Zuhause zu Gast: die Zelle des Faustus Decimus Serapio

  • Feldzügliche Gastfreundschaft hin oder her: während der Belagerung Roms gingen die Rebellen lieber kein Risiko ein, und knasteten ihre Gefangenen genau dort ein, wo vorher ihre Verbündeten darben mussten: im Carcer der Cohortes Praetoriae.


    Selbstverständlich bekamen die Gefangenen ihrem Rang entsprechende große Zellen die man vorher akribisch nach irgendwelchen Schlupflöchern durchsucht hatte, es aber schließlich aufgab und die Gefangenen einfach verstärkt bewachen ließ.


    Dem Praefectus Praetoria war freilich eine der größten, was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass er zur Zeit in seinem eigenen Carcer einsaß. :D

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    Meine Welt war untergegangen. Ich lag im Fieber, und wenn ich mich nicht schon tot wähnte, dann verlangte ich nach meinem Gladius, um dem nachzuhelfen. Doch was geschah? So viele Männer hatten in dieser beschissenen Schlacht ihr Leben gelassen. Aber ich, ich überlebte. Wie in Parthien. Wie im Zwölfmeilenland. Ich wurde von Medici umschwärmt und überlebte. Jedenfalls noch. Langsam lockerte der Husten seinen Würgegriff, das Fieber seine hitzige Umklammerung; noch war ich so schwach als bestünden meine Glieder aus Blei, aber ich konnte wieder richtig atmen, und auch der Nebel in meinem Kopf begann sich zu lichten. So dass ich nach und nach, das Ausmaß der Katastrophe erkannte... und auch die bittere Ironie dieser vier Wände um mich!
    Ich lachte auf, und erschrak vor dem Schakal-artigen Laut, der da aus meiner Kehle drang. Der Widerhall verlor sich im Gewölbe... und mein Kopf sank zurück auf das Lager, und ich biss mir auf die Lippen um nicht haltlos zu schluchzen.
    Alles, alles war verloren.
    Edle Würde.
    Honor et Fortitudo.
    Wenn der Tod dich anlächelt, lächle zurück...
    etc.

    Es galt, die Niederlage mit kaltblütiger Contenance zu tragen, im Bewußtsein dessen, dass wir als Verteidiger Roms stets das Rechte getan hatten, mochte im Augenblick auch das niederträchtige Rebellenpack die Oberhand haben... Da waren doch noch immer Marius Turbo, und Octavius Dragonum, und... Im Augenblick? Ich war hier in meinem eigenen Carcer gefangen! Sie waren in Rom! Alles, alles war verloren.
    Und nichts anderes war da mehr, als das Bewußtsein dieser vernichtenden Niederlage. Ich starrte an das höchst solide Mauerwerk der Decke und fühlte mich...vernichtet.
    Sie hatten Rom. Seiana! Was war mit meiner Schwester? Wenn sie doch nur auf mich gehört hatte, und rechtzeitig untergetaucht war...
    Und wenn ich doch nur einmal, wenigstens noch ein einziges Mal, meinen geliebten Manius wiedersehen dürfte... Manius... Manius? Der seine patrizischen Finger mit in der Verschwörung hatte, die diese Katastrophe verursacht hatte? Der zu mir gekommen war, um mich zu überreden, den nächsten Kaisermord für ihn zu erledigen? Nein. Ich schloß die Augen und sehnte mich nur noch nach einer Klinge aus scharfem Stahl.

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    Klient - Decima Lucilla

  • Während draußen die Belagerung der ewigen Stadt größtenteils ohne seine Beteiligung (nicht) vor sich ging, fand Vala sich in der seltenen Situation der Langeweile wieder. Zwar galt es seine auf zweitausend Mann geschrumpfte Legion mit Nahrungsmitteln zu versorgen, aber sobald die Aufgaben einmal deligiert war, machte sich eine Routine breit die größtenteils von den Centuriones und ihren Optiones am Laufen gehalten werden konnte... wenn mal etwas an Vala herangetragen wurde, war es irgendein Römer der sich für den Fall eines Reichsspitzenwechsels irgendwie einbringen wollte. Sowieso: außerhalb der Stadtmauer zählten sie unfassbar viele Überläufer. Sie konnten fast davon ausgehen, dass alles was einflussreich genug gewesen war sich außerhalb der Mauer niedergelassen und abgewartet hatte, bis das Heer der im Norden siegreichen Rebellen eingetroffen war. Innerhalb der Stadtmauern traf man wohl jetzt vornehmlich auf arme Schlucker und treue Vescularianer. Das machte die Situation nicht unbedingt besser... eigentlich wünschten sie sich auch innerhalb der Mauer ein paar Überläufer, die dann die Tore öffneten und ihnen den Vescularier auf einem Silbertablett servierten. Dazu war es allerdings nicht gekommen, selbst wenn Vala über komplizierte Wege ein paar Steine ins Rollen zu bringen versuchte. Allerdings: es tat sich nix. Palmaner und Vescularier beäugten sich argwöhnisch von der Stadtmauer und diese herauf, gefallen war aber noch kein einziger Mann.
    Was zu der zuvor erwähnten Langeweile zurückführte, in der Vala sich wiederfand wenn er mal nicht die Zeit damit totschlug mit Würdenträgern und VIPs außerhalb der Stadtmauern Pläne für eine fiktive Zeit nach dem Vescularier zu schmieden. Aber das rückte deutlich in sein Augenmerk: die Zeit nach dem Vescularier. Feindliche Heere waren weit weg, wie auch immer die Schlacht im Süden ausging... der Vescularier war dran. Also musste Vala sich daran gewöhnen, nach Jahren im militärischen Exil, wieder an die römische Politik zu denken.


    Das machte er am liebsten, wenn er seine Ruhe hatte... und wo hatte man die, wenn nicht im Carcer?
    Dummerweise war dieser zur Zeit voll belegt... mit Prätorianern, Tribunen, Legaten des geschlagenen Heers im Norden. Und wenn man denen (allesamt eher missmutige Gestalten, auch wenn der eine oder andere Anstalten machte überlaufen zu wollen) Gesellschaft leistete, lief das meist auf enervierende Gespräche hinaus. Also war derjenige, dem Vala öfter mal einen Besuch abstattete, der im Fieber liegende Prätorianerpräfekt. Warum gerade der es war, konnte Vala selbst nicht so genau ausmachen... wahrscheinlich, weil die seit Jahrzehnten miteinander verbündeten Decimi und Duccii symbolisch für die Zerrissenheit des Reichs standen. Die einen auf der Seite des Vesculariers, stellten einen der höchsten Militärs auf die der Kaiser in Rom zurückgreifen konnte... die anderen zwangsläufig durch gewisse Wendungen und die Entscheidung der Provinzführung in Germania, mit der sie schon fast traditionell verbandelt waren, auf Seiten des Corneliers.
    "Wie sind wir da bloß reingeraten...?" , dachte Vala murrend laut nach. Das Licht einer Öllampe erzeugte mehr Schatten als Licht und ließ diese immer wieder tanzen. Die Tabula auf seinem Schoß, auf der er sich immer wieder Gedanken notierte die später von Nutzen sein konnten hatte heute noch keinen einzigen Eintrag, eben weil er sich darüber den Kopf zermarterte wie sie in die Stadt kommen konnten ohne ein großes Blutvergießen zu veranstalten. Aber eine Lösung bot sich einfach nicht an.. an der kalten Wand lehnend ruhte Valas Blick auf dem daliegenden Prätorianerpräfekten, der letzte Besuch eines Capsarius war schon was länger her (Zustand besser sich von Tag zu Tag.).
    "Bittere Ironie...", fuhren Valas Gedanken fort mit seiner Zunge zu spielen, "Jetzt stehen wir hier vor Rom, und kommen nicht rein. Und warum? Weil sich die Stadt derart mit Werten und Traditionen zugepflastert hat, dass der Cornelier nicht wagt sie sich mit Gewalt zu nehmen. Na, bedienen wir uns doch der Prätorianer... wie früher, da hat das auch geklappt.. ach, neee... die sind ja nicht mehr."
    Wie er es drehte und wendete... die Entscheidung in Rom würde nicht außerhalb der Stadtmauern getroffen.

  • Schnell wie der Wind eilte die Sonnenbarke durch das unendliche Firmament. Atons vertraute Züge waren golden im Schein der Sonnenkrone, die sein Haupt umloderte, und ihn als Flammenschweif umwehte. Lebendig, zärtlich waren die Flammen, die ihn umtanzten, umrankten, umschmiegten, sich mit rotgleissenden Zungen um seine Glieder wanden... Er lächelte sein halbes rätselhaftes Augurenlächeln – die Augen waren dunkle Brunnen – und legte den Arm um meine Schultern.
    'Ich muß verbrennen' kam es mir in den Sinn, doch nur ganz leise, wie ein fernes Echo eines irgendwann einmal gedachten Gedankens... Und mit all der Weltenschwere meiner Trauer lehnte ich mich hinein, in seine Umarmung, und ließ mich halten von seiner nie wankenden Stärke (denn er war ja ein Gott), und spürte wie die Sonnenwärme erweckend in mich hineinströmte, Kälte und Taubheit vertrieb.
    Das tat so gut.
    Alles war gut. Aber dann dieses... Geräusch. Immer vernehmbarer, immer weniger zu ignorieren, drang es an mein Ohr. Nur widerstrebend gestand ich mir ein, dass das was da so knisterte, das Feuer war, das meine Beine erfasst hatte. Betrübt sah ich auf meine Füße, erst loderten sie hellauf, dann hatten sie sich auch schon in Rauch und Funken aufgelöst, und als wäre ich aus Papyrus gewesen, wirbelten rotglimmende Fetzen haltlos in die Nacht hinein.
    Ach...
    Das Feuer stieg bis zu den Knien, und auch an meinen Fingerspitzen züngelte nun das Feuer, wie Kerzenflammen zuerst, dann griff es gefräßig auf meine Hände und Arme über.
    Schnell wandte ich das Gesicht von diesem unschönen Anblick ab, lehnte mich tief, noch tiefer in Atons Umarmung hinein. Solange es noch währt, solange es noch währt... ich suchte seine Lippen, sie brannten auf den meinen. Solange es noch währte...
    "Ich verbrenne", sagte ich leise zu ihm, wenn auch mit einem kleinen Hauch von Vorwurf, aber ganz leise, eigentlich war es nur ein Flüstern, kaum hörbar, beinahe stumm, wie das Echo eines vor sehr, sehr langer Zeit einmal gedachten Gedankens...


    ...und erwachte in meinem Gefängnis. Es war dunkel, nur eine einzelne Öllampe brannte. Mir war fiebrig heiß, ich war vollkommen verschwitzt, stieß die Wolldecke von mir, und besah bang meine Hände. Zittrig nahm ich einen tiefen Schluck aus dem Wasserkrug.
    Aton. Es war so vollkommen... unangemessen..., von ihm zu träumen. Verschwörer, Lügner, schlangenzüngiger Feind! Ich wollte nicht mehr an ihn denken. Aber da war dieses hohle, wunde Ziehen in meiner Brust, und meine Schulter, da wo im Traum sein Arm gelegen hatte, spürte noch immer seine Berührung. Ich starrte mit brennenden Augen ins Leere. Ein Luftzug ging durch das Verlies und nun wiederum wurde mir sehr kalt. Die dicken Wände strahlten immerzu eine klamme Kühle aus... und manchmal war es mir, als würden sie unmerklich, Stück für Stück, immer weiter zusammenrücken... Dabei war diese hier eine der guten Zellen, geradezu komfortabel, jedenfalls im Vergleich mit dem was die Castra sonst noch zu bieten hatten. Aber kalt. Auch als ich die Decke wieder fest um mich schlang.
    So kalt...


    ...dass mein Atem zu Reif wurde. Ein weißer Hauch, der langsam ins Leere driftete, zerfaserte, sich auflöste. Dann sah ich sie aus dem Dunkel treten. Es waren... viele.
    So viele! Sie schwiegen... und immer schwerer lastete dieses Schweigen... Fahle Gesichter, und unter den blutigen Kleiderfetzen, Leiber, an denen die Keren sich schon satt gegessen hatten. Fahle tote Gesicher, von denen ich jedes einzelne kannte, jedes einzelne, da waren Lucullus, und Camerinus, und Verax, fremd und aschgrau, und all die anderen Kameraden, die nicht aus Parthien zurückgekommen waren, und sie drängten sich in meiner Zelle, die viel zu klein für sie alle war, aber da kamen ja noch viel mehr, Menas, der den Pfeil noch in der Kehle stecken hatte, und die anderen, die in meiner Kohorte gefallen waren, an einer anderen Grenze, in einer anderen Wüste. Es war ein entsetzliches Gedränge um mich, ein Meer maskenhafter Züge, die toten Seelen umringten mich, rückten dicht und immer dichter an mich heran... Und nun sah ich auch die Männer der Garde unter ihnen... der aus dem Fluß war ganz aufgedunsen... und er sah mich, wie sie alle, aus seinen leeren Augenhöhlen schweigend an.
    Erwartungsvoll. Ihr Schweigen dröhnte in meinen Ohren. Ihre Kälte lähmte mich bis ins Mark. Ich wußte ja worauf sie warteten, hatte es schon immer gewußt, und die Scham, sie noch immer warten zu lassen, sie alle, war umöglich zu ertragen.
    "Aber...", suchte ich mich kläglich zu rechtfertigen,
    "..... aber ich habe kein Schwert..."


    Von meinen eigenen Worten und dem darauf folgenden feuchten Husten erwacht, starrte ich panisch um mich. Wände. Nur die Wände. Und Schatten. Nichts als die Wände, und ganz gewöhnliche Schatten. Aber es war dunkler geworden, die Öllampe brannte nur noch mit kleiner Flamme. Ich fürchtete mich vor dem Augenblick, in dem sie erlöschen würde. Die Decke fröstelnd um mich gezogen, lag ich da und starrte das Mauerwerk an, dessen Steine, Muster und Fugen.
    Waren das nicht nur Ausflüchte? Eigentlich ging es doch auch ohne Schwert. Ich war ausgezehrt vom Fieber, ich mußte einfach nur überhaupt nichts mehr essen, dann würde es sich alles von selbst erledigen. Aber... das dauerte, und wie ich aus beruflicher Erfahrung sehr gut wußte, machte die Entkräftung die Hungernden schwach im Geiste und im Willen, so dass manch ein unbeugsam erscheinender Delinquent sich mit einem Mal zur Jammerfigur wandelte, alles gestand, oder alles und jeden verriet oder was eben sonst gerade verlangt wurde. Das durfte mir nicht passieren.
    .... Oder den Wasserkrug zerschlagen, und eine Scherbe nehmen. Es gab viele Möglichkeiten. Aber passender wäre doch das Schwert.
    Schritte näherten sich, ich erstarrte, als sie vor der Tür verharrten, als der Riegel zurückgeschoben wurde. Denn noch immer plagte mich, von meiner Todessehnsucht keineswegs beinträchtigt, die grausige Furcht sie könnten mich foltern.


    Zitat

    Original von Titus Duccius Vala


    Wer da eintrat, war der hünenhafte senatorische Tribun, der vor Vicetia den Flaminier begleitet hatte. Duccius Vala, Proskribierter. Ich wußte, dass der Mann mit Venusia verwandschaftliche Bande hatte, glücklicherweise waren sie entfernt genug, dass ich diesen Umstand dezent unter den Tisch hatte fallen lassen können, um Venusia nicht zu belästigen, in der Zeit als wir hier in der Stadt die Unterstützer der Verschwörer verfolgt hatten. Als ich noch der Herr dieser Castra gewesen war, und den Carcer nur für Verhöre betreten hatte. Vor ungefähr hundert Jahren.
    Ich blieb liegen ohne mich zu regen, verfolgte ihn, das Gesicht im Schatten, nur mit den Augen, und suchte mich zu wappnen gegen... was auch immer.


    Trotzdem, und obwohl es gelogen oder übertrieben sein mochte, war es ein tiefer Stich ins Herz, ausgesprochen zu hören, die Prätorianer seien nicht mehr. Die Garde. Die Blüte römischer Waffenkunst. Unter meinem Kommando geschlagen. Oder übergelaufen. Oder dem Kampf ausgewichen. Die Castra in der Hand des Feindes! (Der Prätorianerpräfekt in der Hand eines senatorischen Tribuns!) Im Grunde war es gleich, wie es dazu gekommen war, die Schande ließ nur einen Ausweg zu. -
    Und er sagte auch, sie stünden noch vor Rom. Wenn das wahr war... und wenn Marius den Cornelius in Achaia geschlagen hatte, und die Classis Ravennae seine Legionen übersetzte, sie sich mit der Classis Misenensis vereinen würden, und Rom bis zu ihrem Eintreffen standhalten würde... wenn, wenn, wenn...
    Heiser ergriff ich das Wort. Reingeraten. (Ja, hoppla, wie sind wir denn da reingeraten?) Bizarr in seiner Unschuld, dieser Ausdruck....
    "Heuchler." sagte ich mit schneidener Verachtung. "Du, und andere wie du, ihr habt euren Eid verraten und die Patria in ein Blutbad gestürzt, so sind wir 'da reingeraten'."
    Ich setzte mich auf, langsam, auf die Hände gestützt, die kalten Steine im Rücken, hustete und blickte den Aufständischen aus blutunterlaufenen Augen direkt an.
    Kaltblütige Contenance, Faustus. - Naja... Es widerstrebte mir ihn etwas zu fragen, aber ich tat es doch, mit tonloser Stimme, nicht gerade kaltblütig, aber das Unwissen war zu unerträglich.
    "Was ist mit meinen Männern?"

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  • "Heuchler..." , wiederholte Vala den Vorwurf des Decimus, als wäre es ein Wort das er zum ersten Mal in seinem Leben hörte, und noch einmal um sich des Klangs des Wortes zu vergewissern... und seinen eigenen Gefühlen dabei, "...Heuchler."
    Nein, da war nichts. Schon fast belustigt merkte Vala, wie die Verachtung seines Gastes an ihm abperlte wie Wasser an eingeöltem Leder. Hätte er sich selbst als etwas wie einen Mann angesehen, dem Ehre als Maxime in seinem Leben galt, wäre die Sache sicherlich eine ganz andere gewesen, das wusste er nur zu gut aus den Reaktionen vieler Menschen denen eben das zueigen war wenn sie eben bei ihrer Ehre gepackt wurden. Und wie immer reagierte Vala mit äußerstem Unverständnis auf derartiges, weil es ihm selbst nicht aufgehen wollte wie man sich in dieser Welt an ein künstliches Konstrukt binden konnte, das einen nur allzu gern in Schwierigkeiten brachte und ansonsten kaum nennbaren Wert hatte außer vielleicht ein paar kopfwascherne Deppen für eine lächerliche Sache für einen noch viel lächerlicheren Preis zu gewinnen.
    Dass der Decimer dann doch zu diesen Leuten gehörte überraschte ihn allerdings, hatte Vala im Leben nicht daran geglaubt man könne es auf den wohl einflussreichsten militärischen Posten des römischen Reichs bringen, in dem man tatsächlich an so etwas wie Ehre und verbindliche Eide glaubte.
    "Worte. Mehr nicht..." , konstatierte er daher mit den Schultern zuckend und zeigte sich recht unbekümmert ob dieser Feststellung. Ob es die Diskussion überhaupt wert war? Neugierig musterte er den Praetorianerpraefekten, dessen Gesicht in diesem Licht mehr Schatten war als alles andere.. aber selbst so alles andere als gut aussah. Na, wenigstens ging das Fieber zurück, so wie die Ärzte es ihm beteuerten die den Decimus immer wieder aufsuchten und ihn in der Welt der Lebenden hielten.
    "Der letzte Eid den ich gesprochen habe galt einem Kaiser der jetzt in einer Urne das Familiengrab der Ulpii bewohnt. Oder irgendwas in der Art, wo vergrabt ihr eure Principes noch einmal? Na, egal... der jetzige Kaiser wollte meinen Eid nicht, also bekommt ihn der nächste... der ihn hoffentlich mehr zu schätzen weiß." , üssierte Vala, warf einen letzten Blick auf seine Aufzeichnungen und legte schließlich den Griffel zur Seite, da die Aufmerksamkeit seines Gastes ihn wohl nicht würde weiterarbeiten lassen.


    "Deine Männer? Sehen das ganz ähnlich, so scheint mir..." , fuhr Vala in ungezwungenem Plauderton fort, immerhin hatten ideologische Debatten nicht das Zeug ihn aus der Ruhe zu bringen, einfach weil sich ihm ihre Logik längst nicht mehr erschloss. Aber in militärischen Dingen kannte er sich aus, also konnte er genauso gut dort weitermachen: "Die Prätorianer... geschlagen, kapituliert, übergelaufen. Nicht wenige belagern jetzt Rom... auf die fünf siegreichen Legionen des Nordens aufgeteilt... ein paar deiner Männer bevölkern ihre alten Stuben gleich über uns, wenn dich das beruhigt. Andererseits sind es nicht mehr deine Männer... sondern meine... oder die des Cornelius, wie man es nimmt."

  • Worte mehr nicht... Ich hätte nichts anders erwarten sollen, doch die monströse Gleichgültigkeit, mit der der Mann seine Verworfenheit offenbahrte, seine Barbarei, ließ mich resigniert den Kopf schütteln. Er versuchte ja nicht mal, seine allerniedrige Gesinnung zu verschleiern.
    "Was ist das...." sagte ich leise, "...das Zeitalter der Hyänen?..."
    Vor mir sah ich, jenseits der Mauern, das Feuer, den Scheiterhaufen, damals in Sura, in dem der Leib des letzten großen Princeps zu Asche geworden war... und hörte wieder das Donnergrollen, als abertausend Hände und Schwerter auf die Schilde schlugen... und erinnerte mich an das lange, lange Totengeleit, dass wir unserem toten Herrscher gegeben hatten, und wie wir zuletzt in Rom angelangt waren, und die Urne ins Pantheon getragen hatten. Wir, die Prima... damals, vor tausend Jahren.
    >>


    Verraten und verkauft... Auch dies eigentlich keine Überraschung, es war ja nicht das erste Mal in der Geschichte der Garde... Warum hätte das unter meinem Kommado anders werden sollen?! - Weil es gegen die Ewige Stadt selbst ging! Weil allein der Gedanke, mit Waffen in der Hand unter einem Kaisermörder gegen die Ewige Stadt zu ziehen, einem jeden aufrechten Römer den Magen umdrehen mußte!! Meine Männer hatten ihren Eid verraten, Rom verraten, mich verraten. Nein, der Tribun hatte insofern recht: das waren längst nicht mehr meine Männer.
    Mit mahlenden Wangenknochen kämpfte ich gegen den hilflosen Zorn, der in mir aufwallte.... und sich dann schnell wieder in einem Meer schwarzer Verzweiflung verlor. Ich schloß die Augen, wollte dem nonchalanten Hohn des Siegers nurmehr mit kühler Verachtung begegnen, aber ich war so... leer.
    "Ich wünsche," formulierte ich, die brüchigen Worte mühsam der Leere entreißend, und fixierte wieder fiebrig den Tribun, "...wie es einem gefangenen Feldherrn zusteht...! Ich wünsche mein Gladius zurückzuerhalten."

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  • "War es jemals anders?" , entwich es Vala ohne dass er vorher großartig darüber nachdenken musste.. oder wollte. Für ihn war das absolut normaler Standard, zu schauen wo man blieb. Ehre und moralisch einwandfreies Streben war etwas, das man sich nur leisten konnte, wenn man ein Netz oder einen doppelten Boden zur Verfügung hatte. Und den hatte er, ein Homo Novus aus der Provinz, Sohn eines inoffiziellen Deserteurs (zu Lebzeiten selbst ein verkappter Idealist) und Sprössling einer Sippe, die in der Vergangenheit oft genug knietief durch die den Unrat der Welt gestolpert war, sicherlich nicht. Der Kontrast war, bei den wenigen Worten die sie miteinander wechselten, offensichtlich... und dementsprechend wuchs das Unverständnis Valas für die Reaktion des Decimus.
    Unweigerlich kam ihm die Ilias in den Sinn, die ihm seine Mutter immer wieder vorgetragen hatte, im offensichtlichen Bestreben aus ihrem Sohn einen Helden zu machen.. und doch war es ein Satz des Agamemnon, der ihm hier nun einfiel, und der nicht drastischer hätte von ihrem ursprünglichen Ziel hätte abweichen können: "Besser, wer fliehend entrann der Gefahr, als wen sie ereilet. Welcher Gefahr willst du entrinnen, Decimus? Dein Schwert liegt wohl auf dem Grund des Astico.."
    Dass der Mann sich offensichtlich das Leben nehmen wollte, war wohl römische Sitte... eine, die Vala nicht im geringsten verstand, aber wohl eben auch mit diesem Gebilde an Werten, Normen und Pflichten entsprang mit welchem man sich umgab wenn man zur Spitze der Gesellschaft gehörte die kaum mehr richtige Gefahren zu fürchten hatte als... die Spitze der Gesellschaft. Aber vielleicht weil er es eben nicht verstand interessierte es ihn so. Genug, dass er bereit war jede Menge Ärger zu riskieren, in dem er dem Decimus seinen Wunsch erfüllte. Die linke Hand holte aus und schlug gegen die Tür, welche einen Moment später knarzend geöffnet wurde. Wenig Licht fiel aus dem Gang dahinter in die Zelle, zusätzlich verdeckt von der Gestalt eines Soldaten der achten Legion.
    "Dein Schwert, und dann gehe..." , befahl Vala, bekam nach anfänglichem Zögern die gewünschte Waffe und sah am schwindenden Licht, hörte am Knarzen und am Rütteln der geschlossenen Tür, dass sie wieder unter sich waren. Die Waffe in der Hand wiegend, und die Reflektionen der nahe stehenden Öllampe betrachtend stellte Vala eine letzte Bedingung: "Bevor ich dir erlaube dich aus diesem Leben zu befördern, wirst du mir eine Frage beantworten... und nur die eine: Warum glaubst du all das?"

  • ".....Hyänen gab es schon immer. Aber jetzt, da das Chaos herrscht, kriecht ihr, gierig das Aas witternd, aus euren Löchern und zeigt euer wahres Gesicht." konstatierte ich gallenbitter. - 'Fliehen', pah! Banause. "Du hast wirklich keine Ahnung von Ehre, oder?"
    Nicht, dass ich da jetzt der große Experte gewesen wäre... ich hatte in meinem Leben doch zu sehr und zu oft nach dem Verbotenen, dem Vergnüglichen, Rauschhaften und Flüchtigen gehascht, um jemals als Ausbund römischer Virtutes gelten zu können. Aber manches verstand sich einfach von selbst, und ich konnte es nur auf die barbarische Herkunft dieser Gens zurückführen (wobei der Mann dafür ein ganz ordentliches Latein sprach, und sogar die Ilias zu zitieren wußte), dass ihm nicht deutlich war, warum es meine Pflicht war, den Weg der Mors Voluntaria zu gehen.... (das einzige Vorrecht, das wir Menschen gegenüber den Göttern hatten.) - Nicht aus Verzweiflung (na gut, ich war verzweifelt, aber das war nicht der Punkt! Nein, nein.), sondern aus noblen Beweggründen, in der Tradition großer Heerführer wie Cato, Scipio, oder Marcus Antonius, und großer Verteidiger der Wahrheit wie Scaurus, Cremutius Cordus, etc. Was war ein Leben, unerträglich durch die Schmach dieser vernichtenden Niederlage? Gefangen, unter dem Regime einer Mörderbande? Objektiv gesehen hatte ich mir nichts vorzuwerfen, hatte getan was zu tun war, und dass diese schäbigen Aufständischen obsiegt hatten, konnte ich mir nur mit einer ebenso merkwürdigen wie grausamen Laune der Götter erklären. Fakt aber war: Alles war verloren, und damit war stoisch gesehen die Sache klar. Ich hatte nicht mehr Wahlmöglichkeiten, als dazumal die arme Lucretia (die sich ja auch nichts vorzuwerfen gehabt hatte, was aber gar keine Rolle spielte), um meine Ehre wiederherzustellen... meine Freiheit wiederzuerlangen... meine Würde zu wahren.
    Honor et fortitudo.
    So und nicht anders stellte sich die Sache dar, und jeder wahre Römer würde mir recht geben. Es war der einzige Weg. Ganz stoisch-vernünftig betrachtet. Hier war edle Todesverachtung angesagt......und dann wird dieser grausige Nachtmahr endlich vorbei sein.


    Mein Prachtschwert mit seinen aparten Goldapplikationen lag wohl eher auf dem Grunde der duccischen Plündergut-Truhe, dachte ich gehässig. Aber ein schlichtes Gladius... dieses schlichte Gladius da... - mein Blick hing wie gebannt an dieser Klinge, im roten Glanz sah ich schon mein Blut, heftig wogte das Verlangen in mir auf, und zugleich ein übler körperlicher Widerwille.... - dieses einfache ehrliche Soldatenschwert würde es wohl auch tun.
    Ruhig Blut Faustus... mahnte eine leise Stimme, verloren in dem Sturm, der in meinem Inneren losbrach. Der spielte doch jetzt nicht bloß mit mir?! Oder doch?! Ich musste dieses verdammte Schwert haben!!
    “Das kann ich dir sagen, aber du wirst es nicht verstehen...“ erwiderte ich, mich unwillkürlich straffend, aus der Starrheit gerissen, überwach belebt von der Aussicht auf das erlösende Ende, meinen ausgezehrten Körper anspannend, als gälte es, dem Tribun im nächsten Augenblick das Gladius zu entreißen (träum weiter, Faustus). Ein Beben war in meiner Stimme, ich räusperte mich um es zu vertreiben, musste darauf husten, dann sprach ich langsam weiter: “...denn es gleicht dem Versuch, einem Blinden zu erklären, warum man Licht zum Sehen braucht. - ROM. Das ewige Rom, unsere Patria, ist stark und beständig nur solange wie seine Grundpfeiler, und das sind seine Soldaten, es schützen und bewahren. Dies zu tun, in Treue zum Kaiser, ist die heilige Pflicht von uns Soldaten... und eines jeden Angehörigen des Exercitus Romanus! Auch wenn er nur als senatorischer Tribun dort gastiert. Wer diese Pflicht vergisst, wer seinen Eid verrät, wer desertiert oder sich gar wie ihr es getan habt gegen den rechtmäßigen Kaiser wendet, der pervertiert auf das schändlichste seine Bestimmung, bringt Unheil über die Patria und hat nichts anderes verdient, als ans Kreuz geschlagen zu werden.“
    Ich erinnerte mich ... in Osroene... oder Mesopotamien?... hatte es damals zwei von der Sorte erwischt. Schwarze Rabengeier hatten ihre Leichen aufgefressen. Möge Pluto den Kaisermördern ein ebensolches Ende bescheren!
    “ROM ist soviel größer als wir. Die Patria ist es wert, jedes Opfer für sie zu bringen.“ schloss ich, am Ende geradezu leidenschaftlich. All dies machte mir wieder deutlich, dass es einen Grund für meine elende Lage gab – und dass ich durchaus stolz darauf sein konnte, bei der Verteidigung Roms alles in meiner Macht stehende getan zu haben, anders als all die Leisetreter und Wendehälse.
    Als ich die Hand fordernd nach dem Gladius ausstreckte, zitterte sie nicht.........naja, nicht sehr... (und dieses wirklich eher leichte fahrige Beben war sicherlich nur auf meine körperliche Schwäche zurückzuführen, und war gewiss kein Ausdruck mangelnder innerer Stärke... oder gar... Furcht...)

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    Klient - Decima Lucilla

  • 'Ja, Vater.' wäre es Vala beinahe über die Lippen gekommen, aber die Worte steckten in seinem Hals fest wie bittere Galle nach zuviel Erbrechen. Der Decimus hatte Valas Frage nach dem Warum mit dem Was beantwortet, und Vala war nur kurz versucht es diesem klarzumachen, bis er verstand, dass er tatsächlich niemandem gegenübersaß als seinem eigenen Vater. Stolz, Ehrenhaft, Aufopfernd, Idealistisch... vollkommen von Sinnen. Valas Blick gefror zu einer ausdruckslosen Maske, die Lippen schmal gezogen, die Augen dorthin gerichtet wo der Decimus saß und gleichzeitig nicht war. War er wirklich so vernarrt gewesen, glauben zu können, dass es für all das eine Erklärung gab? Das Heldentum seines Vaters war nicht minder groß gewesen als das diesen Mannes, wie oft hatte er sich als Kind und in seiner Jugend genau diese Worte anhören dürfen? Und doch hatte sich alles am Ende als Trugbild herausgestellt... Stroh, das im Feuer des Krieges schneller zu Asche schwand als alles andere... ein vom Wind hinweggefegtes Kartenhaus. Nichts blieb, als bleiche Knochen im Morast der Schlachtfelder.. und dann kamen doch solche Reden, hier, an diesem Ort, nach der Niederlage.
    "Du hast Recht...." , zwang Vala sich schließlich zu sagen als er sich vom Schemel erhob und die wenigen Schritte auf den Decimus zuging um ihm das Schwert zu reichen, "...ich verstehe es nicht."
    Es war weder Hohn noch Spott in Valas Stimme als er dies sagte... wer genau zuhörte, konnte eine Spur Neid erkennen... oder gar Bewunderung. Immerhin hatte der Decimus offensichtlich Zugang zu einer Welt, aus der Vala ausgeschlossen war. Wo der Decimus sich am Meer der Ideale sonnte, stand Vala vor einer meilenhohen Mauer ohne erkennbares Tor.
    Ja, doch, Vala war erfüllt von Neid auf jene, die das glauben konnten was er nicht tat. Die verstanden was sich ihm nicht erschloss.
    Und vor allem auf jene, die sogar dafür zu sterben bereit waren.

  • Und was kam jetzt? Zorn? Hohn? Oder die Frage warum wir, wenn wir doch die waren, die nach göttlichem und menschlichem Recht gehandelt hatten... besiegt worden waren? (Gute Frage.) Oder war das Schwert nur der Köder, den er mir vorhielt, um mir irgendwelches Wissen zu entlocken?
    Nein. Da lag es in meiner Hand. Schwer. Sehr schwer fühlte es sich an. Gierig schloss ich die Finger um den schmucklosen Griff, der war ganz stumpf und glatt gerieben vom vielen benutzt werden. So ein schlichtes Gladius hatte ich früher auch gehabt, bevor ich die Höhen des Exercitus Romanum erklomm... Was wäre, schoß es mir durch den Kopf, wenn ich immer ein einfacher Soldat geblieben wäre? (Dann wäre ich schon seit Ägypten für den Kampf nicht mehr tauglich.) Oder was wäre, wenn ich zumindest nicht Praefectus Praetorio geworden wäre? (Aber wie hätte ich das ablehnen können?!) Oder was wäre, wenn ich mehr auf Livianus gehört hätte und..... - EGAL. Es war, wie es war: ich war hoch gestiegen, tief gefallen, alles war verloren und dies hier war das Ende. Basta.
    Mit stierem Blick sah ich zum dem Duccius hoch. Dankbar für die Waffe. Merkwürdig. Für einen Moment hatte ich geglaubt, er würde es doch verstehen... und meine Worte hätten sowas wie einen unter der Asche verborgenen Funken von Ehrgefühl und Scham angefacht. Jedoch, sagte ich mir, solche Dinge passierten halt nur in Geschichten, im wahren Leben konnte man lange suchen, nach einem Frevler, der sich läuterte, nur weil ihm wer, wie eifrig auch immer, ins Gewissen redete. - Aber... Dass er das Schwert rausgerückt hatte, passte nicht zur Hyäne. Vielleicht war da doch ein Funken, mutmaßte ich. Ein kleiner.
    “Wenn das so wäre, hättest du mir dann das Schwert gegeben?“ fragte ich seltsam rechthaberisch, und zugleich äusserst konfus. Denn, der Mann da, das wurde mir mit einem Mal klar, der würde der letzte sein, mit dem ich je ein Wort wechselte. Ein leises Grauen strich mir den Rücken hinauf, mein Verstand sträubte sich gegen diesen unerhörten Gedanken, und mit einem Mal gewann dieser verfluchte Rebell eine ungeheure Bedeutung. Durch ihn nur würde die Welt von meinem Tod erfahren.


    Ich schluckte. Mein Mund war knochentrocken. Ich sollte jetzt wirklich nicht länger säumen. Mich endlich erlösen von der Schande... Diese erbärmliche Existenz mit kühlem Lächeln von mir werfen, stoisch den Schritt gehen, der mir die Freiheit zurückgab, und die Würde, und der bestimmend sein würde, dafür wie man über mich reden würde, an mich zurückdenken würde, später...
    Faustus, wir sehen uns dann auf der anderen Seite Das hatte Lucullus mir noch zugerufen, bevor die Panzerreiter über uns hereinbrachen. Ob er recht behalten würde?
    Im Sitzen mühsam meinen Rücken straffend, gegen das weltenschwere Gewicht meiner Schmach, drehte ich das Gladius langsam... bis die Spitze der Klinge gegen mich wies. Und irgendwo in meinem Inneren bäumte sich ein Wesen namens Panik auf, und warf sich gegen die Mauern seines Gefängnisses, und tobte und brüllte, dass es mir in den Ohren dröhnte. Ich biss mir auf die Lippen, damit sie nicht so bebten. Meine Hände waren schweißig... und das schwache Zittern wurde immer heftiger. Wie sah denn das aus...?!!


    Schnell nahm ich die Linke, noch immer die kräftigere Hand, hinzu, um das Schwert einigermaßen ruhigzuhalten, und setzte mir die Spitze der Klinge auf die Brust. Durch die schmierige Tunika spürte ich meine vortretenden Rippen. Dazwischen. Ins Herz.
    Oh ihr Götter lasst es schnell vorbei sei! Bloß nicht daneben stechen und elendslange krepieren... Meine Kehle war wie zugeschnürt, alles ging durcheinander, wie in einem wirren Traum. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Zum Glück hatte ich ja zuvor lange Zeit gehabt, über meine letzten Worte nachzudenken und sie mir zurecht zu legen, und so zitierte ich nun, wenn auch äusserst brüchig:
    "Das ist das einzige, weswegen wir über das Leben nicht klagen können: niemanden hält es.“

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    Klient - Decima Lucilla

  • Von all den Menschen die Vala hatte sterben sehen war der Decimus sicherlich einer der rätselhaftesten... dabei war der noch nicht einmal dabei sein Leben auszuhauchen. Er versuchte sich daran zu erinnern wie es gewesen war seinen Vater beim Sterben zu beobachten. Der große Held des Kriegs gegen die Römer, der selbst nach seiner Desertion noch an den Idealen festhielt die auch diesen Decimus in den Tod zu treiben schienen, war am Ende doch wenig mehr gewesen als ein todkrankes Häufchen Mensch mit enormer Furcht vor dem Dahinscheiden nach Helheim. Kein großer Tod in der Schlacht, kein ruhmreiches Ende von dem noch nach Generationen gesungen würde... einfach krepiert im Krankenbett, nicht einmal damit beschenkt die Früchte seines jahrelangen Kampfes auch nur reif zu sehen.
    Zumindest in diesem Punkt schienen die Götter es mit den Römern besser zu meinen: man konnte sich selbst im Scheitern aus dem Leben wischen und sich unter glorreiche Ahnen mischen wenn man sich sich selbst den Todesstoß gab.. ohne Schlacht, ohne die Gewissheit im Kampf gegen einen übermächtigen Gegner alles gegeben zu haben. Für die Menschen seiner Heimat undenkbar... und so auch für ihn.
    Die Frage nach dem HätteWäreWenn ließ ihn dabei so ratlos zurück wie nahezu jeder Erklärungsversuch des Decimus zuvor. Was sollte er dazu auch großartig sagen? Hätte er dieses vom Decimus so sorgsam mit Worten beschriebene römische Schmuckstück verstanden, hätte er ihm dann das Schwert gegeben?
    "Gerade dann.", versuchte er sich in einer Antwort ohne wirklich daran zu glauben oder es auch nur ein wenig zu verstehen, und konnte dabei ein hilfloses Schulterzucken nicht unterdrücken. Für die Germanen gab es keine Patria, es gab kein hehres Ideal dem man alles unterordnete.. es gab nur die Sippe, den Stamm... und das Überleben. Ideale konnte man sich Vala zufolge nur leisten wenn das eigene Überleben mehr als gesichert war und man keine Gefahr lief es durch eben diese Ideale zu gefährden; etwas, was wohl in krassem Kontrast zur Welt des Decimus stand, in der das eigene Überleben Idealen untergeordnet wurde... gar von diesen abhing. Ein leises Lächeln stahl sich auf seine Lippen als ihm dieser Gedanke kam: was für Narren sie doch waren!
    Es war der Respekt (den man Vala zufolge durchaus haben konnte ohne sich gleich in ein starres Korsett aus Idealen und Ehren zu binden) vor dem So-gut-wie-Toten, der ihn in diesem Moment die Klappe halten ließ und den Decimus weiter stumm beobachten ließ. Und dann auf einmal war sie da, die Frage... wie ein Geistesblitz, der ihm wie aus dem Nichts plötzlich vor Augen schwebte: "Aber was, wenn nicht ihr es wart, die dieses Rom... diese Patria... mit eurem Leben verteidigt habt, sondern... wir? Was, wenn ihr es wart, die sich letztlich gegen dieses von dir so heißgeliebte Rom gewendet haben? Wir es waren, die es verteidigten... und zum Wohle Roms schließlich obsiegten?"
    Auch wenn er irgendwie glaubte, dass es eine Frage war deren Antwort man wenden konnte wie man wollte, hatte er doch das Gefühl der Sache irgendwie näher gekommen zu sein.. als hätte er sich durch die nächste Schicht gearbeitet. Dass die Frage dabei so reichlich naiv ausfiel unterstrich wohl noch einmal die Tatsache, dass Vala sich solche Fragen normalerweise überhaupt nicht stellte. Seine Teilnahme am Feldzug war aus purer Not geboren... persönlicher, privater Not bei der irgendein hehres Ideal nicht die geringste Rolle gespielt hatte.


    Dass der Decimus schon drauf und dran war sich die Klinge in den Leib zu rammen (durch die Brust! Amateur!) entging ihm dabei völlig... ebenso wie die Bedeutung der Worte, die für einen poetisch minderbegabten Vala nicht den geringsten Sinn ergaben, egal wie er oft er sie herumdrehte, und so blieb ihm nur ein vollkommen irritierter Gesichtsausdruck und ein vollkommen verständnisloses: "Häh?"

  • "...lächerlich..." flüsterte ich erbittert, in hilflosem Zorn gegen diesen mich umfangenden absurden Albtraum.
    Lächerlich: Dass mit einem Mal Ehre zu Unehre und Unehre zu Ehre geworden sein sollte.
    Lächerlich: Meine wohlgewählten letzten Worte zu einem zu sprechen, der sie nicht einmal verstand.
    Aber was tat es..? sagte ich mir, und krallte meine bleichen Finger mit aller mir verbliebenen Kraft um den Griff des Gladius. Ich stand nur einen Schritt davon entfernt, all diesem zu entrinnen – nur ein Schritt, und alle Qual und all das Würdelose lägen hinter mir.
    Lächerlich war es da wohl eher, dass ich noch immer nicht in meinem Blute lag. Dass meine Hände so zitterten, und mir der kalte Schweiß über die Stirn lief. Mit starren Augen blickte ich ins Dunkel, ein schweres schwarzes Nichts, das mich wie mit Eisenbändern gefangen hielt.
    Jetzt. Einfach nur zustoßen. Das hatte ich doch oft genug getan. Das war doch nicht so schwer. Als junger Rekrut damals, da war ich überrascht gewesen, wie wenig Widerstand ein Körper dem Stahl bot. Es würde sogar unvergleichlich viel leichter sein, als einen Parther abzustechen. Denn ich wollte ja sterben. Es würde gleich vorbei sein.
    Also. Jetzt. Ich holte tief Luft – doch dann rasselte es in meiner Brust, mich schüttelte wieder der Husten, und die Klinge in meinen Händen bebte unkontrolliert. Nein... so ging das nicht. Mein Blick flackerte zu dem duccischen Hünen. So bedeutungslos der auch war... nur ein vorüberziehender Schatten am Wegesrand... ich wollte doch nicht, dass meine Furcht ihm offenbar wurde.
    Nein... der Winkel, wenn ich so auf der Pritsche kauerte, der war sowieso nicht gut für einen Stich ins Herz. Ich rutschte ein Stück vor, bis ich gebeugt auf dem Rand saß, spuckte einen Klumpen Schleim auf den Boden.
    Darauf setzte ich die Spitze der Klinge erneut an... über dem Herzen, und stützte den Griff mit beiden Händen auf den Knien ab. So sollte es gehen, sagte ich mir. Natürlich wäre es leichter gewesen, mir das Schwert in den Bauch zu rammen, aber ich hatte mehr als einmal mitbekommen, wie Männer mit Bauchwunden langsam und qualvoll krepierten. Schaurig... Und dazu kam, dass ich die Vorstellung, in einem Knäuel von aufgeschlitztem, stinkendem Gedärm liegend zu sterben, so extrem... unästhetisch fand! Nein, dann lieber ein entschlossener Stich ins Herz, viel Blut und Schluß.


    Aber wenn ich doch nur... ach Seiana...... Aber meine Schwester würde es verstehen. Sie würde um mich trauern, aber ihr würde klar sein, dass ich keine andere Wahl gehabt hatte. Und es wäre ja auch zum Besten der Gens. Mein Vater in seinem politischen Exil, meine lebenslustige Tante, mein wankelmütiger Cousin, meine kleine Nichte im Vestatempel und alle anderen... Ihnen allen war ich es schuldig, sie auf diese Weise von der fatalen Verbindung zu mir zu befreien.
    An Manius aber durfte ich nicht denken. Nein. Lügner, Verschwörer, Kaisermörder! Es gab ihn gar nicht, es gab nur die Leere, die er hinterlassen hatte, Manius-Aton war ein Traum gewesen, den ich vor Äonen geträumt hatte, ein Flammenrausch, ein Ideal, sehr, sehr weit weg, in einem anderen Leben... und auch all das andere Schöne, was hier wirr durch meinen Kopf wirbelte, auf dieser Schwelle..... ach, meine andere große Liebe, die selige Umarmung des roten Mohns... und das klare Blau des Meeres vor Tarraco... und die Freundschaften bei der Prima, damals... und meine Familie, endlich stolz auf mich... oder dahinzubrausen auf meinem Gespann, vor mir die weißen Rücken meiner Rösser, den Wind im Haar, und Augen blau wie Vergissmeinicht bewundernd auf mich gerichtet, und lockend süße Lippen hier und dort... und Sternenfunkeln über der endlosen Wüste, gestohlene Momente, heißer Atem an meinem Hals..."Aquila"... und Jubel in den Straßen, und öffentliche Ehren, ich mit meiner strahlenden Prunkrüstung und dem fabulösesten Paludamentum aller Zeiten, und in den Gesichtern Respekt oder gar Furcht, und die wehenden Feldzeichen, blitzenden Klingen, die perfekte Präzision, die tödliche Schlagkraft der Garde unter meinem Kommando... - ja, von wegen! Verraten hatten sie mich, vergangen war all dies, so restlos als hätte es niemals existiert. Und nun würde auch ich vergehen, und damit alles was ich je gedacht, und geträumt, und... -


    Genug. Egal.Tu es einfach, Faustus. Ein gepresster Atemzug. Ich schloß die Augen, und dachte an all die Großen, all die inspirierenden Persönlichkeiten, wahre Römer, die stoisch, ohne mit der Wimper zu zucken, diesen Weg gegangen waren. Cato, Scipio, Scaurus etc. Ich fragte mich, ob sie wirklich so ruhig gewesen waren... ob nicht auch sie in ihren letzten Momenten diese gräßliche Angst verspürt hatten? Oh zum Cerberus! Selbst der alte Konsular Tiberius, der feige Verschwörer, hatte es hingekriegt, sich die Mors voluntaria zu geben...! Und ich zauderte und zagte hier herum.
    Honor et Fortitudo. Alles suchte ich zu verbannen, bis auf diese Worte.
    "Honor et Fortitudo." murmelte ich, ließ die Worte in meinem Geist erklingen, bis sie das wilde Dröhnen in meinen Ohren übertönten, sich blank und ewig über das konfuse Chaos in meinem Inneren legten. Honor et Fortitudo. Die Welt war zusammengeschmolzen auf den Druck der Spitze des Gladius an meiner Brust, und den schweren kalten Griff in meinen schweißnassen Händen.
    Jetzt.

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    Klient - Decima Lucilla

  • Lächerlich. Soviel zu Valas Geistesblitz. Mit zusammengepressten Lippen erfuhr Vala hier (erneut!) wie sich ihm die Welt in welcher der Decimus sich so bequem eingerichtet hatte verschloss... und ihn auf der Suche nach Zugang immer wieder auf's Neue ins Leere laufen ließ. Der Decimus musste nicht einmal großartig viel sagen, um in Vala den Eindruck zu festigen es hier mit seinem eigenen Vater zu tun zu haben. Der hatte mit noch weniger Worten in etwa den gleichen Effekt erzielt: ihm immer und immer wieder von Idealen, Tugenden und damit quasi zwangsläufig einhergehendem Heldentum zu erzählen, aber bei den geringsten Annäherungsversuchen des Filius mit brüsker Ablehnung zu reagieren. Wie man es machte, man machte es falsch, und Vala hatte einen Großteil seiner Kindheit und Jugend damit zugebracht, verstehen zu wollen was das war, das seinen Vater all diese irrsinnigen Sachen tun ließ die er tat... und warum er selbst offensichtlich nicht dazu imstande war.
    Hatte er sich jetzt tatsächlich dazu hinreißen lassen, es erneut zu versuchen? Sein Vater lag seit mehr als zehn Jahren in der Erde Germanias, und immernoch konnte er sich nicht davon frei machen diese Art Mensch verstehen zu wollen, zu der man ihn selbst erziehen hatte gewollt... und auf größtmögliche Art gescheitert war? Kaum hockte da ein dahergelaufener Praefectus Praetorio in seinem (seinem, nicht seinem) Carcer, versuchte er sich auf's neue? Um wieder zu scheitern? Um wieder brüsk zurückgewiesen zu werden? Um erneut vor Augen geführt zu bekommen, dass er offensichtlich nicht annähernd in diese brilliant blitzende und makellos eng anliegende Rüstung passte, die er noch eine Stunde zuvor als nutzloses Prunkobjekt abgetan hatte? Und es tatsächlich nach all den Jahren doch noch einmal versucht hatte...
    Vala irritierte sich selbst, soviel war festzustellen. Es war ehrliche Verbitterung, die Vala schließlich in die Knie zwang und auf dem Schemel Platz nehmen ließ um den Decimus mit einer Mischung aus unverhohlenem Unverständnis und einer in Verachtung umgekehrte Bewunderung anzustarren, um innerlich WIEDER EINMAL zu der gleichen Erkenntnis zu kommen, die ihn schließlich davor bewahrt hatte mit seinem Vater in den Abgrund zu stürzen: Helden waren selbstgerechte Arschlöcher. Allesamt.


    Sich so wieder in die Welt des pragmatischen Opportunismus zurückflüchtend wurde er empfangen wie ein verlorener Sohn: es war alles nahtlos und fein hergerichtet, als wäre er Jahre weggewesen... und nicht wenige Momente, die sein vergeblicher Exkurs in die Welt der (Selbst-)Gerechten, Tugend- und Ehrenhaften gedauert hatte.


    Der Decimus laborierte auf seinem Bett mit der Klinge herum. Mal so, mal so... in seiner altgewohnten Rolle amüsierte es Vala schon fast den Prätorianer so herumhocken zu sehen, auch wenn das Licht in der Zelle wenig mehr preiszugeben als das beständige Starren auf die Klinge. Was genau in dessen Kopf derweil vor sich ging erschloss sich einem bekennenden nicht zur Empathie fähigen (oder einfach nur zu faulen) Menschen wie Vala nicht, allerdings hatte er Anstand genug (wo kam der jetzt auf einmal wieder her?) das Prozedere nicht durch einen lockeren Spruch zu zerstören. Gehen wollte er auch nicht, denn wenn Vala ehrlich zu sich war wollte er den Decimus sterben sehen. Sein Gegenüber mochte sich das auf die eine oder andere Art schönreden, für Vala war der Tod von eigener Hand nichts anderes als eine Niederlage. Und genauso wie ihn der Tod seines Vaters damals berührte, so würde es der des Decimus tun... der Tod eines weiteren Helden, röchelnd an seinem eigenen Blut erstickend und sich selbst der Möglichkeit beraubend doch noch für sich und die Sippe alles ins Lot zu wenden. Ja, das war die effektive Definition von Genugtuung: das Scheitern derjenigen zu beobachten, die ihn ausschlossen aus einer Welt die ihm immer wieder als Heilsreich verkündet worden... wo kamen jetzt diese Gedanken auf einmal wieder her? Wie Schnee auf den Schultern schüttelte Vala diese seltsame (und sehr unbequeme) Erkenntnis fort, und konzentrierte sich auf das, was hier zählte: Das Scheitern der anderen Seite und die Genugtuung dadurch.


    Wieso nur fühlte es sich dann nicht so an?

  • Jetzt
    Ich hörte auf zu denken. Ich hörte auf zu fühlen. Ich sah mich, Schatten meiner selbst, dort in der schmuddeligen Kerkerzelle, wie ich, die Augen leer, den Oberkörper hoch aufrichtete, um mich dann mit einem Ruck vornüber in das Schwert zu stürzen.


    Ein Klirren... das war das nächste, was zu mir durchdrang. Ein Klirren, Scheppern... das Schwert war zu Boden gefallen, es lag zwischen Schmutz und Stroh vor mir auf dem Stein... der wankte... genauso wie die Wände... Mir war schwindelig, und entsetzlich flau im Magen. Das war das Sterben?! Banal... - Blut, ja, es rieselte warm über meine Brust... desorientiert fasste ich da hin, es tränkte die Tunika, tropfte zu Boden, es benetzte klebrig meine Hand, aber irgendwie...
    ...ich blinzelte verwirrt...
    ...irgendwas stimmte hier nicht...
    Müsste da nicht mehr Blut sein? Fahrig tastete ich über meine Brust hinweg... die Tunika war zerschnitten, und darunter erfühlte ich eine Schnittwunde, aber – sie war nicht tief... sie zog sich zur Seite hin, und sie war ganz oberflächlich... Ich fühlte noch immer nichts, auch keinen Schmerz, es war, als wäre ich aus Stein gehauen, bis zu diesem Moment, als mir klar wurde:
    Ich hatte es versaut.
    War zu schwach gewesen, zu zaghaft, hatte die Klinge abrutschen lassen... Nicht mal einen anständigen Freitod hatte ich hinbekommen. Nein.... Entsetzen und Scham brachen wie eine gewaltige Woge über mich herein, ich angelte panisch nach dem Schwert, das meinen feuchten Händen erneut entglitt, alles drehte sich rundum, ich musste wohl das Gleichgewicht verloren haben, denn ich fand mich selbst auf dem Boden, aber jetzt hatte ich auch das Gladius wieder erhascht, richtete mich mühsam wieder halb auf, krallte mich an der Pritsche fest... am ganzen Körper bebend.
    Feigling.


    "Die... diese Klinge ist... ja vollkommen stumpf" stammelte ich atemlos, mit mir selbst ganz fremder Stimme, fuhr mir hastig über die Stirn, suchte die Gestalt des Tribuns irgendwo im Gaukelspiel der Schatten auszumachen, "wie soll ich mich denn mit so einem stumpfen schartigen Metzger-Ding umbringen, die ist ja wohl seit Jahren nicht geschliffen worden, haben deine Leute denn keine Ahnung von Waffenpflege, ich... -" Scharf die Luft einziehend würgte ich ein haltloses Schluchzen herunter. "Ich brauche einen Schleifstein."

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    Klient - Decima Lucilla

  • Atemlose Stille! Bei Tyr, war das spannend! Vala wartete darauf, dass jeden Moment jemand durch die Gänge des Carcers marschierte und Otternasen anpries. Der Freitod eines Prätorianerpräfekten, und er saß in der ersten Reihe! Das musste man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen... das könnte mit Sicherheit nur getoppt werden indem man dem kränklichen Kaiser (den Vala nicht einmal als dessen Quaestor zu Gesicht bekommen hatte) hautnah beim Ersticken zuschaute. Aber das war halt nicht gegeben... und hey: der Tod eines Prätorianerpräfekten war immernoch sowas wie ein Blockbuster. Straßenfeger. Superhit.
    Selbst wenn der Slogan mit 'Honor et Furtitudo' so ausgeluscht war wie der Schnuller eines zehnjährigen Säuglings: der Inhalt machte es!
    Allerdings ließ der auf sich warten... das Schwert auf die Brust gerichtet machte der Decimus nur am Anfang eine gute Figur, denn die erste Spannung verflog, als der tödliche Stich (immernoch durch die Brust!) ausblieb verflog alsbald auch die Spannung. Irgendwann hatte Vala (sich ob der Spannung dankenswerterweise von jeglichem nervenden Gedankengut befreit fühlend) größte Mühe ein Gähnen zu unterdrücken.
    DOCH DANN! DAS WAR ES! Der Decimus bewegte sich nach vorne... und irgendwie doch nicht. Was war das denn?
    Irritiert blinzelte Vala einen Moment und lehnte sich nach vorne um noch einmal ganz genau hinzuschauen. Aber nein, er hatte sich nicht getäuscht: was bitte sollte das denn gewesen sein? Ein Freitod? Stilsicher ins eigene Schwert fallen? Ein Säufer könnte sich schlimmer verletzen als das, was der Decimus da gerade an Todesmut gezeigt hatte. Vala zog enttäuscht die Lippen schmal, und beobachtete mit geringschätzendem Blick und offen gezeigter Enttäuschung wie der Decimus sich selbst seiner desaströs langweiligen Selbstmord-Performance versicherte. Ja, doch... der Mann war offensichtlich besoffen. Hatte man ihm hier Wein in die Zelle geschmuggelt, konnte das sein? Er musste dringend ein Wort mit dem Centurio der Wachen sprechen, so ging das nicht, sie brachten ihn hier wegen ein paar Sesterzen gerade um eine Jahrhundertshow!


    Als der Decimus dann auch noch den Mund aufmachte und dem Utensil die Schuld in die Schuhe schob, richtete Vala sich mit verächtlichem Blick wieder auf, verschränkte die Arme vor der Brust und dachte einen Moment nach, bevor er wie beiläufig die Wache in die Zelle rief.
    Das Licht aus dem Flur verdunkelte sich als der Legionär in die Tür trat und den Tribun fragend ansah, und dieser nickte in Richtung des am Boden hockenden Prätorianers: "Der Decimus braucht Hilfe, um sich von der Last seines Seins zu befreien. Sei doch bitte so freundlich und tue ihm den Gefallen..."
    Was an sich eigentlich kein Problem war, dachte Vala, immerhin hatten sich zahlreiche 'große' Römer durch helfende Hände aus dem Leben katapultiert. Der Soldat dachte nicht lange nach, der Duccius war nun schon Jahre mit dem Kommando der Legion betraut, lange genug um seines Wortes Geltung erlangt zu haben, und so stapfte der Soldat treudoof auf den Decimus zu, entriss ihm mit spielerischer Leichtigkeit das Schwert und setzte es (Könnerhaft!) von oben herab zwischen Hals und Schulter um dem Decimus direkt ins Herz zu stechen... doch im letzten Moment räusperte Vala sich und gebot damit dem Soldaten Einhalt: "Wir wollen allerdings nicht zu forsch sein. Decimus, dein ist der Befehl."


    Ein gönnerhaftes Lächeln zog sich auf Valas Lippen während er es sich doch noch einmal Zuschauerhaft auf dem Schemel bequem machte.. die Beine übereinander schlug und sich an die Wand zurücklehnte um den perfekten Moment derart genießen zu können. Sadismus war eigentlich nicht seine Art, aber in diesem Moment konnte er nicht anders: die leiseste Ahnung, dass die Ausgeburt von Ehre und Tadellosigkeit, als die sich der Decimus hier offensichtlich gerierte doch nur Fassade war, versetzte ihn quasi in größtmögliche Vorfreude. Noch mehr als er den tugendhaften Decimus sterben sehen wollte, wollte er nämlich vor allem eins von ihm: dass er scheiterte. Dass sich am Ende des Lebens eines derart großen Römers doch zeigen könnte, dass es diese Welt garnicht gab, von der Vala sich so ausgeschlossen fühlte. Dass auf der anderen Seite letztlich nichts anderes war als die Wüste der Angst, in der jedes Sandkorn fein säuberlich in buntglitzernden Farben angemalt worden war... und doch nur eine Wüste war.
    Ja, Vala roch den Sieg...

  • Ein Schleifstein? Hatte ich gerade tatsächlich nach einem Schleifstein verlangt!? Bona Dea!! Da hatte ich endlich eine Chance, eine einzige Chance auf ein würdiges Ende gehabt und sie verpfuscht, dermaßen verpfuscht... Ja, ich sah sie genau vor mir, die markigen Gesichter meiner tapferen Ahnen, adlergleich und kühn - von den edlen iberischen Kriegern bis hin zu meinem Onkel dem Triumphator – wie sich sich in maßloser Enttäuschung verdüsterten...
    Ich senkte den Kopf, unendlich beschämt... starrte stumpf auf den Boden vor meinen Knien... sah wie das Blut – viel zu wenig Blut - in Dreck und Stroh versickerte. Ungefähr so, wie all die Anstregungen, die ich unternommen hatte, um meiner Gens Genüge zu tun und vor den glorreichen Ahnen zu bestehen, mit einem Mal null und nichtig waren... da hatte ich es bis zum Gardepräfekten gebracht, nur um, einer aberwitzigen Laune des Schicksals zu Folge, den Schergen der Kaisermörder zu unterliegen... und dann sogar beim Freitod zu versagen. Mein Elend, es spottete jeder Beschreibung... erfüllte jeden Winkel meines Körpers und meiner Seele mit unendlicher Bitterkeit, umhüllte mich mit seinem giftigen Fluidum, legte sich auf meine Schultern, so schwer wie das Atlasgebirge... -


    Schritte, dann Caligae neben mir, und das Schwert wurde mir aus den Händen gerissen. Ich zuckte erschrocken zusammen, als ich die Spitze spürte, den kalten Druck in der Grube hinter dem Schlüsselbein. Wie bei einem Gladiator! Bei allen Göttern – die Tat wurde mir gerade aus der Hand genommen, ich wußte, ich sollte dankbar sein, aber... todeskalt lief es mir über den Rücken, ich schwitzte Bäche von kaltem Schweiß, und mein Atem stockte – da war ein Luftzug an meinem Ohr - ich biss mir fest auf die Lippen, um nicht zu schreien...
    Gleich vorbei, Faustus, gleich ist es endlich vorbei.
    Irrtum.
    Panisch schielte ich auf die Klinge, die da auf Befehl des Tribuns auf ihrem Weg verharrte, über meiner Schulter schwebend. Schwarze Schleier waberten vor meinen Augen. Ich atmete scharf ein, sah ungläubig auf zu dem Duccius. Der besah sich das ganze wie ein Schauspiel. Dein ist der Befehl dröhnte es in meinen Ohren, und ich wußte nicht, ob ich dem Lump die Furien auf den Hals fluchen sollte, für sein beschissenes Spielchen, oder ihm dankbar sein sollte, für diese zweite Chance. Letztendlich hatte ich für keines von beiden mehr Kraft.
    Ich war allein. Angesichts des grausigen Du mußt war ich vollkommen allein. Merkwürdig, wie mit einem Mal keiner mehr zählte! Meine Familie... weit fort... meine liebe Schwester... ich spürte ein vages Bedauern, auch sie alleine zu lassen... mein Geliebter... ein flüchtiges, lange verblasstes Glück... und der süße Adonis, dem ich nun eine Flasche Wein und ein Stelldichein schuldig bleiben mußte... auch nur ein Fremder. Selbst meine gestrengen Ahnen, und selbst die toten Kameraden, die schon so lange auf mich warteten – sie alle verblassten. Dieses elende Hin und Her schien mir eine Ewigkeit schon zu währen. Ich war todmüde. Und so unendlich ALLEIN mit meiner Furcht. Die Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich barg es in der Hand, wischte zittrig die Nässe weg. Dann hustete ich meine Kehle frei und sagte leise:
    "Age."


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  • Gaius Flaminius Cilo

    http://www.kulueke.net/pics/ir…/f-roemer-soldaten/34.jpg "WAS BEIM TARTAROS IST HIER LOS?", dröhnte die Stimme des flaminischen Feldherrn durch die kleine Zelle, als dieser durch in die Tür getreten und nicht lange brauchte um zu erfassen, dass hier etwas nicht stimmte. Was ja auch keine Kunst war, immerhin war die Pose des Soldaten mehr als nur eindeutig, und das einzige was ihn einen Herzschlag hatte innehalten lassen war die schlichte Überraschung in eine solche Szene hineinzuplatzen.
    Eigentlich war er nur hier, um dem duccischen Tribun einen 'Besuch' abzustatten und dabei einen Blick auf den gefangenen Praefectus Praetorio zu werfen, und als er mit seiner Entourage in die Castra Praetoria geritten kam, konnte er wohl zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, da sich der Duccius gerade beim bisher wichtigsten Gefangenen befand. Die langen Gänge des Carcer durchschreitend sah er gerade noch wie die Wache in der Zelle verschwand, und als er einige Sekunden selbst an der Zelle ankam bot sich ihm eine Szene, die er wohl als letztes zu sehen erwartet hätte.


    "SOFORT AUFHÖREN!", bellte der Feldherr der Rebellen noch in tiefem Bariton, und so ruhig und beherrscht er sich normalerweise zeigte war hier doch unmissverständlich und absolut klar, dass sein Blut sich nahe am Siedepunkt befand: "Duccius. Du wirst mir das SOFORT erklären."



    [size=6]TDV[/size]

  • Der Sieg zum Greifen nahe! Mit jeder Milisekunde, die der Decimus zögerte wurde Vala klar, dass sich letztlich doch nichts anderes als ein billiges Truggebilde hinter all der Ehre, Würde und Standhaftigkeit verbarg. Jede Sekunde, die der Soldat mit erhobenem Schwertarm über dem darniederkauernden Decimus verharrte ohne den tödlichen Stich zu setzen, genoss Vala als wäre es eine wahre Ewigkeit der Glückseligkeit. Nur mit Mühe konnte er ein erleichtertes Lachen unterdrücken, aber ein breites Lächeln auf seinen Lippen ließ sich nicht vermeiden, zu groß war die Genugtuung des Moments... und dann,.. bewegten sich da die Lippen des Decimus? Der Moment war zu kurz um den blitzschnell entfachten Zweifel wahrhaftig werden und schließlich in Erschrecken wandeln zu lassen, denn auf einmal rauschte sein Körper in die Höhe und nahm Haltung an. Irritiert beobachtete Vala sich selbst bei diesem Reflex, nur übertroffen von der Haltung des Henkers-in-spe, der nach noch längerer Übung als Vala keine Perfektion in der Reaktion missen ließ und so gerade stand wie der Faden eines Lots.
    Erst als sein eigener Körper eine Sekunde lang stramm stand wurde ihm klar, dass er bereits seit einer Sekunde angeschrien wurde. Und noch später wurde ihm klar VON WEM er hier angeschrien wurde.
    Das. War. Schlecht. Enorm schlecht, um genau zu sein. Eigentlich hätte niemand schlechteres hier stehen können als der Flaminius persönlich. Wo kam der denn auf einmal her? Warum hatte Vala ihn nicht kommen hören? Was machte der hier überhaupt? Sollte der nicht... ach, egal... Scheisse.
    "Legatus.", murmelte Vala mit deutlicher Verlegenheit in der Stimme, von jeder Schauspielkunst verlassen, die ihm in diesem Moment so etwas wie Sicherheit hätte vorgaukeln können. Also blieb eigentlich nur die Flucht nach vorne, in die Wahrheit: "Der... der Decimus wollte... eh... wollte seine... also... seine Ehre wiederherstellen, Legatus."
    Was ihm letztlich nicht gelungen war, da er offensichtlich zu feige war. Aber die Genugtuung ob dieses kleinen und doch gewaltigen Sieges wollte sich partout nicht einstellen, denn irgendwie war klar, dass Vala sich gerade gewaltig in die Scheisse manövriert hatte.

  • "Age." hatte ich gesagt. Naja. Das zählte gewiss nicht zu den großartigsten letzten Worten aller Zeiten, zuckte es mir durch den Kopf... und doch verspürte ich in diesem Augenblick inmitten all der schwärzesten Verzweiflung einen Hauch von Erleichterung... denn ich hatte den Befehl gegeben, und nun würde das Ende seinen Lauf nehmen. Es würde einfach geschehen, und ich konnte und mußte gar nichts mehr tun: das Schwert würde herabfahren und mir die Erlösung bringen. Der ganze widerliche Scheiß würde mit einem Schlag hinter mir liegen. - Wenn es nur nicht zu sehr weh tat... Blödsinn, es würde natürlich sehr weh tun, aber hoffentlich nur ganz kurz...
    Ich biss die Zähne fest aufeinander und senkte den Kopf.
    Aber dieses befremdliche Losgelöstsein währte nur einen Wimpernschlag. Dann war da ein ohrenbetäubendes Gebrüll. Dann Gestammel. Verständnislos blickte ich auf, und erkannte, wie durch einen verschwommenen Schleier, nach und nach den Feldherrn der Verräter.
    Das grausige Lachen der Keren hallte mir in den Ohren.
    Es gab keinen Ausweg.
    Das Grauen schloß seine eisigen Krallen um mein Herz. Haltlos sackte ich gegen die Pritsche, starrte blicklos ins Leere. In die allumfassende schwarze, gierig verschlingende Leere.
    Es gab nur die Leere.
    Die Leere.

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    Klient - Decima Lucilla

  • Gaius Flaminius Cilo

    http://www.kulueke.net/pics/ir…/f-roemer-soldaten/34.jpg "Ehre wiederherstellen?", grollte der Feldherr, der den Tribunen (der immerhin einen Kopf größer war als er selbst) mit seinem Blick aufspießte. Der Mann, der so selten die Contenance verlor, zeigte sich hier nichts anderes als bis ins Mark von Wut erfüllt: "Wieviel Barbar steckt in dir, dass du tatsächlich glaubst dieses Theater hier würde seine Ehre wiederherstellen?"
    Die vor Wut funkelnden Augen des alten Legaten zuckten zum Soldaten, und nur ein angedeutetes Kopfnicken zur Tür ließ diesen die Beine in die Hand nehmen und aus der Zelle verschwinden. Dann wieder den Duccius fixierend war das hier wenig mehr als eine Szene von Vater und Sohn, und Vatter hatte Sohnemann gerade noch rechtzeitig davon abhalten können sich unglücklich zu machen: "Ich bin mir sicher, du kennst den Kaiser Nero... der sich auch helfen lassen, und wird bis heute dafür verhöhnt. Wer bist du, dass du glaubst sowas dem Praefectus Praetorio der Urbs antun zu können?"
    Eine abfällige Geste, ein Schritt zur Seite und der Blick zur Tür machte klar, dass er diese Szene für beendet erklärte: "Das Leben des Decimus liegt in der Hand des Kaisers Cornelius, Duccius. Es liegt nicht in seiner, nicht in meiner... und schon garnicht in DEINER. Ob deiner bisherigen Leistungen werde ich so tun, als hätte das hier nicht stattgefunden, als wärst du tatsächlich keiner der Barbaren des Nordens, sondern ein würdiger Mann Roms. UND JETZT RAUS HIER."



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