkulte Einzug in den germanischen Provinzen. Der Kybele-Kult ist durch das taurobolium (Blutstaufe) in Neuss archäologisch erwiesen. Das Zentrum des Isis-Kults dürfte Köln gewesen sein, wo sie als Myrionyma (Isis mit den 10.000 Namen) verehrt wurde. Belege gibt es auch für die Verehrung des ägyptischen Himmels- und Sonnengottes Ammon (meist mit Iuppiter gleichgesetzt) und dem Iuppiter Dolichenus, der besonders beim Heer beliebt war. Von letzterem sind Kultstätten in Vetera Köln und Rigomagus (heute Remagen) identifiziert worden.

Der wichtigste Mysterienkult in Untergermanien war der des persischen Lichtgottes Mithras. Die Zahl der belegten Kultstätten ist jedoch bei weitem nicht so gross wie in der Nachbarprovinz Germania superior. Die Orte der Verehrung waren klein und einer Höhle nachgebildet, die das Himmelsgewölbe darstellten. Interessant ist, dass bei einer Vergrößerung der Gläubigen nicht die Kultstätte vergrößert, sondern eine neue geschaffen wurde. Für Köln sind alleine drei Mithräen bekannt, weitere in Durnomagus (heute Dormagen) und der Colonia Ulpia Traiana. Da der Kult der größte Konkurrent des Christentums war, wurden später alle Mithräen systematisch zerstört.

Die ersten christlichen Gemeinden soll es in den germanischen Provinzen bereits Ende des 2. Jh. n. Chr. gegeben haben. Die erste ergrabene christliche Kirche ist für Köln unter dem heutigen Dom bezeugt; die meisten aber waren cellae memoriae (Gedächtniskapellen) auf Friedhöfen. Fast alle untergermanischen Kirchen hatten ihre Existenz solcher Friedhofskapellen zu verdanken. Sie bildeten denn auch oft den Kern der mittelalterlichen Städte, wohingegen die Römersiedlungen aufgegeben wurden und heute in mancher städtischer Randlage zu finden sind.

Grabbauten mit entsprechender Ausstattung je nach dem Besitz des Toten sind für die gallischen und germanischen Provinzen typisch. Besonders reich sind Beigaben im gallisch-germanischen Grenzgebiet; wohingegen sie dem Rhein hinauf wieder abnehmen. Gräber wurden konsequent außerhalb der Stadtmauern angelegt. Viele Gräber in Gallia und den germanischen Provinzen wurden reich mit Beigaben versehen; vor allem bei Frauengräbern. Männer erhielten nur dann Beigaben, falls sich in der Gegend keltisches Brauchtum erhalten hatte, Werkzeuge und ähnliches Gerät mit ins Grab zu leben.

Besonders reiche Hügelgräber fand man im Gebiet westlich der mittleren und unteren Maas, was auf starken keltischen Einfluss zurückzuführen sein dürfte. Solche Bestattungen sind namenlos und entsprechen nicht dem römischen Sinn nach Erinnerung durch die Nachfahren. So sind die zahlreichen steinernen Grabmonumente das sichtbarste Zeichen der Romanisierung der Provinz Untergermanien. Die ersten Grabsteine wurden noch importiert; später entstanden entlang des Rheins zahlreiche Werkstätten um den Bedarf zu decken. Immerhin machen Grabsteine den größten Fundbestand in Museen aus. Aus dem griechischen Raum wurden schließlich Hypogäen (unterirdische Grabkammern) übernommen, wovon alleine in Köln wenigstens neun nachgewiesen werden konnten. Auch diese waren über die Jahrhunderte in Gebrauch.

Literatur:
Imperiumromanum.com: Die germanischen Provinzen
Tilmann Bechert, Die Provinzen des römischen Reiches, Mainz, 1999

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