• „Cadior“, begann ich, als wir alleine waren. „Deine Sorge in Ehren, aber das muss jetzt aufhören. Rechtlich gesehen bist du mein Eigentum und nicht ich deins.“


    So streng ich konnte, blickte ich Cadior an. Eigentlich konnte ich ihm nicht wirklich böse sein. Er war treu und ergeben und er übertrat nie die Grenzen.

  • Innerlich kopfschüttelnd betrachtete ich meinen Sklaven. In der Beziehung war er etwas verbohrt. Ansonsten besaß er aber große Fähigkeiten, vor allem im Umgang mit Pferden, war klug und von respektabler Natur. Zudem besaß er einige bewundernswerte Eigenschaften.


    In jedem Fall war er kein Mann für den Sklavenstand. Er gehörte da einfach nicht rein und er würde sich auch niemals in diese Lage einfügen. Mein Entschluss stand fest.


    „Ich biete dir deine Freiheit an, gegen einen lebenslangen Vertrag als Pferdetrainer in meinem Gestüt. Das alles nützt mir natürlich nur dann etwas, wenn du auch innerlich dieses Angebot annehmen kannst und ich dir so vertrauen kann wie bisher.“


    Fragend blickte ich Cadior an. Obwohl ich ihn sehr gut kannte, wusste ich nicht zu sagen, wie er wohl darauf reagieren würde.

  • „Nein, das geht nicht. Ich könnte dir einmal jährlich einen begrenzten Urlaub gewähren, in welchem du dann nach Germanien reisen kannst.“


    Etwas leichter hatte ich mir diese Unterredung schon vorgestellt und vor allem auch mit etwas mehr Freude bei Cadior verbunden.

  • Ungeduldig wartete ich auf die Antwort Cadiors.


    „Also was sagst du? Besitze ich auch weiterhin deine Treue, falls ich mich dazu entschließen kann, dich freizulassen?“


    ‚Dieser Sklave’, dachte ich bei mir. Ein Ochskopf war gar nichts dagegen. Ob wohl alle Germanen so waren wie er? Bei all der Dickköpfigkeit, manche würden es gar Aufsässigkeit nennen, war er jedoch verlässlicher als so manch scheinheiliger Bürger mit Wohnrecht in Rom. Ich schätzte ihn und er besaß meine Sympathie.

  • „Meine Verbundenheit zur Familie der Aurelier basierte stets auf meinem freien Willen. Keine Macht der Welt könnte mich zu irgendetwas zwingen. Was willst du hören? Das es so bleibt? Selbstverständlich bleibt das so! Was sollte sich auch daran ändern?“

  • „Cadior, du bist unverschämt“, erwiderte ich, musste aber dennoch schmunzeln.


    Ich holte mir ein Pergament und setzte mich. Mit geschwungenen Schriftzügen bestätigte ich auf diesem Papier meinen Entschluss. Noch eine Unterschrift, dann war es vollbracht.


    „Schau es dir vorher an. Ich weiß du kannst lesen“, forderte ich Cadior, der nun nicht mehr mein Sklave war, auf, als ich ihm das Schriftstück überreichte.




    Freilassungsbrief!


    Ich, Aurelia Deandra, entlasse meinen Sklaven Cadior
    am heutigen Tage ANTE DIEM IX ID FEB DCCCLV A.U.C.
    (9.2.2005/102 n.Chr.) aus meinen Diensten.


    Er ist somit frei!


    gezeichnet
    Aurelia Deandra

  • ‚Hm’, dachte ich bei mir. Eine Frau würde es bei Cadior nicht eben leicht haben. Da war ich doch froh, dass Sophus ein ganzes Stück gefühlvoller war, auch wenn sich die beiden in manch anderer Beziehung durchaus ähnlich waren.



    „Und Cadior … Such dir ein anderes Objekt, dem du deine Führsorge zuteil werden lassen kannst. Ich habe es geschätzt, solange ich frei und ungebunden war, dass du mich ständig bewacht und abgeschirmt hast. Sicherlich gab es dafür auch einen berechtigten Grund.
    Als ich damals nach Ostia zog, hatte ich eine Menge Flausen im Kopf, wollte alles und jeden haben, doch das hat sich inzwischen geändert. Ich brauche deine Aufsicht nicht mehr. Ich denke, ich bin mittlerweile erwachsen geworden.“


    Aufmunternd zwinkerte ich Cadior zu.


    „Ich habe da auch schon ein gewisses Persönchen im Auge.“

  • Ich trat in den Raum und schloss die Tür.


    "Es hat etwas länger gedauert, ich wurde aufgehalten. Nun aber zu dir", setzte ich das Gespräch mit Cadior fort und nahm auf einem Stuhl Platz.


    "Setz dich bitte, ich habe einen Auftrag von besonderer Wichtigkeit für dich. Ich möchte, dass du noch heute nach Hispania aufbrichst. Tarraco ist dein Ziel und dort die Villa Tiberia. Dort nimmst du die Sklavin des Tiberiers Vibullius in Empfang und bringst sie hierher. Falls ich bei deiner Rückkehr bereits in der Stadtvilla sein sollte, dann erwarte ich dich dort. Du nimmst zwei Schreiben mit auf die Reise - eines von dem ehemaligen Pater der Tiberier und eines von mir. Mit diesen sollte die Übergabe der Sklavin keinerlei Probleme bereiten. Falls doch, erwarte ich Post von dir."


    Ich drehte mich um, griff nach einer Feder und tauchte diese in ein Fass mit der Tinte des Tintenfisches. In geschwungener Schrift hinterließ ich meine Wünsche an den Pater Familias Maximus, trocknete das Pergament und rollte es zusammen. Wortlos reichte ich es Cadior


    http://www.gms-net.de/gesamt/S…are/Museum/briefrolle.jpg

  • "Genau um die geht es - Parisaa. Lass dich auf keinerlei Diskussion in Hispania ein. Vibullius ist noch immer ihr Herr, auch wenn er ansonsten entrechtet wurde."


    Ich wünschte Cadior noch viel Glück auf dem Weg und eine Reise ohne Kriegswirren. Aufschieben wollte ich die Angelegenheit nicht. Die Situation konnte sich im schlimmsten Fall noch drastisch verschärfen, also handelte ich lieber jetzt.

  • Eine der selten gewordenen, ruhigen Minuten nutzte ich und zog mich mit Cadior in das kleine Zimmer neben der Empfangshalle zurück. Es gab vieles zu klären und einiges zu regeln.


    "Cadior, wie lief dein Besuch in Hispania ab", fragte ich als erstes.


    Zwar war mir Parisaa bereits über den Weg gelaufen und ich wusste somit, dass sie hier war, aber mich interessierte die ganze Gechichte.

  • "Ich traf Helena Tiberia an. Die Übergabe der Parisaa lief ohne Probleme. Sie lässt Grüße ausrichten, gab mir zwei Flaschen Wein und diesen Brief an dich mit."


    Ich reichte Deandra das zusammengerollte Pergament.




    Salve Aurelia Deandra!
    Mein Gemahl ist zurzeit im Krieg und somit antworte ich dir. Selbstverständlich kann Parisaa mit, ich kenne das Verhältnis zu euch und ihr kennt sie um einiges besser als wir. Bei euch wird sie sich sicherlich wohler fühlen! Richte Commodus viele liebe Grüße in unser beider Namen aus!


    Liebe Grüße,


    Helena Tiberia


    P.S. Sollte mein Kind gesund auf die Welt kommen, so werden wir dies feiern! Und dich möchte ich mit deiner Familie schon einmal im voraus einladen!

  • „Oh, Helena sieht Mutterfreuden entgegen“, sagte ich lächelnd, als ich mit lesen fertig war. „Leider kann ich nicht reisen. Die Trauerfeierlichkeiten verbieten es.“


    Kurz sann ich noch über diese frohe Botschaft nach, dann erinnerte ich mich wieder meines eigentlichen Anliegens.


    „Cadior, ich habe schon wieder einen neuen Auftrag für dich. Ich traf kürzlich einen Magister Navis Iulius Philippos. Er bat mich noch vor seiner Abreise in eine ungewisse Zukunft, sein Testament zu den Vestalinnen nach Rom zu bringen.


    Außerdem übergab er mir noch einen Brief. Dieser muss nach Germanien - Mogontiacum in die Casa Duccia gelangen. Es ist eine Benachrichtigung an Rhenusia, seine Liebste offenbar.“



    Ich seufzte. Cadior wäre gerade jetzt unabkömmlich gewesen und doch musste ich ihn umgehend entsenden, um diese Wege für mich zu erledigen.

  • "Hier ist das Testament des Philippos." Ich reichte Cadior das Dokument.





    Testament


    Salve


    Ich Iulius Philippos verfüge das:
    Mein leib wenn gefunden verbrand werden muss und die Asche dem Meer übergeben werden soll ob das ich da den Neptun weiter dienen kan.


    Mein Geldliche gutehaben und Gutern sollen Rhenusia Duccia übergeben werden als eisige Erbe für diessen Moment.
    Verkauft Mein Schif und verteil der Aufbring unter die die mir Treu gefolgt sint


    So habe ich verfügt so möge es geschähen.
    Vale
    Iulius.

  • "Dann kann ich gleich die Wege miteinander verbinden. Antoninus gab mir ebenfalls sein Testament, welches ich mit dem anderen in Rom abgeben kann. Ein Brief müsste anschließend noch nach Corsica zu Vibullius."

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