An des Tibers hellem Strande...

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    Auf dem Weg zu dem lauschigen Ort am Tiber unterhielt ich Valentina mit Geschichten rund um diesen Fluss, welche ich eigens recherchiert hatte. Während wir noch über das Forum Boarium schritten vertiefte ich mich in die Aussetzung der Zwillinge Romulus und Remus, welche in früheren Zeiten in einem Korb auf den Fluten ihrem Schicksal entgegen getrieben wurden. Welch‘ Zeiten das gewesen sein müssen. Überhaupt war meine Stimmung eine fröhliche und konnte große Redeanteile für mich verbuchen. Ich erzählte sogar etwas über die Milvische Brücke und bog dann schließlich mit Valentina und Muckel an meiner Seite in kleine Gasse ein, welche aus den Häuserschluchten heraus führte und in der Tat auf eine Freifläche führte, welche dem Tiber sehr nahe war. Bald würden wir das Ziel erreicht haben und meine Vorfreude war ungebremst.


    “Schau nur Valentina, ist das nicht hübsch!?“, fragte ich freudig und deutete auf ein größeres Stück Wiese, auf dem sogar ein einsamer Baum stand. Es gab auch kleine Blumen mit hübschen weißen Blüten, einige Steine, auf denen man es sich bequem machen konnte und nebenan leckte der Fluß am Ufer. Herrlich! Ich atmete tief ein und merkte erst jetzt, dass etwas die Schönheit des Natürlichen trübte. Es war ein süßlicher Miefgeruch, der sich zwar nicht überwältigend, aber dennoch lästig über die Szenerie legte. “Was ist das?“, fragte ich meinen Sklaven und hob schnuppernd die Nase in die Luft.
    Muckel schaute sich um und deutete dann auf einen Ort, der nicht unweit entfernt war. “Da endet die Cloaka Maxima!“, sagte er beinahe beiläufig und zuckte dann mit den Schultern.
    Einen Moment lang hielt ich inne und sagte gar nichts. Nein! Ich wollte mir den schönen Tag nicht verderben lassen und am besten wäre es doch, wenn ich es handhaben würde wie zuvor. Dies war ein wunderbarer Platz. “Bezaubernd ist es hier, nicht wahr?“, wollte ich dann von Valentina wissen und lächelte ihr dabei entgegen. Das musste es sein, denn schließlich hatte ich mich auf diesen Ort vorbereitet und ich wusste auch nicht so schnell, wohin man sonst gehen könnte.

  • Den ganzen Weg über achtete Valentina darauf nicht zu schnell neben Casca herzugehen. Sie bremste ihn sogar etwas aus, wenn sie das Gefühl hatte der Weg stieg ein bisschen an oder war gar zu unwegsam. Ohne das er es jedoch bemerkte wie sie an seinem Redefluss erkennen konnte. Sie hörte ihm aufmerksam zu. Ja sie genoss es sogar. Sie lernte so viel, Dinge die sie zwar schon kannte, lernte sie ganz neu kennen und sie hörte Dinge die ihr vollkommen neu waren. Sie konnte sich die beiden Brüder bildlich vorstellen wie sie auf dem Fluss trieben. Casca hatte eine herrliche Art Geschichte zu erzählen. Als er mal Luft holte, sagte Valentina ihm das auch.
    Sie sah ihn an, lächelte und bat ihn weiterzuerzählen.


    So kamen sie an den Tiber und auch hier hatte Casca nicht zu viel versprochen. Der Ort den er herausgesucht hatte war herrlich. Die Blumen boten einen schönen Kontrast zu dem dunklen Untergrund und das leise Platschen des Flusses rundete alles ab. Dann roch auch Valentina den etwas unangenehmen Hauch des Windes. Und auch wenn sie die Erklärung des Sklaven kaum noch benötigte um zu wissen nach was es hier roch hielt sie dennoch einen Moment den Atem an. Doch dann riss sie sich zusammen. Casca hatte sich so viel Mühe gegeben, da würde sie sich jetzt bestimmt nicht wegen ein bisschen Gestank beschweren.
    So drehte sie sich auf die Frage von Casca zu eben diesem und nickte. "Einen wunderschönen Ort hast du ausgesucht. Lass uns dort drüben hinsetzen, ich habe Hunger." Sie schob es darauf um Casca nicht auf sein Bein hinzuweisen. Der lange Weg hatte ihn sicherlich ermüdet. So nahm sie seine Hand und dirigierte ihn zu ein paar Steinen am Ufer.

  • Ich musste es mir einfach eingestehen: Ich war entzückt von meiner Begleiterin, die sich nicht nur als eine gute Zuhörerin entpuppte, sondern auch als Schmeichlerin. Und schmeicheln ließ ich mir natürlich überaus gern, zumal ich nach den vielen Geschichten, die ich zum Besten gab, auch ein wenig recherchiert hatte. Doch nun waren wir am Ort des Geschehens, von dem ich mir erhoffte, dass es ein höchst Erfreuliches werden würde, angekommen. Immerhin bestätigte mir Valentina, dass dieses Plätzchen ein recht lauschiges war. Nun gut, wenn man einmal von dem etwas unangenehmen Brodem absah, der die Szenerie überlagerte. Dennoch war ich mir sicher, dieses Manko auf Dauer gewiss ignorieren zu können, um mir den Duft der zarten Blüten, welche es hier ja schließlich auch gab, zu imaginieren. Dass meine Begleiterin Hunger hatte, passte sich hervorragend, denn auch in meiner Magengrube murmelte es bereits.


    Doch zunächst ließ ich es mit Freuden zu, dass Valentina meine Hand ergriff und mich zu den Steinen am Ufer hinüber führte. Dabei lächelte ich ihr freudestrahlend entgegen. “Du wirst den Käse lieben!“, lenkte ich dann das Gespräch zum Essen hinüber. Danach setzte ich mich seufzend und gab Muckel ein Zeichen, dass er nun die mitgebrachte Decke ausbreiten konnte. Mein Sklave drückte mir daraufhin den Korb in die Arme und schickte sich an, den Stoffuntergrund zu entfalten und noch einmal auszuschütteln. “Dem Tiber so nah!“, gab ich unter einem weiteren wohligen Seufzen von mir. “Wenn man hier so sitzt, dann kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass der große Tiberinus Silvius hier irgendwo ertrunken sein muss.“ Die Decke fand nun auf den Boden zwischen den Steinen und ich angelte nebenbei zwei Becher aus dem Korb. Einen davon reichte ich Valentina an. “Wir sollten gleich ein wenig anstoßen, denn ich bin mir sicher, dies wird ein hervorragender Tag werden.“ Meine Blicke schwenkten noch einmal über die Landschaft und das Blütenmeer, über dem hier und da einige Mückenschwärme tanzten. Wie idyllisch!

  • Tatsächlich hatte Valentina sich von ihren Gefühlen leiten lassen und die vornehme Zurückhaltung vollkommen vergessen als sie Cascas Hand nahm und ihn zu den Steinen dirigierte. Das war ihr aber erst bewusst geworden als sie schon unterwegs waren und als sie keine Einwände seinerseits hörte genoss sie den Moment und ließ sich dann neben ihm auf einem Stein nieder. Vergnügt sah sie zu wie sein Sklave die Decke aufschüttelte. Casca hatte wirklich an alles gedacht. Überhaupt wirkte Valentina heute sehr ausgelassen. Sie hatte sich so sehr auf dieses Treffen gefreut und sich vorgenommen die trüben Gedanken und Zukunftssorgen in der Casa zu lassen. Casca war ihr trotz der wenigen Treffen die sie mittlerweile hatten zu einem angenehmen Freund geworden. Er hatte schöne Worte für sie gehabt und er war so ganz anders als die Männer die sie bisher kennen gelernt hatte. Serapio war ein Soldat. Ein hoch angesehener Mann des Staates. Er hätte sie auf Händen getragen und war stets freundlich zu ihr. Hatte sie mit Respekt und Fürsorge behandelt. Valentina hatte kein böses Wort für ihn. Hier und jetzt mit Casca aber war es so ganz anders. Besser...


    Sie nahm den Becher entgegen und musste schaudern als Casca von dem Ertrinkenden berichtete. Das gefiel ihr nicht doch sie versuchte sich nichts anmerken lassen. Wobei der erschrockene Blick auf das Wasser wohl nicht ganz verborgen bleiben würde. Da stieß sie viel lieber mit Casca an und nickte. Die Mücken hatte sie bisher noch nicht wahrgenommen. "Das wird es bestimmt. Und ich möchte mich auch bei dir bedanken, dass du deine sicherlich kostbare Zeit heute mit mir verbringst."

  • Ich lächelte Valentina entgegen, als ich ihr den Becher reichte. Inzwischen hatte Muckel auch die Decke ausgebreitet und machte sich im Anschluss am Korb zu schaffen, in welchem eine kleine Amphore meines Lieblingsweins deponiert war. Es war ein feuriger Faustianer, der nunmehr bereits einige Jährchen alt, aber dank eines Harzes gut konserviert, uns wunderbar munden würde. “Aber nein! Ich habe mich zu bedanken. Ich habe mich schon sehr auf unseren Ausflug gefreut.“ Das leichte Schaudern meiner Begleiterin ob meiner Bemerkung des Ertrunkenen hatte ich natürlich nicht wahrgenommen. Viel zu sehr war ich mit der Freude über unsere gemeinsame Zeit befasst. “Ich habe eine kleine Kostbarkeit mitgebracht. Einen Faustianer eines guten Jahrgangs,“, erklärte ich, während Muckel die kleine Terrakottamaphore entkorkte. “Er ist ein wenig temperamentvoll, aber genau das passende für diese Jahreszeit.“ Natürlich klang Stolz in meiner Stimme mit und ich hielt meinem Sklaven den Becher hin, damit er gut einschenken konnte. Dasselbe tat er im Anschluss bei Valentina und ich hob ein wenig den Kelch zu einem Spruch. “Mögen die Götter diesen Tag segnen und mit Wohlwollen auf uns herab schauen!“ Dann vergoss ich einige gute Tropfen auf dem Boden, wo diese sogleich im Gras versickerten. Offenbar hatten die Unsterblichen heute ein geneigtes Ohr. Ich stieß mit Valentina an und trank einen kleinen Schluck. Wunderbar. Muckel breitete das Essen aus, welches ebenso köstlich aussah. Schinken, Schafskäse und eine ganze Schale eingelegter Oliven, Brot und Eier, dazu natürlich meinen unverzichtbaren Garum, auch etwas Gebratenes war dabei: Vier kleine Täubchen und etwas Haselmaus.
    Mit strahlenden Blicken schaute ich meiner Begleiterin entgegen. Wie glücklich Faustus gewesen sein musste mit ihr verlobt zu sein. Für mich war dies, seit sich sie besser kennen gelernt hatte ein wahrer Traum. Was für eine wundervolle Ehe man wohl mit ihr führen könnte. Bestimmt wäre sie auch eine gute, fürsorgliche Mutter. Eine Zierde war sie immerhin jetzt schon. Ich seufzte unter diesen Gedanken, doch ich riss mich dann von ihnen los und schwenkte meine Blicke auf den Tiber, wo gerade zwei Schiffe von Ochsengespannen den Fluss hinauf gezogen wurden. “Ich denke, in einem Gespann fällt einem alles leichter,“ begann ich daraufhin zu sinnieren. “Alle Schwere dieser Welt kann man frohen Mutes angehen, wenn man weiß, dass es jemanden gibt, der das gleiche Schicksal teilt...“ Dann sah ich wieder zu Valentina. Im sanften Licht des inzwischen älter gewordenen Tages schaute sie wirklich bezaubernd aus.

  • Als der Sklave auch Valentina etwas von dem Wein eingeschenkt hatte, nickte sie diesem kurz zu. Sie war nie jemand gewesen welche die Sklaven mit Nichtbeachtung oder gar Abneigung begegnet war. Sie behandelte sie wie normale Menschen und nicht wie Gebrauchsgegenstände. Leider war sie damit eine Ausnahme, wie sie mittlerweile feststellen musste. Es gefiel Valentina gut, dass Casca scheinbar auch ähnlich dachte wie sie, denn sie hatte ihn bisher kein böses Wort zu dem Sklaven sagen hören, der ihm scheinbar wie ein Schatten folgte.


    Feierlich verfolgte sie anschließend den Trinkspruch und sie fühlte sich dabei sehr gut. Sie hoffte auch so sehr, dass dieser Tag schön werden würde und bisher verlief er auch sehr gut. Zu hören, dass auch Casca sich das wünschte ließ es in Valentinas Bauch kribbeln. Sie hatte dieses Gefühl schon lange nicht mehr gehabt und glaubte schon es nie wieder zu bekommen. Und doch erröteten ihre Wangen als sie den Becher an ihre Lippen setzte und von dem Wein trank. Und es war auf keinen Fall schon eine Reaktion des wohlschmeckenden Traubensaftes. Casca hatte wahrlich nicht zu viel versprochen. Selten hatte Valentina einen so guten Wein getrunken. Sie wollte es ihm gerade sagen, als ihr sein Blick auffiel. Sie folgte diesem mit ihren Augen und auch sie sah die Schiffe mit den Ochsengespannen. Es war nicht zum ersten Mal, dass sie so etwas sah und ihr wollte sich im ersten Moment auch nicht erschließen was Casca an dem Anblick so fesselte. Doch irgendetwas in seinem Blick ließ Valentina schweigen und nicht nach dem Grund fragen. Dann sprach Casca von sich aus und sie umklammerte den Becher in ihrer Hand noch etwas fester. Betroffen senkte sie den Blick und nickte. Ihr fiel nicht auf, dass Casca sie ansah. Erst als sie nach einer Weile den Kopf wieder hob und es in ihren Augenwinkeln nass funkelte. "Genau das denke ich auch." Als ihr dann aber bewusst wurde, dass sie ihre Gedanken laut ausgesprochen hatte wischte sie sich schnell mit dem Handrücken über die Wangen und lächelte. "Zu zweit ist immer alles besser." Sie hob den Becher und meinte fröhlicher. "Der Wein ist köstlich."

  • Während ich noch meine Gedanken verbalisierte, hatte sich Muckel daran gemacht die kleinen Schalen mit den Kostbarkeiten auf die Decke zu stellen. Natürlich war auch etwas für ihn dabei, auch wenn ich ihn bitten würde für den Fortgang dieser Unterhaltung ein wenig Abstand zu nehmen. Zwar war ich es schon lange gewohnt, dass mein Leibsklave mich in jeder Lebenslage kannte und betreute, doch einen winzig kleinen intimen Moment hätte ich mit Valentina schon ganz gerne. Meine Begleiterin war meinem Trinkspruch gefolgt und es war ein herrliches Bild gewesen, wie ihre Wangen sich gerötet hatten. Und das, noch ehe er sie überhaupt an dem rassigen Faustianer genippt hatte. Natürlich hatte ich ihr entgegen gelächelt und in Gedanken noch einen kleinen persönlichen Trinkspruch an die Götter hinterher gegeben. Eines Tages hätte ich gerne eine Frau wie die Quintila, wenn nicht gleich ganz und gar Valentina selbst. Nur allzu schnell wollte ich nicht vorpreschen, denn Eile in Liebesdingen könnte durchaus auch unbekömmliche Züge annehmen. Dennoch wusste ich auch, dass Amor mich mit seinen Pfeilen recht schnell und zielsicher zu treffen vermochte. Aber das hier war anders. Ernster, tiefgründiger und viel erstrebenswerter als ein flüchtiges Techtelmechtel, welches ich ansonsten nur mit Sklavinnen einging.


    Vielleicht aber war ich schon viel zu weit gegangen, indem ich das gedankliche Bild, welches das Ochsengespann in mir provoziert hatte, einfach laut ausgesprochen hatte. Etwas besorgt war deshalb meine Miene gewesen, mit der ich Valentina denn wieder betrachtet hatte. Sie hatte nicht wirklich zu mir geschaut, sondern vor sich auf den Boden, wobei sie sachte genickt hatte. War ich ihr nun zu nahe getreten? Hatte ich etwas gesagt, was sie betroffen machte? War ich vollkommen unbewusst ein Trampeltier gewesen, welches in schwerem Wiegeschritt in ihre Gefühlswelt getreten war? Ich schwieg einen Moment und war letzten Endes erleichtert, als sie aus ihren eigenen Gedanken erwachte und meine Worte bestätigte. Doch ich erkannte recht schnell, dass Tränen in ihre Augen getreten waren, die sie nun schnell fortwischte. Ich regte mich auf meinem steineren Sitz und schaute ihr zu, wie sie nun wieder den Becher hob und mit etwas mehr Frohmut bekundete, dass der Wein ein köstlicher war.


    “Ich… ich hoffe nicht, dass ich dir zu nahe getreten bin,“ sagte ich vorsichtig und wagte mich ein weiteres scheues Lächeln. “Derartiges lag keineswegs in meiner Absicht.“ Muckel hatte nun die letzte Schale auf der Decke drappiert und schaute zu mir empor. Ich streifte flüchtig seinen Blick, der in der Tat eine Spur von Tadel enthielt. Schnell hob ich meinen Blick wieder und räusperte mich. “Was ich damit ausdrücken wollte war, dass er wunderbar ist jemanden zu haben, mit dem man wertvolle Momente teilen kann. Egal wo man sich befindet...“ Auch ich erhob nun meinen Becher. “Das kann überall sein… Auf einem Markt, in einem von Ziegen verwüsteten Garten, bei einem Essen… es gibt da viele Momente. Manchmal sind diese auch… am Tiber, auf einer bezaubernden Wiese mit… nun ja… einer bezaubernden Frau, die den besten Wein bei Weitem übertrifft.“ Nun wagte ich mich wirklich weit vor, denn eindeutiger hätte ich es nun nicht mehr formulieren können. Einen Augenblick war ich über mich selbst erschrocken. Auch Muckel erhob sich rasch, räusperte sich ebenfalls und griff nach dem Korb, in welchem er wohl noch etwas Speise für sich zurück gehalten hatte. Mein Augenmerk jedoch lag weiterhin auf meiner entzückenden Begleiterin und ein Strahlen stand in meinen Blicken, während ich mir wie nebensächlich drei Mücken aus Gesichtsfeld schlug, welche mich auf Schläfenhöhe umflogen hatten.

  • Warum nur war sie immer so gefühlsdusslig? Valentina ärgerte sich über sich selbst und doch konnte sie vermutlich nicht anders. Zu oft war sie nun schon enttäuscht worden. Zuletzt von Serapio, von dem sie sich so viel erhofft hatte auch wenn sie wusste von ihm nie wirklich geliebt zu werden. Er hatte sie wie eine richtige Ehefrau behandelt. Ihr Verstand wusste, dass er nichts dafür konnte, dass sie die Verlobung hatten lösen müssen. Ihr Herz war dennoch gebrochen und ihr schwand die Hoffnung, dass sie jemals jemanden finden würde, der für sie aber auch für ihre kleine Familie sorgen konnte. Jemandem bei dem sie sich geborgen fühlte, den sie lieben würde und bei dem sie alt werden wollte.
    Aber sie war doch jetzt hier mit Casca, einem netten, liebenswerten Mann der seine Zeit mit ihr verbrachte und ihr diesen wunderschönen Ort gezeigt hatte.


    Sein Versuch sie aufzumuntern gelang, denn bei der Erwähnung des verwüsteten Gartens lachte Valentina kurz auf. Erst dann wurde ihr aber klar, was Casca damit wirklich aussprach und sie sah ihn mit großen Augen an als er weitersprach. Konnte es tatsächlich sein, dass er sie meinte? Heute Morgen hatte Valentina sich noch eine Närrin gescholten als sie vor dem Spiegel stand und sich besonders hübsch machte damit sie Casca gefallen wollte. Seine Art mit ihr zu reden und wie er sich gab, hatte ihr damals in besagtem Garten und beim Essen schon gefallen. Da hatte sie sich aber noch eingeredet das wäre viel zu kurz nach der Trennung von Serapio und sie sucht einfach verzweifelt nach einem Ersatz. Aber als sie die Worte nun hörte, da wurde ihr ganz warm ums Herz. "Du hast Recht, das waren wirklich schöne Momente. Auch wenn ich den Geruch der Ziegen lange nicht mehr von den Händen bekommen habe." Sie wurde wieder ernst und rieb sich mit der freien Hand über den Arm, da es sie dort plötzlich stark juckte.
    "Was du da sagst ist vollkommen richtig Casca und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese schönen Momente mit dir verbringen durfte. Vielleicht... können wir noch mehr solche Momente zusammen erleben?" Ja das wäre schön. Auch wenn die Stelle an ihrem Arm jetzt wirklich erbärmlich juckte, doch Valentina versuchte das zu ignorieren. Sie glaubte sich in einem Traum der gerade wahr zu werden schien.

  • Vielleicht war ich zu direkt gewesen und ich hätte mir wenigstens die letzte meiner Aussagen verkneifen können, auch wenn sie durchaus der Wahrheit entsprach. Valentina übertraf wirklich jeden Wein und darüber hinaus auch die Reben der zukünftigen Jahrgänge an Qualität. Doch was für ein hinkender Vergleich war das? Nun, immerhin war ich Liebhaber des vergorenen Saftes und mir war einfach kein anderer Vergleich eingefallen, der besser in mein Leben gepasst hätte. Bei genauerer Betrachtung würde auch die Quintilia gut in dieses hinein passen, aber bestimmt hatte ich sie nun verschreckt. Ein weiteres Mal. Umso erstaunter war ich, als sie mir schließlich recht gab und den schönen Moment hervor hob, in welchem wir die Unbill des verwüsteten Gartens der Decimer ertragen hatten. Ja, die lieben Ziegen. Der liebe Paulus. Allein bei dem Gedanken schmunzelte ich leicht, doch blickte sich schnell wieder ernst drein, als Valentina nun meinte, wie freudvoll es wäre, noch weitere Moment wie diesen miteinander verbringen zu können. Ich regte mich auf meinem Stein und ein überraschtes Lächeln war in meine Gesichtszüge getreten. War das nicht wunderbar? Valentina wollte noch mehr Zeit mit mir verbringen! “Oh nein, Valentina!“, sagte ich relativ entschieden und hob die Hand. “Sag nicht ‚vielleicht‘. Wir werden noch viele Augenblicke gemeinsam genießen und so lange ich Cnaeus Decimus Casca heiße, soll mir nichts wichtiger sein als diese Zweisamkeit.“ Ich wagte mich also unter großen Worten an den nächsten Schritt. Doch wer nichts wagte, der würde auch nichts gewinnen.


    Muckel war inzwischen davon geschlurft und hatte sich ein wenig weiter am Ufer des Flusses nieder gelassen und kramte dabei im Korb. Dennoch konnte er den Drang nicht zurückhalten, dann und wann über seine Schulter zu schauen, um zu uns hinüber zu blicken. “Doch nun lass uns ein wenig essen.“ Beinahe verliebt schaute ich der Quintilia entgegen, während ich eine lästige Mücke erlegte, die sich seitlich an meinem Hals nieder gelassen hatte. Es klatschte flüchtig, als meine Hand auf die Stelle traf und ich beäugte gleich darauf das infame, erfolgreich erlegte Insekt auf meinem Handteller. Doch auch das sollte nicht stören. Ich rieb mir die Hand an meiner Kleidung ab und deutete dann auf die ausgebreiteten Kostbarkeiten. “Ich weiß nicht recht, was deine Lieblingsspeise ist, deshalb habe ich meine mitgebracht!“, erklärte ich nun doch ein wenig peinlich berührt. “Ich liebe Käse und diese kleinen Oliven, die du siehst, sind damit gefüllt. Unsere Köchin experimentiert gerne mit den verschiedensten Mischungen.“ Dass ich ihr dabei ein sehr dankbares Opfer war, ließ ich an dieser Stelle einmal weg. Ich neigte mich vor, angelte ein wenig ungeschickt nach einem Oliven-Schälchen und hielt es Valentina entgegen.

  • Obwohl Valentina die ganze Zeit darauf bedacht war sich zurück zu halten und vorsichtig zu sein bekam sie immer mehr das Gefühl, dass dies bei Casca nicht nötig war. Sie hatte Angst er könnte glauben er wäre nur ein Ersatz für Serapio. Valentina war sich zuerst selbst nicht sicher über ihre Gefühle, doch schon bald nach dem Abenteuer mit den Ziegen schwenkten ihre Gefühle um und sie wollte den jungen Hausherrn nicht als Ersatz. Nein, er sollte keine Lücke füllen die jemand anderes hinterlassen hatte. Sie hatte sich bereits bei dem Gedanken ertappt, dass sie ernsthaft darüber nachdachte wie es wohl wäre an der Seite von Casca das Leben zu verbringen. Er war so ganz anders als Serapio und dennoch war er ihr sofort wichtig geworden. Seine Art zu sprechen und was er wusste hatten sie beeindruckt. Und obwohl sie sich von dem Tag heute nicht viel zu erhoffen gewagt hatte, war er jetzt von um so vieles besser. Cascas Worte klangen noch nach, wie ein Echo von dem sie nicht wollte, dass es aufhörte. Ihre Wangen bekamen wieder einen rosigen Hauch und sie sah lächelnd auf die Köstlichkeiten vor sich. Die Zweisamkeit war ihm wirklich wichtig und das war der letzte Beweis, den Valentina benötigte um auch ihre Zweifel endlich zu vergessen. Sie wollte es tatsächlich noch einmal wagen und sich einem Mann anvertrauen. Nicht weil sie verzweifelt war, sondern weil sie es auf vollster Überzeugung tat. Und sie wollte, dass dieser Mann Casca war. "Die Gabe die Worte so schön zu benutzen wie du es kannst ist mir leider nicht geschenkt worden. Doch auch ich freue mich schon auf all diese schönen Augenblicke." Nun war das Lächeln offen und ehrlich, dass sie Casca schenkte.


    Dann waren die Köstlichkeiten dran und auch wenn Valentina geistesabwesend immer noch über ihren juckenden Arm rieb und im nächsten Moment mit dem Gesicht etwas auswich, weil genau vor ihren Augen eine Mücke auf Angriff ging, betrachtete sie die Oliven. "Ich durfte ja schon einmal die Köstlichkeiten aus deiner Küche kosten. Und ich bin mir sicher, dass damals nicht nur die Aufregung der Ziegenjagd dazu beigetragen haben, dass es mir außergewöhnlich gut geschmeckt hat." Sie lange nach einer der Oliven, hielt dann inne und hob sie direkt Casca vor den Mund. "Käse ist auch meine Lieblingsspeise."

  • Es war wirklich ein schönes Bild, welches Valentina bot, nun da sie lächelte und sich ihre Wangen färbten. Offenbar fühlte sie sich hier wohl und das war mir eine Wohltat, denn schließlich hatte sich mein Herz für sie erwärmt und nichts war mir lieber, als ihr nun ein Schälchen mit den decimischen Kostbarkeiten zu reichen. Darüber hinaus fühlte ich mich geschmeichelt, da sie meine Gabe Worte schön für mich zu nutzen bewunderte. Das war mir natürlich ein großes Kompliment, besonders da ich noch gut die Meinung meines Vaters dazu im Hinterkopf mit mir herum trug. Für ihn hatte ich viel zu viele Worte, die ich stets dazu nutzen würde, die Realitäten des Lebens hinfort zu schwadronieren. Nun. Bisher war mir das ja auch trefflich gelungen, auch wenn es nicht unbedingt ein Kompliment war. Aber es war schön, dass Valentina es nun so meinte und das machte doch vieles wieder wett. Dass sie es ehrlich meinte, konnte ich an ihrem Lächeln durchaus erkennen. Und was es für ein Lächeln war!


    Selig lächelte ich zurück und ignorierte die nächste Mücke, die sich in meinen Kragen eingenistet hatte und sich sogleich mit Herzenslust an meinem Blut labte. Ich folgte Valentinas Worten, welche besagten, dass sie schon einmal die Köstlichkeiten im Hause der Decima hatte probieren können. Hach ja. Die Ziegenjagd. Ihr beherztes Eingreifen. Ihre tatkräftigen Hände, welche doch so zart und weiblich waren. Und gepflegt! Solche Hände hatte nicht jede Frau, stellte ich fest, während ich sie nun betrachtete, als sie nach den Oliven griff. Doch dann wurde ich von dem lieblichen Anblick gänzlich abgelenkt, denn eine Olive wurde mir nun an die Lippen gehalten. Leise lachte ich auf fasste vorsichtig danach, ganz so, als würde ich die Frucht der Quintilia aus der Hand küssen wollen. Sie liebte Käse! Das machte sie nur umso sympathischer. Genüsslich zerkaute ich die Olive und blickte meiner Begleiterin geradezu verliebt entgegen. “Es ist schön, dass wir das gemeinsam haben,“ erklärte ich aufrichtig. Dann nahm ich eine besonders prall gefüllte Olive zwischen meinen Finger und tat es Valentina nach. Ich hielt sie vorsichtig an ihre Lippen und hoffte, dass sie sie nun genauso nehmen würde wie ich zuvor.


    “Ich bin mir sicher, wo diese Gemeinsamkeit ist, werden sich noch viel mehr finden lassen.“ Ob sie Pferde mochte oder gar Münzen? Münzen sicherlich. Jede Frau liebte Münzen. Besonders dann, wenn sie zu ihren Gunsten den Besitzer wechselten. Aber die Quintilia war nicht so, dessen war ich mir sicher. “Ich schätze auch sehr die Natur!“, sagte ich schnell. “An das Meer müsste man mal reisen.“ Leise ließ ich ein Seufzen ertönen und kratzte mich dann im Nacken, wo die Mücke ihr Werk nun offenbar beendet hatte. “Bist du schon einmal gereist?“ Noch weitere Insekten umflogen mich nun, doch ich schenkte ihnen keinen Beachtung. Vom Ufer ertönte nun ein gedämpfter Fluch. Auch Muckel hatte wohl eines der Insekten erwischt, denn er fuchtelte mit den Händen herum, nur um sich dann an der Schulter zu kratzen. Wie unpassend! Ich beschloss ihn einfach zu ignorieren.

  • Hier an dem Ufer des Tibers schien alles etwas anders zu ein. Normalerweise hätte Valentina sich nicht getraut gleich so vertraut mit ihrem Gastgeber zu sein. Als Casca die Olive dann so vertraut entgegen nahm musste die junge Quintilia aber zugeben, dass ihr das sehr gut gefiel. Genau wie Casca ihr immer besser gefiel, je länger sie mit ihm zusammen war. Verlegen beobachtete sie wie er nun seinerseits eine Olive in die Hand nahm und sie ihr anbot. Zuerst zögerte sie noch einen Moment, dann aber gab sie sich eine Ruck, beugte sich leicht nach vorne und nahm das Angebot an. Dabei ließ sie die ganze Zeit ihren Blick auf Casca und in dessen schöne Augen ruhen. Sie wirkten so sanft und so ehrlich. Ein bisschen verträumt und doch war es genau das was Valentina gefiel. Sie war selber jemand geworden die der Realität gerne entfloh. Sicherlich aus dem Grund, weil die Realität bisher nicht sonderlich schön für sie gewesen war. Vielleicht konnte sich das jetzt ändern.


    Während sie sich noch den Geschmack der Köstlichkeit auf der Zunge zergehen ließ hörte sie Cascas Worten zu. Sie könnte ihm den ganzen Tag zuhören. Von seinen Träumen, von seinem Vorhaben, von seiner Arbeit. Er hatte so eine ruhige und doch interessante Art mit den Worten umzugehen, die es scheinbar nie langweilig werden ließ ihm zuzuhören. Als er ihr die Frage stellte ob sie schon einmal gereist war, unterdrückte Valentina die unschönen Erinnerungen und folgte statt dessen lieber seinem Blick. Und als sie sah wie der Diener am Ufer herumfuchtelte musste die Quintilia kurz lachen. "Der Ärmste..." Meinte sie dann, während sie selbst ganz unbemerkt eine Mücke mit der Hand verscheuchte, die vor ihrem Gesicht herum schwirrte.


    Dann aber wandte sie sich wieder zu Casca. "Um deine Frage zu beantworten, ja ich bin schon einmal gereist." Sie atmete tief durch (was sie jedoch gleich bereute, da sie den unangenehmen Geruch fast vergessen hatte), war dies doch eine sehr dunkle Zeit gewesen. Sie wollte die Stimmung jetzt nicht verderben, Casca aber auch nicht unwissend lassen. Deswegen versuchte sie so neutral wie möglich darüber zu berichten. "Einmal bin ich bis nach Alexandria et Aegyptus gereist. Die Reise war sehr beschwerlich." Der Aufenthalt in dem so fernen Land auch aber das verheimlichte Valentina jetzt einfach. "Zusammen wäre so eine Reise sicherlich nicht ganz so anstrengend." Sah sie ihn dann mit offenem Blick an und nahm einen Schluck aus ihrem Becher. "Wo würdest du hinreisen wollen?"

  • Vielleicht war es wirklich vermessen meine Begleiterin nach ihren Reisen zu fragen oder mir überhaupt Hoffnungen zu machen, dass sie es eventuell sein könnte, an deren Seite ich altern und nach Herzenlust ergrauen konnte. Und dann, eines Tages würde ich dann an einem Feuer sitzen, mit meinen Enkeln auf den Knien und es würde mir nichts mehr ausmachen, dass jedwedes Glück nur ein äußerst zeitliches war, denn dann hätte ich mein Leben erfüllt und mein Herz genug bereichert. Dann konnte es mir egal sein, dass die Moira meinen Lebensfaden kappt und mich der Vollendung meines Weges auf dieser schönen Erde entgegen führen würde. Hach! Mir entfuhr ein Seufzen, während ich noch auf Valentinas Wort hin hinüber zu meinem Sklaven blickte, der nun die Position wechselte, um den Mücken zu entkommen. Dann allerdings war meine Aufmerksamkeit wieder bei Valenina, die erklärte schon einmal nach Aegyptus gereist zu sein.


    Ich nickte verstehend, als sie anfügte, dass es eine beschwerliche Reise gewesen war und niemand konnte das besser verstehen als ich. Meine eigenen Reisen nach Piräus erlebe ich noch heute in meinen Gedanken als Schrecken. Dennoch war es auch etwas Schönes, die Welt zu sehen und sich an ihren optischen Eindrücken zu laben. “Ja, zu zweit wäre eine Reise gewiss etwas Wunderbares,“ sagte ich dann versonnen und schaute wieder auf den Tiber hinaus, der träge an uns vorüber floss. “Ich denke, ich würde einmal nach Hispania reisen wollen. Allein um die Wurzeln meiner Gens mit eigenen Augen zu sehen.“ In der Tat war ich noch niemals dort gewesen. “Aber auch Aegyptus könnte ich mir gut vorstellen. Alexandria und dann die Pyramiden.“ Nun blickte ich Valentina wieder direkt an.


    “Die Pharaonen sollen mächtige Herrscher gewesen sein… fast so mächtig wie unser Kaiser.“ Ich verzog den Mund. “Aber wahrscheinlich wäre es dort zu warm und vielleicht wäre es doch besser in der Nähe zu bleiben. Eine kleine Reise nach Baiae oder Puteoli… Das wäre durchaus machbar. Aber ich denke, zunächst würde ich nach Mantua reisen müssen, um endlich einmal mein Sägewerk zu inspizieren. Aber...“ Ich unterbracht mich kurz. “Das wäre wirklich nicht romantisch.“ Unter einem leichten Lächeln sah ich Valentina erneut entgegen. “Und mit der richtigen Person an meiner Seite, würde ich es durchaus auch noch über Jahre hinweg in Rom aushalten.“ Nun musste ich mih doch noch einmal räuspern und mir schnell überlegen, ob ich das, was mir bereits auf der Zunge lag, wirklich über die Lippen bringen wollte. “Ich meine, mit einer Person wie dir!“ Da war es also doch hervor gekommen.

  • Kurz war auch Valentinas Blick zu dem treuen Diener gewandert, als Casca zu diesem sah. Sie lachte kurz aber mitfühlend als sie sah wie der Ärmste seine Habseligkeiten zusammenpackte und an einen anderen Ort auswanderte. Die Mücken mussten ihn fast auffressen. Doch genau so kurz wie Casca seine Aufmerksamkeit unterbrochen hatte war es auch bei Valentina. So gern sie den Schatten von Casca mittlerweile hatte, es war dessen Herr, der ihr viel wichtiger war.
    Schon so lange hatte Valentina nicht mehr ans Reisen gedacht. Vielleicht weil ihre rebellische Zeit schon etwas zurück lag, vielleicht weil eben diese Reise nach Ägypten alles andere als ein Vergnügen war. Hauptsächlich aber sicherlich deswegen, dass sie praktisch über Nacht das Oberhaupt ihrer kleinen und leider ziemlich verarmten Familie geworden war. Sie hatte gar keine Zeit mehr an irgendwelche kostspieligen Reisen zu denken. Musste sie ja jedes Mal wenn sie auf den Markt ging jede Münze zweimal umdrehen. Mit Serapio an ihrer Seite waren die Zeiten besser geworden. Der gutaussehende Mann hatte ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen und wollte ihr sogar eine Statue bauen lassen. Sie hatte dem Soldaten so viel zu verdanken. Nicht nur in materieller Hinsicht. Als diese Verbindung dann leider auch beendet werden musste, drohte Valentina wieder in ein tiefes Loch zu fallen. Sie sah kaum eine Zukunft für ihre Familie. Wie sollte sie ihre Nichten an wohlhabende Männer geben können, wenn kaum jemand wusste, dass es ihre Familie überhaupt gab? Und die Beiden sollten nicht so einsam enden wie Valentina sich schon gesehen hatte. Doch dann, an dem Tag als sie eigentlich ihr letzten Habseligkeiten aus der Casa Decima holen wollte, kam alles ganz anders. Sie wurde von den Ereignissen überrannt, die in Gestalt von Ziegen auf sie zugekommen waren. Vor diesem Tag hatte Valentina den Tieren mit dem doch sehr eigenen Geruch nie viel abgewinnen können, doch seit dem schätzte sie diese sehr. Denn mit den Ziegen hatte sie auch Casca näher kennen gelernt. Und sicherlich lag es an ihre weiblichen Wunschdenken, doch so ähnlich wie Valentina eine der Ziegen eingefangen hatte so hatte Casca sie an diesem Tag davor abgehalten in eben dieses Loch zu fallen.


    Und nun saß sie zusammen mit ihm hier am Ufer des Tibers, aß Köstlichkeiten und ertappte sich dabei wie sie sich vorstellte tatsächlich mit ihm auf eine dieser Reisen zu gehen. Serapio hatte ihr auch hin und wieder von Hispania erzählt und sie hatte sich damals schon vorgestellt wie dieses Land wohl aussah. Doch auch das schien in unerreichbare Ferne gerückt zu sein, bis jetzt.
    Wie Casca so vor sich hin philosophierte sah Valentina sich schon bei jeder dieser Reisen an seiner Seite. Sie würde auch noch mal nach Aegyptus reisen. Dieses Mal wäre es unter besseren Voraussetzungen. Als er allerdings meinte, dass es da warm war, nickte die Quintilia und lächelte. Da war es sehr warm.
    Selbst die Reise zu dem Sägewerk war für Valentina in diesem Moment erstrebenswert. Die Quintilia war sich mittlerweile sicher, dass sie mit Casca überall hinreisen würde. Ob nun nur an das andere Ende der Stadt, zu diesem Sägewerk oder in die Heimat seiner Familie. Selbst in das nicht sonderlich erstrebenswerte Mocontiacum würde sie mit ihm gehen, wenn es ihn dort hinziehen würde.


    Bei seinem letzten Satz sah Valentina ihn mit großen Augen an. Hatte sie gerade wirklich richtig gehört? Sollte sie ein weiteres Mal die Möglichkeit bekommen einen Mann zur Seite gestellt bekommen mit dem sie glücklich werden könnte? Obwohl sie Angst hatte, dass die Schicksalsgöttinnen ihr einen weiteren Streich spielen könnten, fühlte sie wie ihre Wangen heiß wurden. In dem Moment war alles um sie herum vergessen. Der mittlerweile nicht mehr zu verleugnende Gestank und die penetrant nervenden Mücken. Nichts war mehr vorhanden, sie sah nur noch Casca vor sich und hörte die Worte die er ausgesprochen hatte immer wieder. Mit einer Person wie sie...
    Es machte sicherlich keinen sonderlich klugen Eindruck, wie Valentina dasaß und Casca sprachlos ansah, doch in diesem Moment konnte sie nicht anders. Erst nach und nach wurde ihr bewusst, dass sie antworten sollte. Sie musste ihm sagen, dass sie sehr gerne an seiner Seite reisen würde. Und so riss sie sich merklich wieder in die Realität zurück und nickte. "Ja..." Sie musste schlucken, da ihre Stimme ihr zuerst den Dienst versagte. "Ja auch ich würde gerne an deiner Seite sein wollen. Ob nun in dieser Stadt oder auf der Reise zu deinem Sägewerk." Sie sah ihn an und lächelte. Er sollte wissen, dass sie überall mit ihm hinreisen würde.

  • Mir selbst entging unter meinen Worten natürlich der sehnsüchtig schmachtende Blick, mit dem ich Valentina nun fixiert hielt. Kaum waren meine Gedanken sanft über meine Lippen gekommen, weigerte sich mein Mund sich wieder zu schließen und ich musste für jedermann wirken wie ein Hirsch, der unter der Brunft das Äsen vollkommen vergaß. Aber das hier war mir wichtig und tief im Inneren wusste ich, dass ich genau das, was ich soeben gesagt hatte, dieser wundervollen Frau auch wirklich übermitteln wollte. Ich hatte es mir zunächst nicht eingestehen wollen, doch Valtentina hatte sich durch die Hintertür meines Herzens geschlichen und gab mir an diesem Ort den Takt für meine Wünsche, unter denen ich mir mein zukünftiges Leben ausmalte. Schon oft hatte Liebreiz mich betört. Schon oft hatte Charme mich bestochen. Schon oft hat mein Herz dem Subjekt meinen Begierde einen wilden Rhythmus entgegen geklopft. Doch noch nie hatte ich eine so gute Zuhörerin. Noch nie eine so gute Begleiterin. Noch nie einen Menschen, vor dem ich mich nicht schämen musste mein zerrüttetes Inneres zu offenbaren.


    Noch während ich Valentina beobachtete und ihre Reaktion auf meine Worte in mich aufnahm, seufzte ich laut. Schließlich hatte ich ihre Augen gesehen, ihre Haltung und ihre Lippen, zwischen denen nicht der leiseste Laut hervor kam. Hatte ich es nun doch auf die Spitze getrieben? War ich zu weit gegangen? Nervös wischte ich meine Hand an meinem Gewand ab und konzentrierte mich für einen Atemzug auf die Luft, die zwar noch immer eine leicht miefige Note in sich trug, aber mein Innenleben ein wenig besänftigte, während der Moment des Schweigens sich unangenehm ausbreitete. Und dann regte sich Valentina, die auf mich wirkte, als wäre sie aus einer Gedankenstarre erwacht. Ja?. Schon der nächste Atem hob mir ein Strahlen ins Gesicht, welches noch heller leuchtete, als sie ihren Satz zur Gänze aussprach. Sie wollte an meiner Seite sein! Ob in dieser Stadt oder in Mantua! Jubel erfasste meine Gedanken und einen Augenblick meinte ich, vor lauter plötzlichem Glück vollkommen trunken zu sein.


    Kaum einen Lidschlag später erfasste mich die reine Euphorie und es hielt mich nicht mehr auf meinem Sitz auf dem Stein. Einen Schritt nur und ich stand direkt vor der Frau, die mir (MIR!!!) ein Jawort entgegen gebracht hat, um ein wenig unbeholfen nach ihrer Hand zu fassen und diese an meine verzückte Brust zu zerren. “Oh! Oh Valentina, ich… ich bin...hach...“ Vor lauter freudvoller Rührung kam ich gar nicht dazu die rechten Worte zu finden. Diese waren irgendwo verschollen und ließen sich kaum aus dem Chaos hinter meiner glückseligen Stirn hervorziehen. “Dass du das sagst, das macht mich froh!“, erklärte ich feierlich und in männlicher Manier nahm ich ein wenig mehr Haltung an. “Dann werden wir reisen… wir werden… leben… und...wir werden die Fülle, welche die Götter für uns vorgesehen haben kosten und… und...“ Mit meiner freien Hand leicht wedelnd versuchte ich weitere Gedanken auszusprechen, doch ich wurde jäh unterbrochen. “GÖTTER! NEIN! So geht doch weg!“ Ein aufgebrachter Muckel stiefelte direkt in unsere Richtung, wobei er eines der Küchentücher um seinen Kopf herum schwang, welcher von einem garstigen Mückenschwarm umgeben war. Überhaupt schienen diese Insekten sich rasant vermehrt zu haben seit unserer Ankunft. Auch um Valentina und mich bildeten sie bereits eine lebende Aurora. “Ahm...“, entfuhr es mir und schaute entschuldigend der Quintilia entgegen.

  • Noch war Valentina ganz damit beschäftigt ihr Glück zu fassen. Nie hätte sie gedacht, dass die Götter es noch einmal so gut mit ihr meinten. Natürlich hatte sie in den letzten Tagen oft an Casca gedacht und sich gewünscht, dass die Besuche bei ihm häufiger werden würden. Das sie ihn so oft sehen konnte wie es nur ging, doch sie hätte sich nie träumen lassen, dass sie so bald wieder ein so großes Geschenk bekommen würde. Als Casca sie nun gefragt hatte ob sie an seiner Seite reisen wollte und ob er der Mann sein könnte, der ihr alles zeigte, da hatte Valentina zuerst ihren Ohren nicht trauen wollen. Jetzt, da sie den Ausbruch der Freude bei Casca sah als sie ihm antwortete, konnte sie es immer noch nicht glauben. Sie hatte diesem Mann mit ihrer Antwort so eine Freude gemacht, dass es ihr ganz warm ums Herz wurde. Die Hoffnung hatte sie schon aufgegeben jemals wieder einen Mann glücklich machen zu können und nun war ihr das durch eine kleine Antwort gelungen.
    Casca zog sie an sich und ohne sich zu wehren ließ Valentina es geschehen. Viel zu überwältigt war sie von dem Moment, dass sie gar nicht anders konnte. Sie legte ihre Arme um Casca und freute sich mit ihm. Freute sich des Moments und des Glückes das sie beide gerade erlebten. Es war nicht nur das Reisen, die Aussicht darauf die Welt außerhalb ihrer kleinen Casa kennen zu lernen. Es war viel mehr die Tatsache, dass sie es an der Seite von Casca tun würde. Das sie ihn damit glücklich machte und das sie endlich wieder glücklich sein konnte.


    Zwar war diese Hoffnung noch klein, ein zartes Flämmchen, das Valentina schon verloschen glaubte, doch es wurde gerade dadurch angefacht, dass Casca seine Freude so überschwänglich zeigte. Atemlos sah sie ihn an, als er ihr offenbarte, dass sie das Leben fortan genießen werden und sie sah sich vor ihrem geistigen Auge schon Seite an Seite auf einem Schiff stehen das sie in ferne Länder brachte und all die Ängste und Sorgen, die sie bisher hatte ausstehen müssen, wurden vom salzigen Wind weggeblasen. Sie würde sich endlich wieder sicher fühlen und...


    Auch sie kam nicht weiter mit ihren Gedanken, denn die Worte des treuen Schattens unterbrachen auch sie. Verwundert blickte sie dem näher kommenden Diener entgegen und ganz entgegen ihrer sonst so ruhigen Art musste Valentina lachen. Es war kein gemeines Lachen oder eines das sich über die Qual des armen Mannes lustig machte. Es war auch nicht sonderlich laut. Aber es war ehrlich und es war befreiend. All die Last die Valentina auf ihren Schultern zu tragen glaubte schien ihr mit einem mal ganz leicht geworden zu sein. Es war die Euphorie des Moments. Das Lachen war nur kurz doch sie sah Casca immer noch mit diesem fröhlichen Ausdruck an als dieser scheinbar nicht wusste was zu tun war. Die fliegenden Angreifer um sie herum waren immer mehr geworden. Etwas das Valentina im Freudentaumel gar nicht bemerkt hatte. "Vielleicht sollten wir uns einen anderen Platz suchen. Nicht, dass dein Diener einen lahmen Arm bekommt." Mit keiner Silbe wollte Valentina sich beschweren viel zu glücklich war sie im Moment. Auch wenn die Mücken wirklich unerträglich geworden waren.

  • Es war schon ein Moment des puren, strahlenden Glücks, den ich hier nun am Tiber erleben durfte. Nach meinen weihevollen Worten fühlte sich die Quintilia nicht brüskiert, sondern erschien ebenso selig wie ich selbst es war. Oh, holde Götter! Was für ein Tag! Dabei war es eine salbungsvolle Wonne, die sich über mein geschundenes emotional aufgewühltes Sein legte wie eine Salbe aus Aloe. Kühlend, frisch und wohl duftend. So wie es Valentina tat, die ich nun nicht mit Worten, sondern auch noch mit meinen Armen umgeben durfte, sodass sie fest an meiner erfreuten Brust ruhte und ganz mir allein gehörte. Für den nächsten Moment. Für die nächste Stunde. Vielleicht für immer. Am liebsten hätte ich es hervor geseufzt, dass ich der unbeschwerteste Mann im ganzen Imperium war mit einer Dame wie dieser so nahe bei mir. Gerne hätte ich ihr nun noch ein wenig mehr Worte gegönnt, während meine Handflächen sich sachte an ihren zarten Rücken legten, ihre Wärme erspürten und am liebsten damit begonnen hätten, mehr zu ertasten als nur die Schulterblätter. Doch Muckels Aufschrei ließ herum fahren und meine schönen Reden blieben mir dabei schier im Halse stecken.


    Eine böse Ermahnung an meinen Sklaven lag mir schon auf der Zunge und ich hätte sie auch ausgesprochen, hätte Valentina nicht so herzlich aufgelacht und hätten uns die Insekten nicht bereits selbst so zahlreich umschwebt. Anstatt mich also an Muckel zu wenden, lächelte ich meiner Dame entgegen und nickte auf ihre Worte hin. “Wir sollten uns wirklich einen anderen Platz suchen. Du hast recht.“ Der Arm meines Sklaven war mir dabei allerdings herzlich egal. Nur die kleinen Stiche nicht, die ich nun an Beinen und im Nacken spürte. “Ah!“, stieß ich hervor und entließ Valentina aus meiner Umarmung, um eine der Mücken an meinem Hals in die Unterwelt zu befördern. Inzwischen war Muckel nur noch wenige Schritte von uns entfernt. “Casca! Ich meine… Dominus…. Lass uns machen, dass wir wegkommen, das ist ja nicht mehr auszuhalten!“, erklärte er beinahe empört und machte sich ohne ein Antwort abzuwarten bereits daran, die kulinarischen Habseligkeiten wieder im Korb zu verstauen. “Ja… ja...“ Ich blickte Valentina entgegen, ehe ich in die Verlegenheit kam, den Fuß von der Decke nehmen zu müssen, die Muckel nun fort zog und halbherzig ausschüttelte. “Vielleicht finden wir eine kleine Taverne oder eine gute Garküche,“ sagte ich dann, noch immer fest entschlossen diesen Ausflug aus der festgefahrenen Normalität des Alltags zu beenden. “Was meinst du?“ Mein Blick glitt wieder auf Valentina und ihr schönes Antlitz.

  • Es gäbe sicherlich genügend römische Frauen, die diesen Ausflug als Beleidigung angesehen hätten. Die sich darüber ärgerten an einen Ort gebracht worden zu sein, der nicht nur gelinde gesagt sehr unangenehm roch sondern dazu auch noch von einer Stechmückenplage heimgesucht wurde. Die sicherlich alles andere als erfreut darüber gewesen wären Casca noch einmal zu sehen. Nichts allerdings lag Valentina ferner als zu denken wie diese Frauen. Es stimmte, dass es hier unangenehm roch und der Geruch war ihr die ganze Zeit aufgefallen. Und auch die Stechmücken hatten bleibende Andenken hinterlassen, die sie sicherlich noch ein paar Tage an diesen Ort erinnern würden. Mehr aber als all die Stiche, die sie in Erinnerung behalten würde war das Gefühl, welches sie an diesem Ort erleben durfte. Valentina war endlich nach so langer Zeit wieder glücklich. Auch wenn die junge Quintilia nicht undankbar sein durfte und sehr wohl wusste, dass sie erst vor kurzem ein gutes Leben vor sich hatte. Doch die Götter hatten entschieden, dass eine Zweckehe nicht das ist für das man sie ausgesucht hatte. Die Hoffnung der Frau, die bisher kein Glück mit Männern gehabt hatte, war wieder zerstört worden und doch war bald darauf ein neuer Mann in ihr Leben getreten. Ein Mann, den sie zuerst nur sehr interessant und zuvorkommend fand. Der sich aber sehr bald als etwas herausstellte auf das Valentina kaum noch zu hoffen gewagt hatte. Und heute, an diesem Ort waren ihre Wünsche in Erfüllung gegangen.


    Die Mücken hätten die junge Quintilia bis auf den letzten Tropfen aussaugen können, sie wäre glücklich gestorben. Den Göttern sei dank war das aber nicht passiert, sondern der treue Diener ihres neuen Gefährten hatte sie beide davor bewahrt, denn wenn Valentina ehrlich war, sie hatte die Stiche gar nicht mehr gespürt. Erst jetzt als sie direkt wieder daran erinnert wurde. Da hatten ihre Nichten heute Abend einiges zu tun um all die kleinen Stiche der Mücken zu versorgen.
    Noch immer hatte sie den Ausdruck des befreienden Lachens in den Augen als sie zusah wie der Diener wenig begeistert die Decke zusammen faltete. Dies war auch ein Punkt der Valentina an Casca so beeindruckte. Sie selbst war immer eine Verfechterin dafür gewesen, dass man Sklaven wie Menschen behandeln sollte. Obwohl sie selbst bis vor kurzem kaum Geld gehabt hatte sich einen Sklaven zu leisten hatte sie stets diese Meinung vertreten. Und auch wenn es ihr immer wieder auffiel wie viel Freiheiten Casca seinem Diener ließ, so gefiel es ihr umso mehr, dass er scheinbar ihre Auffassung teilte. Nein, es gab wahrlich nichts, dass ihre gute Stimmung und ihr empfundenes Glück trüben konnte.


    Auf die Frage von Casca, löste sie ihren Blick wieder vom Diener und sah zu ihm auf. Noch immer diesen besonderen Glanz in ihren Augen und schenkte ihm ein Lächeln."Ich bleibe an deiner Seite, wohin du auch gehst." Sie hob die Hand und strich ihm damit über die Wange. "Wobei ich eine Taverne mit weniger Mücken momentan sehr begrüßen würde."

  • Einige Momente schaute ich Muckel noch dabei zu, wie er die Schalen und Becher verstaute, die Decke schüttelte und zusammen faltete. Dabei nicht weniger als ein leises Fluchen auf den Lippen. Wie immer hatte mein Sklave nicht abgewartet, was ich zu dieser Situation zu sagen hatte und er benahm sich wie ein freier Mann, der er in seinen Augen auch sicherlich noch war. Wir teilten nunmehr so viele gemeinsame Jahre, dass es mir gar nicht aufgefallen war, wie sehr Nepomuk mein Leben bestimmte, während ich daneben stand und der Nutznießer seiner Aktionen war. Ein Tadel oder gar eine Strafe für unangemessenes Benehmen war mir bisher noch nie in den Sinn gekommen, auch wenn meine Familie mich des Öfteren ermahnt hatte, den Sklaven nicht immer alles durchgehen zu lassen. Dabei fand ich sie doch so nützlich, erheiternd und überaus zuvorkommen in ihrer Art. Und wer wäre ich, sie dabei zu stören für meine Bequemlichkeit zu sorgen? Außerdem war ich ein Menschenfreund, der keine Probleme damit hatte, wenn selbst der niedrigste Mensch noch so etwas wie ein Eigenleben besaß. Dass ich mit dieser Einstellung nun bei Valentina punktete, war mir keineswegs bewusst. Im Gegenteil dachte ich, ich müsste nun ein wenig durchgreifen, um meine Mannhaftigkeit unter Beweis zu stellen. “Nun sei nicht so grob mit dem Körbchen!“, war aber alles was ich dazu in Richtung Muckel heraus bringen konnte. Dann wendete ich mich wieder meiner Valentina zu und lächelte charmant und vielleicht auch ein wenig entschuldigend.


    Ja, wir würden eine Taverne suchen oder einen anderen Ort und es uns dort gemütlich machen, fern der Insekten und des unangenehmen Odeurs, der unsere Nasen an dieser Stelle umgab. Doch dann überraschte mich die Frau, die ich so gerne an meiner Seite wusste. Sie würde an meiner Seite bleiben, egal wohin ich ginge? Aus meinem Lächeln wurde ein Strahlen und ganz verzückt registrierte ich, dass ihre zarte Hand an meine Wange fand, um sachte darüber zu streicheln. Wie im Anflug einer Trance griff ich mit der meinen Hand nach ihr und liebkoste sie mit der Kuppe meines Daumens. Ein tiefer Atemzug folgte und am liebste hätte ich wonnevoll geseufzt. Vielleicht sollte ich mich nun nach vorne neigen, ein klein wenig, um meine Lippen in die Nähe der ihren zu bringen. Für einen zärtlichen, scheuen Kuss? Ein magischer Moment entstand. Ein Moment, der alle Möglichkeiten in sich barg. Wie dumm von mir, dass ich mich dieser Möglichkeiten schier beraubte, indem ich mich räusperte und dann so etwas sagte wie: “Ich kenne eine schöne Taverne auf dem Forum. Sie haben Schinkenbraten und die zartesten Bohnen die ich kenne!“


    Mich beschlich die Gewissheit, nun etwas zerstört zu haben. Etwas, was sich zum ersten Kuss hätte entwickeln können! Oh, wäre Valentina nur eine Sklavin oder eine der Huren, die man auf den Straßen so fand. Ich hätte sie an mich gezerrt, ihr hundert Küsse gestohlen und sie dann… Aber das war sie alles nicht. Sie war eine Dame. Und sie mochte mich. Sie wollte bei mir bleiben und das Gefühl unter dieser Gewissheit wie auf Wolken zu schweben ließ mich wohlig erschaudern!
    “Dominus?“, ertönte Muckels Stimme und riss mich damit aus den verfahrenen und zum Teil ungehörigen Gedanken. “Schon gut, Muckel!“, erklärte ich, doch ich ließ Valentinas Hand nicht los. “Lass uns gehen!“, schlug ich sanft vor und setzte mich in Bewegung, um das Tiberufer zu verlassen. Hand in Hand. Muckel stapfte vorweg mit dem Korb in der Hand. “Wir könnten… heute Abend… also ich meine… wir haben einen neuen Sklaven in der Villa, der sehr gut rezitieren kann. Dazu ein wenig Flötenmusik, einen guten Wein… also… wenn du magst, dann könnten wir das heute Abend… angehen?“, fragte ich, einen Hauch von weiterer Romantik erahnen lassend.

  • Auch Valentina war immer noch etwas abgelenkt vom Handeln des getreuen Schattens. Als Casca ihn dann schlussendlich doch rügte. Sie schwieg dazu, denn erstens war das nicht ihr Sklave und zweitens war das Rügen wahrlich nicht schlimm. Im Gegenteil, pfleglich mit den Gegenständen umzugehen, die einem gehörten war nicht falsch gedacht.
    Den magischen Moment der sich dann aber aufbaute, den spürte auch Valentina. Ihre Augen weiteten sich ein bisschen. Auch sie spürte, dass jetzt und hier etwas ganz besonderes passieren könnte. Es war lange her, dass sie so empfunden hat und sie hätte heute Morgen niemals geglaubt, dass sich der Tag so entwickeln würde. Tatsächlich stand sie nun hier und erhoffte von dem Mann, den sie gerade angefangen hatte gern zu haben, einen Kuss zu empfangen. Eine sehr vertraute Geste, etwas mit dem sie sehr zögerlich umging und das sie dennoch jedes Mal sehr genossen hatte, wenn sie einen Kuss empfing. Noch immer hielt sie die Hand von Casca in der Ihren und er würde spüren, wie sich ihre Finger ein klein bisschen fester um seine schlossen. Valentina blinzelte nicht mehr aus Angst einen wichtigen Moment verpassen zu können.
    Und ja es war wahrlich gut, dass sie in diesem Moment keine Gedanken lesen konnte. Das was ihr Gegenüber nämlich gerade dachte war nicht sonderlich schmeichelhaft, auch wenn der Hintergedanke dabei nicht so falsch war.


    Zum Glück aber bekam Valentina davon nichts mit sondern nur, wie der Moment verstrich ohne, dass etwas passiert war. Etwas enttäuscht blinzelte Valentina nun in Cascas Richtung und sank wieder auf ihre Füße zurück. Ohne es zu bemerken hatte sie sich auf ihre Zehenspitzen gestellt um ihm näher sein zu können. "Ja... nun dann sollten wir dort hingehen." Meinte sie dann etwas überrumpelt wegen des verpassten Moments. Gleichzeitig schalt sie sich aber auch selber. Sie sollte nicht so erwartungsvoll sein. Sie hatte sich vorgenommen ohne Erwartungen zu diesem Treffen zu gehen auch wenn sie einen Stoff gewählt hatte der gut zu ihren Augen passte um zu gefallen.
    Um den Moment zu überspielen strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus dem Zopf gelöst hatte.


    Hand in Hand gingen sie dann los und nachdem Valentina einmal tief durchgeatmet hatte, ging es auch ihr wieder gut. Sie würd sich einfach auf den weiteren Verlauf des Tages freuen und schauen was sich noch ergab. Und als hätte Casca ihre Gedanken gehört, machte er ihr einen Vorschlag. Einen Moment sah Valentina Casca fragend an. Lag es daran, dass sie noch abgelenkt war von ihren eigenen Gedanken und Empfindungen oder daran, dass Casca sich etwas umständlich ausgedrückt hatte? Heute Abend bei ihm? Flötenmusik und guter Wein? Valentina lächelte geheimnisvoll, antwortete aber noch nicht gleich. Erst nach ein paar Schritten nickte sie. "Sehr gerne lausche ich dem Können deines neuen Sklaven." Und mit dem Blick den Valentina ihm im Anschluss zuwarf war klar, dass auch die die Romantik erhoffte.

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