Von alten und neuen Kaisern

  • Es vergingen einige Tage nach der Ankunft von Appius Cornelius Palma in Antiochia, bis auch ein offizieller Bote aus Rom die Provinzhauptstadt erreichte. In der gebotenen Eile wurde er vorgelassen, um dem Statthalter die vermeintlich neue und erschütternde Nachricht aus Rom zu überbringen, dass der Kaiser und seine Familie ermordet wurde. Der Statthalter nahm die Nachricht gefasst auf und erkundigte sich nach Details und eventuellen Anweisungen aus Rom. Viel war es nicht, außer einer Ankündigung, dass weitere Boten folgen würden und dem Auftrag, die Legionen unter dem bisherigen Eid zu belassen sowie eventuell auftauchende Senatoren mit angeblichen Anweisungen aus Rom zu verhaften. Der Statthalter nahm an, dass diese Nachricht an alle Kollegen in allen Provinzen ging. Dann erkundigte er sich nach den weiteren Wünschen des Boten und ließ ihm ein Quartier stellen, bevor er weiterreiste auf dem Landweg Richtung Africa.


    Der Statthalter indes besprach sich gleich nach dem Treffen mit dem Boten umgehend wieder mit Cornelius Palma und man entschied, die bisherige Planung beizubehalten. Und diese sah für die nächsten Tage eine gemeinsame Reise durch die Provinz vor.

  • Die Route verlief nach Nordosten, bis nach Sarmosata fast im nordöstlichsten Winkel der Provinz. Der Statthalter nutzte die Gelegenheit, in den größeren Städten, die sie passierten, Recht zu sprechen und seinen sonstigen Pflichten nachzukommen. Cornelius Palma nutzte die Reise, die Landschaft zu genießen, Briefe zu schreiben und Pläne zu schmieden. Nur in Sarmosata begleitete er den Statthalter auf Schritt und Tritt, zeigte sich stets an seiner Seite und sprach auch selber in der Öffentlichkeit.


    Weiter ging es von dort wieder nach Süden, bis Zeugma. Auch hier zeigte sich Cornelius Palma in der Öffentlichkeit, begleitete den Statthalter und sprach in der Öffentlichkeit. Auf der weiteren Reise widmete er sich dann wieder vornehmlich seiner Korrespondenz und den Boten, die ihn inzwischen recht zuverlässig aus verschiedenen Teilen des Reiches erreichten, während der Statthalter seinen Pflichten der Rechtssprechung nachkam. In Emesa dann wieder öffentliche Auftritte, Reden in der Öffentlichkeit, stets an der Seite des Statthalters.


    Nachdem auch diese Etappe geschafft war, ging es zurück nach Antiochia, denn das Ziel der Reise war erfüllt. Die drei syrischen Legionen außerhalb der Provinzhauptstadt kannten ihren neuen Kaiser und hatten Abordnungen in Marsch gesetzt. Jetzt konnte die verbleibende in Antiochia die Ausrufung übernehmen.

  • Nach der Rückkehr in die Provinzhauptstadt hatte Cornelius Palma noch einige Tage gewartet. Er hatte keine Eile für seine Pläne und je mehr Nachrichten aus Rom und aus den Provinzen er hatte, umso sicherer fühlte er sich. Außerdem gab er damit den Truppen Zeit, sich zu sammeln. Abordnungen in verschiedenen Stärken hatte er von den Legionen der Provinz zur Verfügung gestellt bekommen, alle zusammen in der Stärke von zwei Legionen. Sollte es auf eine Kraftprobe ankommen, würde das zwar nicht reichen, aber es war ein guter harter Kern, auf den sich aufbauen ließe und der ihn zuversichtlich stimmte.


    Was er aus Rom und den Provinzen hörte, weckte dagegen gemischte Gefühle. Von den Mitverschwörern gab es keine direkten Nachrichten. Dass manche Rom verlassen hatten und manche es nicht geschafft hatten, wusste Palma inzwischen von Gewährsleuten. Dass er selber auf der Proskriptionsliste stand ebenfalls. Doch wohin die anderen geflüchtet waren und ob sie von dort seine Pläne weiter unterstützten oder eigene Pläne schmiedeten, dessen konnte er sich keineswegs sicher sein.


    Schließlich traf die Meldung ein, dass in Pannonia Vescularius Salinator zum Kaiser ausgerufen worden war. Bis die Nachricht in Syria war, würde sie auch Rom erreicht haben, doch diesmal wollte Palma nicht auf weitere Meldungen aus der Hauptstadt warten. War Salinator zum Kaiser ausgerufen, bedeutete dies, dass er sich entweder dem Testament des Valerianus - genauer gesagt der gefäslchten Version - offen widersetzte oder es erst gar nicht öffentlich hatte verlesen lassen. In beiden Fällen brauchte er Widerstand, schon um ihn von Rom abzulenken und weitere Dummheiten zum Schaden des römischen Reiches zu verhindern.


    Für den nächsten Tag ließ Palma die Legionen antreten.

  • Abordnungen von vier Legionen waren zusammen gekommen, etwa 10.000 Mann unter Waffen standen für ihn bereit. Auf seiner Reise durch die Provinz war Cornelius Palma vom Statthalter bereits als zukünftiger Kaiser Roms vorgestellt worden. Die Legionäre zweifelten offenbar nicht daran, dass dies der Wille der Götter und des vergöttlichten Valerianus war. Ein großzügiges Donativum hatte darüber hinaus letzte Zweifel beseitigt und man konnte fast glauben, die Männer würden darauf brennen, einmal in ihrem Leben einen Kaiser ausrufen zu dürfen.


    "Soldaten! Söhne des Mars! Bürger Roms! Ich bin in diese Provinz am Rande des Imperium Romanum gekommen, um von hier aus mit euch an meiner Seite die Zukunft unseres gesamten Reiches in die Hand zu nehmen. In Rom sitzt ein Mann auf dem Thron des Kaisers, der ein Mörder ist! Ein gieriger Mann, der sich durch Verrat auf diesen Platz gebracht hat! Ein feiger Mann, der durch falsche Versprechungen getreue Schergen um sich gesammelt hat, die ihn stützen und schützen! Ein frevlerischer Mann, der das Erbe des vergöttlichten Valerianus beschmutzt hat, um sich zu bereichern! Ein ehrloser Mann, der in seinem Denken und Handeln all das verraten hat, auf das ihr euren Eid geleistet habt! All das, für das Legionäre wie ihr in den Kampf gezogen sind! All das, was Rom zu dem gemacht hat, was es heute ist!


    Doch wir stehen dem nicht tatenlos gegenüber. Wir haben die Möglichkeit und auch die Pflicht, diesem Mann entgegen zu treten und Rom wieder zu dem zu machen, was es sein soll. Jeder einzelne von euch hat die Möglichkeit und die Pflicht, die Würde des Kaiserthrons in Rom wieder herzustellen. Mit euch an meiner Seite habe ich die Möglichkeit, auch meinen Teil dieser Pflicht wahrzunehmen und Rom ein besserer Kaiser zu sein! Heute ist der Tag gekommen, an dem der Militärstiefel die Straße nach Rom betritt, um den ersten Schritt in Richtung einer besseren Zukunft zu machen! Heute ist der Tag gekommen, für den uns unsere Nachfahren danken werden, weil heute der Tag ist, an dem wir Rom ein besseres Schicksal schenken! Heute ist der Tag gekommen, an dem wir unseren Vorfahren die Ehre erweisen, indem wir das fortführen, was sie begonnen haben!


    Soldaten, heute ist ein guter Tag für Rom! Folgt mir, und eure Taten werden ewig leben!"

  • Jubel brandete auf, ergänzt durch rhytmische Schläge auf die Schilde. Erst leise und unkoordiniert, dann immer lauter schallte es schließlich aus 10.000 Kehlen und doch wie aus einem Mund. "Im-pe-ra-tor! Im-pe-ra-tor! Im-pe-ra-tor! Im-pe-ra-tor!"


    Schließlich traten die anwesenden Tribunen und Legaten vor Cornelius Palma und grüßten militärisch. "Imperator, die Truppen stehen zu deiner Verfügung! Wie lauten deine Befehle?"

  • Cornelius Palma hatte viele Befehle gehabt und natürlich waren sie zu umfangreich und detailliert, um sie vor der versammelten Truppe zu geben. Aber er hatte auch Zeit, so dass er es erst einmal bei einigen symbolischen Worten beließ und sich anschließen wieder den Soldaten zuwandte, um seine Nähe zu ihnen zu demonstrieren und ihnen ein Donativum auszuzahlen.


    Die nächsten Tage nutzte er jedoch tatsächlich, um Befehle zu geben, Absprachen zu treffen und die Offiziere auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Er wollte nach Rom, auf den Thron des Kaisers, und das nach Möglichkeit ohne blutigen Bürgerkrieg. Dass sie nach Rom kamen, daran hatte niemand Zweifel. Dass Cornelius Palma es auf den Thron schaffen würde, dafür gab es zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Dass es unblutig enden würde, das war bei realistischer Betrachtung wohl nur ein frommer Traum. Aber einer, der eine zusätzliche Betonung darauf legte, dass Cornelius Palma der rechtmäßige neue Kaiser war.


    Bis zum Abmarsch ließ Cornelius Palma weitere Zeit verstreichen. Er wollte die poltischen Entwicklungen weiter abwarten und vor allem setzte er auf besseres Wetter. Und darauf, dass die Classis Syriaca schnell noch ein paar zusätzliche Schiffe zimmerte, denn darauf, dass die Classis Alexandrina sein Vorhaben unterstützte, wollte er nicht alleinig setzen. Sie wollte er erst informieren, wenn die ersten Kontingente schon unterwegs waren, damit diese außerhalb der Angriffsreichweite waren, sollte die aegyptische Classis nicht auf seiner Seite stehen.


    Als klar war, dass Salinator in Rom tatsächlich den Kaiserthron besteigen wollte und das Wetter langsam besser wurde, wurde es Zeit, loszuschlagen. Letzte Briefe wurden verschickt, dann ging Cornelius Palma mit etwas mehr als der Hälfte der Truppen an Bord. Ein weiteres Truppenkontingent befand sich bereits auf dem Landweg in Richtung Westen, der Rest würde im Idealfall von der Classis Alexandrina später gebracht werden oder würden im Eilmarsch ebenfalls über Land hinterherkommen müssen.

  • Victor bereiste schon einige Zeit die östlichen Provinzen.
    Wie lange er nun schon unterwegs war wußte er nur anhand seiner Aufzeichnungen. Sein Zeitgefühl hatte sich im Rausch der orientalischen Welten verloren. Bis nach China war er mit seinen Freunden gereist. Seide und fremdartiges Gewürz gekauft.
    Er hatte Menschen und Tiere gesehen deren Existenz manch einer in den Erzählungen als Aufschneiderei abtat. Victor war ein linguistisches Talent und jedesmal, wenn sie ein neues Land bereisten lernte er von den Führern die wichtigsten Sitten und Gebräuche.
    Er sog deren Kultur und Religion in sich auf wie einen Schwamm und war überrascht wie ein solch sperrig-grobes Volk wie das Seine zu solch einem Imperium kommen konnte. Er traf auf Hirten die ihm mehr über das Wirken der Götter vermitteln konnten als er bisher glaubte wahrzunehmen. Er traf auf Händler die ihm mehr über Geldwirtschaft und Politik näher brachten als er es in zwei Leben in Roma erfahren hätte. Er schlief mit so vielen Frauen, trank soviele verschiedene Weine und vergorene Getränke, daß er wußte was gut war und was nicht. Selbst betäubende Dämpfe und Tinkturen zur Erlangung einer anderen Weltsicht hat er erforscht mit der Erkenntnis, daß ein klarer, wacher Geist das beste Mittel zum Überleben ist. Auf seinen Reisen traf er auf Söldner, Renegaten, Reisende und von allen lernte er Kampftechniken und taktische Grundzüge.Er lernte sowohl eine Gruppe wie auch eine Karawane zu schützen und zu verteidigen. Er lernte mit dem Bogen zu schießen und traf bald ein laufendes Kaninchen oder eine fliegende Taube. Als Stadtrömer waren im Pferde immer ein Graus gewesen,doch lernte er Reittiere schätzen. Er ritt alles vom Esel über das Muli, dem stolzen Araber dem Kamel, dem Dromedar bis hin zum Elefanten. Doch richtig lieben lernte er die klugen Pferde.
    Er lernte, daß es wichtig sei mit sich Selbst im Reinen zu sein. Wenn er auch die Erkenntnisse sammelte so lehnte er manche Zeremonie zur Läuterung ab. Sein Antrieb war Neugier und der Vergleich, weniger die Läuterung. So schaffte er sich eine kleine Göttergemeinschaft die er neben den Laren der Claudier um Beistand bat, insgeheim wissend, daß es Zufall sein müsste, wenn sie ihm zuhörten und demnach beistanden. Die familiäre Zu seinem großen Erstaunen sah er aber auch, wie weit die Kaufleute des Imperiums bereits gekommen waren. In China konnte er keltischen Stahl, germanische Glaskunst und goldenen Bernstein sehen.
    Er traf selbst in Indien auf kleine römische Gemeinden,...wenn es auch Juden
    waren, so konnte er in diesem Teil der Welt römisches Essen und Klatsch aus dem Imperium erfahren. Überhaupt schienen ihm die Juden ein weitreisendes und vor allem schnell heimisch werdendes Volk zu sein. Sie schufen sich rasch eine kleine Subkultur, ähnlich einem Habitat.
    Überall traf er in den Civitates auf jüdische Viertel und er erfuhr auch von ihnen viel über ihren Gott Jahwe, Karawanserei und nicht wenig über die Kunst der Heilung von Krankheiten und Verletzungen aller Art. Das jüdische Volk half einander und die Einheimischen verachteten sie nur scheinbar. Im Grunde waren sie den Langnasen dankbar für ihre Waren und ihr Wissen.
    Er amüsierte sich über das Bedürfnis der jüdischen Männer ständig und permanent zu diskutieren. Alle hatten eine Meinung, die von der jeweils anderen entweder meilenweit oder nur einen pes entfernt war. Trotzdem gelang es in den meisten Fällen einen Fall oder eine Sache zuende zu bringen. Etwas wovon der römische Senat soweit entfernt war wie die Erde von der Sonne.
    Hier galt das Gemeininteresse, jede Entscheidung lieferte die kleinen Gemeinden auf Gedeih und Verderb an das Gelingen des Entschlusses aus. Eine Tatsache die wohl nur in völliger Abgeschiedenheit und feindlicher Umgebung zustande kommen konnte.
    Die Sicherheit, wie er sie in Roma kennengelernt hatte existierte nur im Denken der Bürger, im Grunde war alles Menschengeschaffene ein Spielball der Götter und auf Gedeih und Verderb jenem ausgeliefert was man gemeinhin Schicksal nennt.
    Es waren nun fast 6 Jahre, als er auf dem Weg nach Hause in Antiochia Halt machte. Optisch nicht als Römer zu erkennen, ebenso wenig wie seine 6 Begleiter.
    Männer die er einstmals als Gladiatoren gekauft hatte um ihm Schutz auf der Reise zu bieten. Aus der üblichen Herablassung gegenüber Sklaven war in den Jahren die Einsicht gekommen, daß niemand etwas für die Zufälle der Geburt konnte und sein wahrer Wert in seinem Vermögen dem jeweils anderen zu entsprechen bestand.
    Ungezählte Male hatten sie gemeinsam Stürme, Wüsten und Überfälle überstanden, Freud und Leid geteilt, waren sich näher gekommen und hatten einander akzeptiert. Bald schon waren die Gladiatoren freie Männer und begleiteten Victor nun als Freunde und Weggefährten. Ihnen fiel die Unruhe in der Stadt auf und so fragten sie nach der Ursache. Entsetzen kam in Victor hoch und wenn auch 4 seiner Freunde Germanen waren so konnten zwei seine Gefühle nachvollziehen. Sie waren Stadtrömer, die aufgrund von Überschuldung in die Sklaverei gegangen waren und sich als Gladiatoren verdungen musste. Caius und Primus standen ihm am nächsten und so berieten sie was zu tun war.Victor bot allen an ihrer Wege zu gehen, sie waren reiche Männer, vermögend genug um den Rest ihres Lebens sorgenfrei zu leben. Doch alle unterwarfen sich Victors Weg. Er wollte nach Germania, dort war sein Onkel Menecrates Legat der Secunda. Menecrates war ihm immer ein Vorbild gewesen, wie oft weilte dieser damals bei seinen Eltern?
    Onkel Menecrates würde wissen was zu tun war. Denn eines war klar, die Patrizier würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf einer Proskriptionsliste landen. Jetzt nach Roma zu gehen wäre der direkte Weg in einen Carcer der Praetorianer. Caius blieb in Antiochia zurück.
    Mit ihrem Geld kauften sie einen Getreide Handelsposten und überließen dem fähigsten Kaufmann unter ihnen dessen Betrieb.
    Die Gewinne würden sie weiter anlegen und wenn alles vorbei war würden sie sich wieder hier treffen. Der Abschied war herzlich aber kurz und bald schon zogen die verbleibenden 6 Männer gen Germania.

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