Privataudienz für Faustus Decimus Serapio

  • Für ein Gespräch nach der überraschenden weil unangekündigten Rückkehr von Decimus Serapio, der immerhin einer der höchstrangigsten Ritter des Imperiums überhaupt gewesen war, erschien der Kanzlei das Arbeitszimmer des Kaisers angemessener als die Aula Regia, da es aller Wahrscheinlichkeit nach geheime Dinge zu besprechen gab. Dementsprechend hatte sie den Termin arrangiert und ein Beamter führte den Decimer herein, nachdem er die Domus Flaviana betreten hatte.

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    Hochkonzentriert auf das bevorstehende Gespräch und zugleich recht flau im Magen – es hing so viel davon ab – trat ich in das prunkvolle Regierungsgebäude. Wie von mir erbeten, sah es nach einer privaten Audienz aus, im Officium des Kaisers, nicht im Thronsaal. Das nahm ich mal als gutes Zeichen.
    "Ave Imperator Aquilius!" grüßte ich unseren allerobersten Befehlshaber militärisch, kerzengerade Haltung annehmend und die Faust zur Brust führend. "Ich melde mich zurück aus Nabataea."

  • Der Kaiser hatte tatsächlich einen winzigen Augenblick nachdenken müssen, als die Kanzlei ihm den kurzfristigen Termin mit Decimus Serapio mitteilte. Natürlich war ihm die Nabataeafrage grundsätzlich bewusst, aber da es in der Region ruhig war und auch sonst niemand ein Interesse an einer schnellen Beantwortung eben jener Frage artikulierte, hatte er seine Aufmerksamkeit anderen Dingen gewidmet. Das heutige Treffen schob sie daher eher überraschend in den Mittelpunkt und der Kaiser hatte extra am Vorabend noch ein eilig zusammengestelltes Dossier der Kanzlei studiert, um heute informiert zu wirken.


    "Salve, Decimus!" erwiderte er den Gruß des weitgereisten Ritters und lud ihn zum Sitzen in einer weniger militärischen Haltung ein. Er schätzte den Respekt für die militärische Rangordnung, aber für ein Gespräch im Büro erschienen ihm zu viele Förmlichkeiten eher hinderlich. "Deine Rückkehr erfolgt überraschend. Wir haben hier nicht viel aus Nabataea gehört, was für sich genommen wohl eher gut als schlecht ist. Was kannst du mir berichten?"

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  • Es war in einer kalten Nacht am Ufer des großen Salzsees gewesen, da hatte einer der Karawanentreiber am Feuer eine Geschichte erzählt, die Jarsiath mir folgendermassen übersetzt hatte:
    "Einst erschien dem mächtigen Sheik Shardsan im Schlaf eine Schlange, die seinen rechten Fuß samt Bein bis zum Knie verschlang. Der Sheik ließ seinen Hofastrologen rufen, der den Traum seines Gebieters so auslegte:
    'Oh, ehrwürdiger Vater der Krieger, ich habe dir Unheil zu verkünden: Du wirst alle deine Angehörigen verlieren. Baal-Dushara und Al-Laat mögen dir beistehen!'
    Der Sheik verfiel in tiefe Traurigkeit. Er ließ einen anderen Traumdeuter kommen, einen Eremiten vom Berg Um Adaami. Der ließ sich den Traum erzählen und rief:
    'Die Allmächtigen seien gepriesen! Ich habe dir große Freude zu verkünden. Du wirst all deine Verwandten und Freunde überleben.'
    Der Sheik dankte ihm für die frohe Botschaft mit hundert Silberstücken, während sein Vorgänger leer ausging."


    An diese Geschichte fühlte ich mich gerade erinnert, als ich dankend dem Imperator gegenüber Platz nahm, mich räusperte, meine Toga zurechtstrich und mich redlich bemühte, das Scheitern möglichst diplomatisch zu formulieren. Leider war ich kein weiser Eremit.


    "Die politische Lage in Nabataea ist weiterhin wechselhaft. Die Herrschaft wurde in den letzten Jahren ja von verschiedenen Allianzen der führenden Familien, Stämme, Handelsherren und Priesterschaft beansprucht und zeitweise errungen. Keiner konnte sie längerfristig halten. Die Zwistigkeiten sind innerhalb der Landesgrenzen geblieben, darum ist davon wohl nur wenig bis hierher gedrungen."
    Bis auf die erhöhten Weihrauch- und Myrrhepreise, so nahm ich an.
    "Die nabataeische Zentralgewalt ist zerbröckelt. Reqmu, ich meine Petra, beherrscht noch den Haupthandelsweg der Weihrauchstraße bis ins Dekapolis-Land, aber im Süden fordern die Überfälle der Beduinen einen hohen Blutzoll. Zuletzt gab es auch einzelne Attacken auf Karawanen auf unserer Via maris." Der Abschnitt zwischen Pelusium und Raphia verband Aegyptus und Iudaea. "Im Norden hingegen, in Bostra, versuchen die Parther vermehrt Einfluß zu nehmen." Kein Wunder, bei einem Machtvakuum sozusagen bei ihnen um die Ecke, und sehr bedenklich!
    Nach diesem Kurzabriss über die Lage seit dem Ableben unseres Klientelkönigs Rabbel II kam ich zu dem Unglück, das sich "meine Mission" nannte. Bring es hinter dich, Faustus! (Danach konnte ich immer noch versuchen, den Kaiser mit geballten strategischen Nabataea-Details und schönen bunten Karten gnädiger zu stimmen, aber aussprechen mußte ich es.)
    Beschämt, aber mit möglichst stoischer Miene berichtete ich:
    "Unser ursprüngliches Ziel konnte ich leider nicht erreichen. - Wie besprochen habe ich verdeckt Kontakt zu Königswitwe aufgenommen, Gamilat, die ja auch die Schwester Rabbels war. Sie ist sehr betagt, ihren Briefen nach aber scharfsinnig und staatskundig. Sie weilte auf einem Anwesen bei Mampsis, zusammen mit dem Königssohn Obodas. Der letzte Aretide lebte ja seit jeher sehr... abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Die örtlichen Informanten vermuteten, dass er schwach im Geist ist, auch von Fallsucht war die Rede. Ich selbst kann dies nicht bezeugen, denn... ich muß leider berichten, Imperator: als ich dort eintraf, fanden wir lediglich einen Hinterhalt vor. Die Pfeile waren parthischer Machart. Ich habe drei Männer verloren und war selbst längere Zeit ohne Möglichkeit zurückzukehren oder Bericht zu erstatten."

  • Der Kaiser folgte dem ersten Teil des Berichtes aufmerksam und mit einem zustimmenden Gesichtsausdruck. Offenbar stimmten die Informationen mit dem überein, was er dem eilig zusammengestellten Dossier entnommen hatte. Bei der Nennung der Parther verzog er kurz die Miene. "Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn sie ihre Finger mal rausgehalten hätten", warf er brummend ein. Dann fiel ihm ein, dass Decimus Serapio über andere Entwicklungen möglicherweise nicht ganz informiert war und hängte noch eine Erklärung an. "Im Streit um den armenischen Königsthron haben sie natürlich auch ihre Interessen vertreten müssen. Ich schickte meinen Sohn dorthin auf Mission, um ein angemessenes Gegengewicht aufzubieten." Über das Ausmaß des Erfolgs der Mission schwieg sich der Kaiser aus, was für sich genommen ja auch schon eine Information war. Immerhin sollte es hier aber auch nicht um Armenia gehen, sondern um Nabataea.


    Dass auch die dortige Mission nicht als Erfolg zu verbuchen war, schien den Kaiser nicht gänzlich zu überraschen. Die Völkerschaften an der Ostgrenze des Reiches waren bekanntlich alles andere als einfach und man konnte wahrlich nicht behaupten, dass Rom dort zu irgendeiner Zeit ununterbrochen Erfolge feiern konnte. "Das ist nicht gut. Schön, dass du es zumindest lebend zurück geschafft hast", kommentierte der Kaiser. "Galt der Hinterhalt dir persönlich, als Vertreter Roms, oder gibt es eine Interessengruppe, die allgemein verhindern möchte, dass jemand Kontakt mit der Königsfamilie aufnimmt?" Insgeheim hoffte der Kaiser wohl auf letzteres, denn ersteres wäre ein nur schwer zu verneinender Kriegsgrund. Auf einen Krieg wiederum war wohl derzeit niemand erpicht und die Truppen im Osten auch nicht hinreichend vorbereitet, was man wiederum als Schwäche oder Desinteresse auslegen könnte, wenn man auf einen guten Kriegsgrund hin nicht aktiv wurde. Und um den Eindruck des Desinteresses zu wecken hätte es völlig gereicht, die Mission gar nicht erst anzutreten, was für alle Beteiligten günstiger, erfreulicher, gesünder und schneller gewesen wäre. Erwartungsvoll blickte der Kaiser seinen Gesandten also an, in der Hoffnung auf eine zumindest diplomatisch akzeptable Erklärung.

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  • Dass der Imperator mir nicht den Kopf abriss, das war ja schonmal was. Er blieb höflich gefasst. Doch auch die subtilere Note der Unzufriedenheit vernahm ich wohl.
    Auch die Armenien-Frage war noch offen, so erwähnte er. Dass der Caesar selbst dort agierte, unterstrich deren Wichtigkeit. (Es war wirklich furchtbar für mich, so schlecht informiert zu sein. Ich gierte nach Einzelheiten.) Armenien war gewiß ein brandheißes Pflaster. Der Einmarsch der Parther damals, und die Einsetzung von Parthamasires, waren der Auslöser für unseren Feldzug ins Partherland gewesen. So viele Kameraden hatte ich als junger Soldat dort verloren, so viel Leid hatten wir dort erfahren und über andere gebracht, sogar unseren Kaiser hatten wir dort verloren, und nun waren die überblutig bezahlten Errungenschaften an Territorium, Einfluß und Grenzsicherheit von damals schon wieder halb zunichte und mußten neu erkämpft werden. Mir schien, dass Imperator Aquilius, Bezwinger der Daker, dabei deutlich weniger waffenklirrend auftrat als dazumal Imperator Ulpius Iulianus.


    Auch aus seiner Nachfrage klang, zumindest in meinen Ohren, ein Gewicht auf diplomatischen Schattierungen. Ich nahm an, dass dem Imperator daran gelegen war, die Fassade römischer Unangreifbarkeit zu wahren, ebenso wie mir daran gelegen war, den Verlauf meiner Mission nicht allgemein bekannt zu machen. Während meiner Flucht, verletzt, zermürbt, mich von Eidechsen und Würmern ernährend, hatte ich natürlich parthische Agenten hinter dem Manöver vermutet. Bekanntlicherweise, der vergöttlichte Iulianus konnte es bezeugen, waren die Parther auf dem Gebiet Heimtücke und Hinterhalt unangefochtene Olympiameister. Doch man sollte wohl auch die Nabataeer selbst auf diesem Gebiet nicht unterschätzen.


    "Gewiss, die gibt es. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass der Angriff gezielt auf mich als Vertreter Roms gerichtet war. Unter den Nabataeern gibt es eine Bewegung von Patrioten. Je zerfaserter ihr Land, um so inniger besinnen sie sich zurück auf Zeiten der Stärke, schwärmen von der Epoche von Aretas dem Vierten, 'dem Großen', dessen Eroberung von Damaskus, träumen von einem Nabataeerreich, welches entlang der Küste des Sinus arabicus bis weit in die Weihrauch- und Gewürzländer nahe des Feuergürtels reicht. Sie lehnen ein Klientelverhältnis ab, verschließen dabei die Augen davor, dass Aretas IV bereits unser Vasallenkönig war."
    Welches Gewicht hatten schon Tatsachen gegenüber warmer patriotischer Begeisterung.
    "Ich würde sie nicht unbedingt fanatisch nennen, ihre Verbohrtheit reicht bei weitem nicht an die jüdischer Zeloten heran, aber sehr umtriebig. Einflußreiche Würdenträger der Versammlung der 'Sieben mal Sieben Edlen' gehören dazu, auch Teile des alten königlichen Spitzelwesens so wie auch schwärmerische Aristokraten. Ihre Führungsfigur ist der Reiterkommandant Tayim von den Karahzihden, großmütterlich mit dem Geschlecht der Aretiden verwandt.
    In ihrem Interesse liegt es natürlich zu verhindern, dass jemand - oder jemand ausser ihnen - die Königsfamilie instrumentalisiert. Ein Manöver mit dem Potential, uns gegen die Parther auszuspielen - und dabei Nabataeas Eigenständigkeit zwischen den Großmächten zu bewahren - wäre auch in ihrem Sinne. -
    Bedeutsam in der Hauptstadt ist zur Zeit ausserdem die Fraktion um die Hohepriesterin der dreigesichtigen Aphrodite und der Kult ihrer Anhänger. Dann die Händlervereinigung um den ehemaligen Fächerträger König Rabbels II und nun ersten der Zimthändler. Ausserdem der Sheik des Stammes der Banu-Tulul, der Tributzahlungen von den Karawanen eintreibt, gegen die die Zölle, die wir dort früher erhoben haben, verblassen."

    Und das waren nur die prominentesten derjenigen, die dort um die Macht rangen. Je näher man die Strukturen betrachtete, um so unendlich komplexer erschienen sie.

  • Der Kaiser nahm die erhoffte Antwort mit einem sichtbaren Zeichen der Erleichterung auf. Natürlich wäre eine erfolgreiche Mission noch besser gewesen, aber so war er jetzt zumindest kein Getreibener der Ereignisse, sondern konnte souverän entscheiden, wie Rom in Nabataea weiter verfahren sollte. Oder zumindest konnte er sich das einreden und es politisch so verkaufen.


    Bei den weiteren Ausführungen wurde sein Blick zunehmend leerer, je mehr verschiedene Parteien er zu hören bekam. "Hohepriester, Fächerträger, Zimthändler, Stammesfürsten? Das ist ja eine wirklich illustere Runde an Rivalen", kommentierte er. Bei genauerer Betrachtung war es zwar in anderen Provinzen des römischen Reichs auch nicht so anders und auch in Rom selber gab es zuweilen sehr schillernde Fraktionen, aber trotzdem wirkte die Situation in Nabataea zumindest für den Kaiser gerade ziemlich verworren. "Die Kanzlei wird einiges aufarbeiten und du sicher einiges doppelt und dreifach erzählen müssen, um die Lage zumindest halbwegs zutreffend zu erfassen", sagt der Kaiser dann mit Blick auf das Dossier, welches ihn am Vorabend eher dürftig vorbereitet hatte. "Wir werden immerhin die Consuln und den Senat unterrichten müssen über die Lage an unseren Grenzen. Und die Statthalter der Nachbarprovinzen ohnehin."


    Der Kaiser rechnete damit, dass das zu Fragen führen würde und er versuchte, sich die drängendsten davon gerade vorzustellen. "Die Via maris ist noch einigermaßen sicher, sagst du? Welche der Interessengruppen hat dort das Sagen und verfolgt welche Interessen? Haben wir Möglichkeiten, zumindest hier unseren Einfluss zu sichern?" Die Landverbindung von Iudaea nach Aegyptus erschien dem Kaiser einfach zu wichtig, um sie fahrlässig und ohne Not in Gefahr zu bringen.

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  • "Jawohl Imperator" bestätigte ich. Der Kaiser sah, obgleich es ja noch früh am morgen war, recht erschlagen von meinem Bericht aus, ich nahm das mal als Hinweis, ihn nicht mit weiteren Einzelheiten zu den Feinheiten dieses gordischen Knotens zu überfrachten.
    "Es gab einzelne Überfälle auf Karawanen auf der Via Maris. Die meisten Händler kommen durch, bezahlen aber Tribut an die Beduinen. Früher arbeiteten wir mit dem Stadtherrn des nahen Nessana zusammen, um die Straße sicher zu halten, doch dieser wurde nach dem Tod Rabbels II gestürzt."
    Leider war ich dort nicht vor Ort gewesen und kannte auch nur die Hörensagen, die sich die Kameltreiber in Reqmu und die Karawaneneskorteure in Alexandria erzählten.
    Jetzt war der Moment eine Karte auszurollen, ich tippte mit dem Finger auf die genannten Orte während ich sprach.
    "Es sind verschiedene Beduinensippen, die aus dem Inneren von Nabataea immer wieder dorthin vorstoßen. Sie schlagen zu und ziehen sich wieder zurück, bevor eine Vergeltung sie erreichen kann. - Mit dem Fokus allein auf der Via Maris... sollten wir primum in Nessana für einen uns zugeneigten starken Stadtherren sorgen. Secundum sollten wir von der nächstgelegenen Ala zumindest vorübergehend einige Turmae zur Via Maris abziehen und tertium diese auch eine Reihe von Wachtürmen und Signalketten errichten lassen." so riet ich, jedoch wenig überzeugt, denn mir schien diese Lösung wie ein kleines Pflaster auf einer schwärenden Wunde.


    "Doch wenn du erlaubst, Imperator – ich möchte für eine..." Kühnere? Ruhmreichere? "...nachhaltigere Lösung plädieren. Das Chaos in Nabataea, der Umstand, dass das Land keine vereinten Streitkräfte mehr hat, es bietet ja Gelegenheit, das Land relativ leicht zu annektieren. Eine Legion von Süden, aus Ägypten, nach Petra und eine im Norden, von Iudaea aus, nach Bostra, sollten ausreichen um Nabataea zu erobern. Natürlich..." räumte ich ein, "ist zu bedenken, dass die Parther dies als Provokation auffassen könnten, und die Entscheidung kann sicherlich nur im Rahmen der Gesamtschau unserer Ostgrenze, und auch die Lage in Armenien berücksichtigend, getroffen werden."
    Das war mehr, als ich mit meinen derzeit leider so limitierten Informationen überschauen konnte. (Aber manchmal hatte man doch einfach das Gefühl, dass die Zeit für etwas reif war. ;) )
    "Jedoch kann man festhalten: Es ist traditionell unser Vasallenstaat. Es herrscht dort ein Machtvakuum, welches, wenn wir nicht agieren, irgendwann die Parther ausfüllen werden. Die Vorzeichen für eine Invasion stehen aktuell günstig. Die Stadt Petra einzunehmen ist aufgrund ihrer Lage zwar eine Herausforderung, aber auch Petra hat Schwachstellen, es ist machbar. Das Land ist ausserdem nicht nur strategisch, sondern auch ökonomisch sehr wertvoll. Nabataea selbst bringt Bitumen, Kupfer und edle Pferde hervor, aber viel bedeutsamer ist die Weihrauchstraße über Leuke Kome, Aila und Petra, eine der ganz großen Zuflußadern nicht nur für Weihrauch, auch für alle möglichen Gewürze, Myrrhe, Aloe, Lapislazuli, Perlen, Seide aus Seres, Gold und Edelsteine aus Indien...
    Solltest du dich dafür entscheiden, Imperator, dann wäre Nabataea es sicherlich wert, wie Ägypten eine kaiserliche Provinz zu werden.
    Und nicht zuletzt wäre mit der Einnahme Nabataeas dann auch der allerletzte Abschnitt der Küste des Mare Nostrum Teil des Imperiums."

    Auch wenn unserer Kaiser es nicht mehr nötig hatte, noch mehr militärischen Lorbeeren einzusammeln, so wäre doch dieser Symbolwert gewiss auch nicht zu verachten.

  • Der Kaiser schien von der ausgerollten Karte angetan zu sein. Zumindest ließ er den Blick über die Zeichnung schweifen, auch abseits des Zeigefingers seines Gespärchspartners. Trotzdem hörte er weiter aufmerksam zu und wog im Kopf die verschiedenen Optionen ab. Da sie hier in vertraulicher Runde waren, konnte er allerdings etwas lauter denken. "Ein uns geneigter Stadtherr? Zweifellos, das sollten wir anstreben. Truppenverlegungen? Ja, das könnte ein geeignetes Zeichen sein. Wobei wir schauen müssten, welche Einheit geeignet ist. Vielleicht auch eine weiter entfernte Ala dauerhaft verlegen." Reitereinheiten waren leider teuer und daher nicht so leicht verfügbar wie die kostengünstigere Infanterie. "Einen Limes Arabicus errichten? Nun, diese Idee ist ja schon häufiger Thema gewesen. Wenn ich mich richtig erinnere, haben meine flavischen Vorgänger die Einrichtung der Provinz Iudaea zum Anlass genommen, derartige Pläne auszuarbeiten und zumindest das Straßennetz dafür in Teilen auch schon zu ertüchtigen. Vielleicht ist es wirklich eine lohnenswerte Investition, diese Pläne wieder zu intensivieren."


    Der Kaiser schien die Idee jedenfalls als Option behalten zu wollen, während im die weiteren Ideen augenscheinlich weniger zusagten. "Ja, wenn die Parther nicht wären, wäre die Eroberung des Landes unter den genannten Bedingungen sicher eine günstige Option. Aber wir sollten es meines Erachtens vermeiden, eine Konfrontation heraufzubeschwören, derer wir nicht sicher gewachsen sind. Unser letzter Krieg dort war ja nicht so ruhmreich. Aber andererseits hast du sicher Recht, wenn wir auf unser Vorrecht pochen, bei der Besetzung des Throns mitzureden, wie es in der Vergangenheit auch der Fall war. Es wäre demnach eine Eskalation von Seiten der Parther, wenn sie uns dieses Recht offensiv streitig machen wollen und angesichts der ebenfalls offenen Lage in Armenia bezweifle ich, dass sie das tun würden, wenn wir nur selbstbewusst genug auftreten. Würde Parthia sich stark genug für einen Krieg fühlen, würden sie den in Armenia beginnen, nicht in Nabataea." Zumindest war der Kaiser davon überzeugt.


    "Wer ist denn unsere Option als neuer Vasallenkönig? Was bietet er uns und was erwartet er dafür?" Eine solche Besetzung war immer ein Handel und Rom hatte immerhin einiges zu bieten.

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  • Zum Teil traf ich auf offene Ohren. Es war wirklich eine Ehre, mit dem Imperator hier so geradeheraus die Lage und die Strategie an unserer östlichen Peripherie zu besprechen. Er schätzte die Kriegsbereitschaft der Parther höher ein als ich, schien das Risiko, das mit einer Annektierung einginge, für unwägbar zu halten. Wie schade! Ich sah eine einmalige Gelegenheit entschwinden. Ob er anders entscheiden würde, wenn er wie ich mit eigenen Augen den märchenhaften Reichtum und die wahrlich eroberungswürdige Hochkultur Nabataeas erblickt hätte?
    Gegen sein vorsichtiges Abwägen ließ sich im Grunde nichts sagen... es befremdete mich jedoch, wie unverblümt er die Dinge beim Namen nannte. 'Nicht so ruhmreich' traf sicher zu, wenn man 'nur' den Tod des Imperator Ulpius Iulianus sah, aber hatten wir damals nicht auch Edessa, damit die Osroëne, und Circesium erobert und die Parther aus Armenien vertrieben... und damit doch so einiges Ruhmvolles vollbracht?
    Ich biss mir auf die Zunge, um ihn nicht durch Widerspruch zu brüskieren. Es lag mir ja fern, einen neuen Partherfeldzug zu befürworten. Aber irgendwie fühlte ich - in jungen Jahren geprägt von so manch markiger Rede à la tu regere imperio populos, Romane memento und den blutigen Kämpfen gegen den Erzfeind im Osten - mich angesichts von Imperator Aquilius' nüchterner Friedenspolitik machmal so... 'retro'. Als wäre unversehens eine neue Zeit angebrochen, in der ich mit einem Mal zum alten Eisen zählte.


    Doch obgleich er eine Annektierung ausschloß, war der Kaiser geneigt, unseren Einfluss dort wiederherzustellen. Obodas, mutmaßlich schwachsinnig, auf jeden Fall nicht greifbar, fiel als Vasallenkönig aus. Gamilat war uralt und ebensowenig greifbar. Tayim wäre interessant, wenn er nicht seine Anhängerschaft mit der Abneigung gegen unsere römische Vorherrschaft vereinigen würde. Der ehemalige Fächerträger war für seinen Hang zum Verrat berüchtigt. Über die Hohepriesterin wußte ich zu wenig. Der Sheik der Beni-Tulul war ein unzivilisierter Barbar, von dem bekannt war, dass er seine besiegten Feinde mit Vorliebe pfählte... Wer blieb da noch?


    "Eine gute Option wäre aller Voraussicht nach der Handelsherr Sospitos, ein einflussreicher Edelmann aus Petra, der über ein weitverzweigtes Weihrauch-Handelsnetz gebietet. Er hat mannigfaltige Verbindungen in der nabataeischen Oberschicht und Gespür für den Machterhalt. Er selbst hat drei Frauen aus bedeutsamen Familien geheiratet, und auch die Ehen seiner Kinder – er hat fünf Söhne – mit Bedacht ausgewählt. Er pflegt, von der Vielehe abgesehen, einen hellenisierten Lebensstil, und bedauert die Unruhen in Nabataea, da sie den Handel empfindlich treffen. Aus diesem Grund unterstützt er zur Zeit den Reiterkommandanten Tayim - der wie gesagt eine Klientenschaft zu uns lauthals ablehnt. Diese Unterstützung basiert aber meines Erachtens lediglich auf Sospitos' Wunsch, in Nabataea wieder geordnete Verhältnisse und sichere Handelswege zu haben. Sospitos zu gewinnen würde also auch eine der Hauptfinanzierungsquellen der antirömischen Fraktion zum Versiegen bringen. - Er selbst ist ganz pragmatisch, ein Mann der Vernunft, und einer der zu seinem Wort steht, soweit man das eben von einem Orientalen behaupten kann. Man muss hinzusagen, dass er nicht mehr der jüngste ist, aber von robuster Gesundheit. - Noch habe ich keine Verhandlungen mit Sospitos aufgenommen..."
    Ich war ja auch so gar nicht in der Position dafür gewesen. Aber ich war zuversichtlich, dass Sospitos das Geschäft seines Lebens beherzt am Schopfe packen würde. Vielleicht könnte man ihn auch gleich zusammen mit seinem ältesten Sohn inthronisieren?
    "... doch wenn du gestattest, Imperator, werde ich dafür mit ihm in Verbindung treten. Sichere, gute Straßen und Maßnahmen gegen die räuberischen Stämme sind auf jeden Fall ein gemeinsames Anliegen."
    Und wieder mit Blick auf die Karte überlegte und spekulierte ich:
    "Wenn es uns gelingt, in Nabataea wieder ein stabiles Klientelkönigtum zu etablieren, dann könnte die Errichtung eines endgültigen Limes arabicus auch zu dessen Schutz hier.... sinnvoller sein als entlang der iudaeischen Grenze und der Via maris..."
    Bei 'hier' strich ich mit der Fingerkuppe unerschrocken von der Ostgrenze Syriens südlich, den Landstrich des Dekapolis mit Bostra umfassend, dann den Abschnitt entlang der nabataeischen Ostgrenze, parallel der Straße zwischen Petra und Aila. Dies würde zwar die flavisch ertüchtigten Straßen in Iudaea nicht mit einbeziehen, den zu befestigenden Verlauf aber viel kürzer machen.
    "Hier" bemerkte ich beim letzten Abschnitt, "existieren bereits einige nabataeische Befestigungsanlagen, die zur Zeit aber nur lückenhaft bemannt sind, die wir dann gleich nutzen könnten."
    Auch dies hatte natürlich Potential, die Parther zu vergrämen, andererseits dachte ich mir, wäre die Befestigung dieser "Klientel-Grenze" auch ein sichtbares Zeichen dafür, dass unser besonnener Imperator nicht nach Eroberungen jenseits davon strebte.

  • Der Kaiser dachte diesmal einen Augenblick länger im Stillen nach, davor er wieder zum lauten Denken überging. Es war ja auch alles andere als eine leichte Debatte, die sie gerade führten und auch als Herrscher eines großen Weltreiches musste man manchmal seine Gedanken erst ordnen, bevor man begann, sie auszusprechen. "Wie steht dieser Sospitos denn in Relation zu jenen Fraktionen, die du eben aufgezählt hast?" fragte er dann vorsichtig nach. "Du erwähntest eben die Zimthändler und Beduinen, die Tribute von den Karawanen eintreiben. Ich bin mir sicher, beide werden seine sehr klare Meinung über einen einflussreichen Weihrauchhändler haben. Ist es eine gute oder eine schlechte Meinung? Und wem könnte sich dieser Tayim zuwenden, wenn er die Unterstützung des Sospitos verliert? Könnte ihn das in die Arme eines gefährlicheren Gönners treiben und eine Allianz heraufbeschwören, die uns vor Probleme stellt?"


    Der Kaiser stellt die Frage nach dem alternativen Verlauf eines Limes Arabicus bewusst zurück, nahm sich aber vor, später noch einmal darauf zurück zu kommen. Aber je unklarer die Frage war, ob, wann und wie sie das Land gewinnen konnten, umso weniger drängend wurde die Frage, wie man es sichern konnte. Auch zum Angebot des Decimus Serapio, die Verbindung mit ihrem Kandidaten aufzunehmen, sagte er erst einmal nichts. Dass dies der nächste logische Schritt war, lag allerdings ohnehin auf der Hand und die Frage war wohl eher, mit welchen Vollmachten und Begleitern man ihn dafür ausstattete.

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  • Wenn unser Kaiser in Gedanken vertieft war, so wie jetzt, dann hatte seine Erscheinung etwas von einem weisen Philosophen. Besonders mit dem etwas längeren Haar und dem griechisch anmutenden gepflegten Bart. Seine Art, diesen zweigeteilt zu tragen, war wirklich sehr modisch. Nein, falsch, unser Imperator war nicht modisch, alles was er tat, trug, oder offen schätzte wurde zur Mode. (Die Hersteller von Merkur-Amuletten dankten wahrscheinlich noch immer jeden Tag unter Freudentränen für seine Machtergreifung.) Hmm... ob ich diesen Stil auch mal ausprobieren sollte? Aber eigentlich war ich ganz froh meinen Speculatoren-Bart gerade wieder los zu sein.
    Ich vermutete mal, dass unserem noblen patrizischen Kaiser die Vorstellung, einen Handelsherren in die Königswürde zu erheben, nicht unbedingt auf Anhieb zusagte. Wo doch in unserer Führungsschicht alles, was über den Verkauf der Erträge unserer Landgüter hinausging, unstandesgemäß war. Als Nachfahre iberischer Kaufleute hatte ich das nie so ganz verstanden, und die Nabataer sahen das auch nicht so eng.
    Zudem glaubte ich, dass es keine bessere Art gab, einen guten Anführer zu erkennen, als unter ihm zu dienen, und das hatte ich ja, wenn auch unfreiwillig und un-militärisch, unter Sospitos getan. Er war gerissen, großzügig, gerecht, und grausam nur den dortigen Gepflogenheiten entsprechend. Die notwendigen göttlichen Omen ließen sich kaufen, und auch edle Abstammungen von Herrschern, Heroen oder gar Göttern wurden ja wohl oft im Nachinein erdichtet...


    "Mit dem ersten der Zimthändler ist er verschwägert, pflegt vordergründig eine Freundschaft, geschäftlich sind sie harte Rivalen."
    Was für eine Meinung dieser über Sospitos hegte, puh, knifflige Fragen stellte der Imperator.
    "Ich denke, dass das Verhältnis von Respekt geprägt ist." antwortete ich.
    "Den Beduinen zahlt er den üblichen Tribut, lässt seine Karawanen verstärkt von Wächtern begleiten, für den Fall, dass die Söhne der Wüste darüber hinaus gierig werden. Zu diesem Zweck hat er hochklassige Söldner aus dem Reich von Himyar angeheuert. Dadurch hat er in den letzten Jahren deutlich weniger Karawanenladungen verloren als andere. Sein Name ist bekannt und er wird respektiert."
    Eine Erfolgsgarantie war er natürlich trotzdem nicht, und gerade nach meiner letzten Mission war mir sehr bewußt, dass in dieser fremden, von unberechenbarer 'Östlichkeit' durchdrungenen, Welt die auf den Palatin geschmiedeten Pläne äusserst kurzlebig sein konnten – genau wie die, die danach strebten, diese dort vor Ort umzusetzen. (Darum fand ich den Gedanken einer Eroberung ja so bestechend: den gordischen Knoten zerhauen, einen ordentlichen Statthalter einsetzen, fertig. Aber das fiel ja leider aus.)


    "Ja, das ist ein Risiko," stimmte ich unverblümt zu, "schlimmstenfalls verbündet Tayim sich trotz den Reden von der Unabhängigkeit verdeckt mit den Parthern. Oder nimmt unsere Einflußnahme als Vorwand dies offen zu tun. Zum Beispiel über eine Allianz mit der offen partherfreundlichen Stadtregentin von Bostra."
    Und schon könnte es auf einen Stellvertreterkrieg der Großmächte in Nabataeas roten Bergen hinauslaufen... selbst wenn die Parther primär ein Auge auf Armenien geworfen hatten.
    Vielleicht war ich voreilig gewesen, gleich anzubieten wieder zu verhandeln. In dem Bestreben, auch mich selbst ein wenig abzusichern, fügte ich vorsichtig hinzu:
    "Wie wir einer solchen Allianz bestmöglich vorbeugen können... ausser natürlich durch strikte Geheimhaltung.... um diese Frage in allen Aspekten zu beantworten, sehe ich weitere Aufklärungsarbeit als notwendig an. Insbesondere bezüglich der parthischen Interessen dort. Wenn wir diese Strategie verfolgen, dann würde ich ausserdem gern im Vorfeld bereits einige Agenten vor Ort positionieren, für den Fall, dass Bestechungen, Sabotage oder gar einzelne Eliminierungen notwendig werden sollten... - Darf ich fragen, Imperator, ob du es mir erlauben wirst, meinen Dienst in der Castra Praetoria wieder aufzunehmen? So dass ich dies in die Wege leiten kann, als Vorbereitung für erste Verhandlungen."


    Die Geheimdienstarbeit lag mir doch deutlich mehr als die große Diplomatie. Ich hatte mich natürlich angeboten, die Verbindung zu Sospitos aufzunehmen, das war ja auch meine Pflicht, aber ich war gerade erst knapp mit heiler Haut aber blutiger Nase davon gekommen, und brannte nicht darauf, ohne gebührende Aufklärung wieder loszuziehen.

  • Der Kaiser lehnte sich zurück und dachte nach. Während er das tat strich er sich leicht und unbewusst durch den Bart ohne zu ahnen, dass sein Gesprächspartner gerade noch über eben jenen nachgedacht hatte. Die vorgestellte Option hörte sich durchaus vielversprechend an. Optimale Kandidaten waren ohnehin nicht zu erwarten und ein respektierter Händler, der vermögend genug war, um sich eine schlagkräftige Söldnertruppe zu leisten, war in dieser Region vermutlich alles andere als eine schlechte Option.


    Dann kam ein neuer Name ins Spiel. Bostra. Der Kaiser beugte sich vor und blickte auf die Karte. "Könnte das Reich in zwei Teile zerfallen? Einen Süden, der sich uns zuwendet und einen Norden, der unter parthischer Kontrolle steht?" Der Kaiser versuchte, die Geografie anhand der Karte einzuschätzen. "Würde unsere Grenze zu den Parthern damit einfacher kontrollierbar werden oder schwieriger?" Wieder ging der Blick des Kaisers zur Karte. "Die Straße von Bostra nach Süden geht über Petra nach Aila, oder? Wo wäre auf dieser Straße in etwa ein Wechsel der kontrollierenden Macht zu erwarten?"


    Während sich der Kaiser versuchte, anhand der Schilderungen und der Karte ein Bild von der Region zu machen, die er noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, war die Frage nach der Aufklärungsarbeit eine eher leichte Aufgabe. "Ja, sicher sollten wir unsere Aktivitäten dort verstärken, auch um einem Klientelkönig einige Sicherheit bieten zu können. Wir müssen dort zweifellos informiert und handlungsfähig erscheinen, wenn wir unseren Einfluss halten und ausbauen wollen." Auf die Frage nach dem Dienstposten hin schaute der Kaiser seinem Gegenüber eine Weile in die Augen. Dann schmunzelte er ein wenig, als wenn er ein einfache Antwort auf eine schwierige Frage gefunden hätte. Tatsächlich hatte er aber nur eine Feststellung und eine Gegenfrage im Angebot. "Bei deinem Lebenslauf und deiner Erfahrung in derartigen Angelegenheiten ist es wohl weniger die Frage, ob ich dich dort wieder im Dienst sehen möchte, sondern vielmehr die Frage, auf welchem Posten du dies tust. Ich kann dich zu meinem Sonderbeauftragten in der Nabataea-Frage machen und dir einige Praetorianer dafür unterstellen, ohne dass du Teil der Truppe wirst. Alternativ ein Tribunat, wobei wir dazu natürlich erst noch in Erfahrung bringen müssen, wer dafür seinen Posten räumt. Momentan sind alle Tribunate besetzt, aber das ist nur eine Formsache. Irgendjemand kann es sicher kaum erwarten, den nächsten Schritt auf der Karriereleiter zu machen. An der Spitze wird das weniger einfach. Ich vertraue meinen beiden derzeitigen Praefekten uneingeschränkt und keiner hat Absichten geäußert, seinen Platz in Kürze zu räumen. Zumal sie ohnehin genug andere Aufgaben haben und sich nicht im Detail um die Nabataea-Frage kümmern können."

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  • Unser Imperator scheute sich nicht, alle Szenarien zu durchdenken. So war dieses Gespräch für mich nicht nur ein Bericht-erstatten, sondern auch eine willkommene Gelegenheit zum Austausch über dieses spannende und hochbrisante aber eben auch sehr spezielle und überaus geheime Thema. Fast, aber eben nur fast, hätte ich vergessen können, dass ich mit dem mächtigsten Mann der Welt sprach.
    Genau, die Straße war entscheidend. Sie hätte übrigens mal eine gründliche Sanierung vertragen.
    "Von der Geographie her... wahrscheinlich hier..." Ich tippte auf die Karte, auf die feine Linie der Straße, und zwar südlich der Stadt Madeba, also am Südrand der Dekapolis-Region.
    "Von hier bis hier..." Mein Finger fuhr die Straße gen Süden, parallel zum großen iudaeischen Salzsee, verharrte auf Höhe von dessen Südspitze . "...liegt die bergige Moab-Region. Ab diesem Wadi hier beginnt wieder die Einflußspäre Petras. Ein parthischer Brückenkopf in Nabataeas Norden wäre fatal. Von dort könnten sie bequem gegen Syrien und Iudaea vorstossen. Wie in den letzten Jahren der Republik, unter Prinz Pakoros... damals ja durchaus auch im Bunde mit dem nabataeischen König Malichus."
    Schon Ewigkeiten her, hätte aber ins Auge gehen können, wenn der Feldherr Ventidius Bassus, Vertrauter des Marcus Antonius, die Invasoren nicht letztendlich bei Antiochia vernichtend geschlagen hätte. Man sagte, er habe dann den abgeschnittenen Kopf des Partherprinzen einmal rund durch Syrien geschickt, als Memento sich besser nicht mit uns anzulegen. Einen Triumph hatte er auch bekommen. Das wäre mal ein Thema für die großen Ludi!


    All meinen Gleichmut brauchte ich, um dem Blick des Imperators mit äusserlicher Ruhe stand zu halten. Ich war jahrelang weg vom Zentrum der Macht, hatte keine Ahnung, wie sie ihn verändert hatte, oder korrumpiert, oder welchen Einfluß womöglich in der Zwischenzeit Fraktionen unverbesserlicher Palmaner auf ihn gewonnen hatten, zudem hatte ich Kaiser erlebt, die sich innerhalb weniger Jahre vom Hoffnungsträger zum Krankheitswrack oder vom tatkräftigen Stadtpräfekten zum Mostbrötchen-werfenden Despoten gewandelt hatten...! Kurz, ich war auf alles gefasst, und gerade fiel mir auch mein Albtraum von letzter Nacht wieder ein, in dem hatte der Kaiser mir eine Ala im hinterletzten Mauretanien gegeben, am Rande der Terra deserta, und die ganze Castra war voll von Sandflöhen gewesen, der blanke Horror.
    Er schmunzelte. Und zerstreute meine Befürchtungen. Iuppiter-Serapis sei dank!!!
    Kaiserlicher Sonderbeauftragter, das wäre natürlich etwas ganz besonderes. 'Salve, mein Name ist Serapio, Decimus Serapio, kaiserlicher Sonderbeauftragter.' Zudem würde mir dies erlauben, mich voll und ganz und einzig und allein auf die Nabataea-Frage zu konzentrieren. Aber...
    "Ich bin Soldat, Imperator, und habe mich der Garde verschrieben. Auch als Tribun dir dort zu dienen wird mir eine Ehre sein." antwortete ich gelassen.


    Die Garde war nun mal das Nonplusultra, und man hörte nicht einfach so auf, Prätorianer zu sein. Auch für die notwendige Informationsgewinnung und Speculatorenführung war es viel geschickter.
    Ausserdem – aber das durfte man natürlich nicht laut sagen – fand ich den Rückschritt in der Militia equestris auch nicht so wahnsinnig schlimm.... Denn als Gardepräfekt war man doch vor allem am Schreibtisch, in Besprechungen, Sitzungen, dazu diese leidigen juristischen Aufgaben, war dabei ausserdem noch politisch höchst exponiert.
    Die wenigsten namhaften Prätorianerpräfekten der jüngeren Vergangenheit hatten ihr Amt überlebt, sie waren spurlos verschwunden wie Artorius Avitus, gefallen wie Marius Turbo, oder gar 'im Bad ertrunken' wie Prudentius Balbus. Nur der gerissenen Terentius Cyprianus, der rechtzeitig Deckung gesucht hatte (worauf ich an seiner Stelle die volle Breitseite abbekommen hatte) war noch mal davongekommen. Nach dem Bürgerkrieg hatte ich natürlich nach der vollen Rehabilitierung gestrebt, aber die hatte der Kaiser mir gewährt, die Jahre waren ins Land gegangen, und Glanz-und-Gloria-Paraden hatte ich in meinem Leben auch schon so viele gehabt, dass ich sie zwar noch immer mochte (wer nicht), aber längst nicht mehr so heiß begehrte wie früher.
    Als Tribun konnte ich erst mal wieder Fuß fassen, und eine Antwort auf die Nabataea-Frage vorantreiben. Es mochte, von hier aus gesehen, nur eine kleine Randregion unseres großen Imperiums sein, doch es ging um unsere Grenzsicherung, um einen Baustein im Schutz gegen den Erzfeind im Osten.
    Natürlich war ich es meiner Familie schuldig, zu gegebener Zeit erneut den Sprung an die Spitze anzustreben, nichts anderes erwarteten sie von mir. Aber 'in Kürze' sowieso nicht.
    Ich wartete, ob der Imperator noch etwas zum bisher besprochenen bemerken wollte, ansonsten hatte ich nämlich noch eine ganz andere Frage.

  • Der Kaiser folgte dem Finger auf der Karte. Die Aussicht auf einen parthischen Brückenkopf war alles andere als verlockend. "Du sagst es. Eine Spaltung Nabataeas sollten wir dann wohl eher vermeiden." Damit schien zu der Sache nun aber erst einmal alles gesagt zu sein, denn der Decimer setzte diesmal nicht zu einer umfassenden Erläuterung an. Der Kaiser schaute noch eine Weile auf die wirklich beeindruckende Karte und blickte dann wieder auf. "Was ist unser Zeitrahmen? Wie lange warst du jetzt überhaupt für die Rückreise unterwegs und wie schnell entwickeln sich die Dinge vor Ort zur Zeit vermutlich?" Der Kaiser hoffte inständig, dass sich die Situation nicht so schnell entwickelte, dass die Hälfte der Informationen veraltet war, bevor er sie sich überhaupt hinreichend einprägen konnte. Die Hälfte der eben genannten Namen drohte er ja jetzt schon wieder zu vergessen.


    Noch einmal wanderte der Bick des Kaisers zur Karte. "Hast du die eigentlich selber angefertigt? Kartographische Fähigkeiten scheinen unter Prätorianern eine gute Tradition zu haben." Womit sie dann auch wieder bei der Frage des Dienstpostens waren. "Ich werde in Erfahrung bringen lassen, ob kurzfristig ein Tribunat zu besetzen ist und wir es dir geben können, ohne in irgendwelche Fettnäpfchen zu treten." Der Kaiser konnte solche Posten zwar besetzen wie er wollte, aber gleichzeitig musste er natürlich darauf achten, niemandem die Karriere zu ruinieren, den er sich eigentlich gewogen halten wollte. Aber im Moment war Rom ruhig und alle Parteien schienen zufrieden, so dass die Gefahr von Fehlern gering war.

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  • Die Zeit, die Zeit...
    "Meiner Erfahrung nach folgt in Nabataea auf einen Schritt vorwärts meist ein Dreiviertelschritt zurück, da die Fraktionen sich in ihrem Ringen gegenseitig im Zaum halten. Dann wiederum gibt es unvorhersehbare Sprünge. Die Via Maris sollten wir unverzüglich sichern. Und innerhalb der nächsten zwei Jahre erneut einen Klientelkönig einsetzen." steckte ich einen Rahmen, der eine Balance zwischen dem Wünschenswerten und dem Realistischen darstellte. "Falls größere Kampfhandlungen, dann am besten zu Beginn der Trockenzeit, also März, April..." Denn, man glaubte es kaum, im Winter goss es dort manchmal wie aus Kübeln und die Täler wurden zu reißenden Strömen.
    "Ich war... ganze sieben Wochen unterwegs, aber unter guten Reisebedingungen ist die Strecke in der Hälfte dieser Zeit zu bewältigen."
    Meine Karte sagte dem Imperator zu.
    "Ja, Imperator." Ausgangspunkt war gewesen, dass ich in Sospitos' Kontor heimlich, immer stückchenweise, seine große Karawanenrouten-Karte abgemalt hatte, diese hatte ich bei den Reisen durch das Land durch meine Skizzen und lokale Karten ergänzt... Aber ich musste ja nicht unbedingt erwähnen, dass ich als schuldgeknechteter Karawanengehilfe dort umhergezogen war, das war zu peinlich. (Wenn sich jemand über mein Interesse gewundert hatte, hatte ich immer behauptet, später mal selbst groß ins Weihrauchgeschäft einsteigen zu wollen, das hatten sie mir alle abgenommen. Da war echt ein Vermögen mit zu machen.) Das alles hatte ich zuletzt noch mit den Karten, über die wir bereits verfügten, kombiniert.


    "Ich danke dir, Imperator."
    Leider hatte er gerade deutlich zurückhaltender geklungen als noch vor einem Augenblick, als er gemeint hatte, es sei nur eine Formsache. Auch der mächtigste Mann der Welt schien nicht davor gefeit, sich um Fettnäpfchen sorgen zu müssen. Oder vielleicht war er eben gerade deswegen noch der mächtigste Mann der Welt, weil er diese sah und umging? Ich konnte jedenfalls nur hoffen, dass er mich rasch wieder im Dienst haben wollte.


    "Wenn du erlaubst, habe ich noch eine ganz andere Frage. Seit meiner Rückkehr habe ich mehrfach gehört, dass hier in Rom die Christianersekte wieder Anlass zur Sorge bereitet." Musca hatte sogar durchblicken lassen, dass vor längerem ein Trecenarius darüber in eine Art Größenwahn verfallen war und haufenweise Leute exekutiert hatte, bis den Trecenarius dann selbst ein Attentat dahinstreckte. Ob die Garde sich da womöglich selbst von einem instabilen Element bereinigt hatte?
    Jedenfalls war es mir ein Anliegen, vor dem erneuten Dienstantritt zu wissen, welche Politik unser Imperator diesbezüglich verfolgte. Nein, auch ich war nicht scharf auf vermeidbare Fettnäpfchen, die im Skorpiongeschwader bereit standen. Und es gab ja ein sehr weites Feld der Interpretation und Umsetzung des Toleranzedikts.
    "Welche Linie gibst du dabei zur Zeit vor, Imperator?"

  • Der Kaiser nickte bedächtig zu den Informationen zum Zeitrahmen. Es schien keine Eile geboten zu sein, auch wenn ihm der Rahmen von zwei Jahren doch etwas arg lang vorkam. Aber vielleicht war das auch eine Eigenheit großer Reiche, dass sie kaum so lange ohne Herrscher sein konnten. Das kleine Nabataea konnte das villeicht besser. "Nun gut, das gibt uns etwas Zeit für die Planung der weiteren Schritte. Um die Via Maris können sich die lokalen Statthalter kümmern und bei dieser Gelegenheit weitere Informationen sammeln. Unsere Aktivitäten dort werden ja zudem kaum unbemerkt bleiben." Damit war dieses Thema für en Kaiser erst einmal abgeschlossen.


    Statt ein wenig Plauderei über die Karte brachte Decimus Serapio dann jedoch gleich eine andere heikle Frage auf den Tisch. Es schien die Eigenschaft der Prätorianer zu sein, immer in Nestern stochern zu müssen. Den Mann wieder in den Dienst zu nehmen erschien dem Kaiser zunehmend eine gute Idee zu sein. "Von Sorge habe ich bisher nichts vernommen", relativierte der Kaiser die Einschätzung. "Die Gesetzeslage ist ja auch eindeutig: Wir gestatten ihnen, ihren Praktiken nachzugehen, solange sie sich bedeckt halten und unsere Götter nicht beleidigen. Das sollte eigentlich für alle leicht zu verstehen und zu befolgen sein. Mir sind bisher auch keine rechtswidrigen Prozessionen, verweigerten Opfer oder dererlei offensichtliche Verstöße gemeldet worden. Hast du andere Informationen?" Der Kaiser war hier durchaus interessiert, denn bisher hatte er dem Thema keine große Bedeutung beigemessen.

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  • Eine klare Ansage war das. Wir hatten ein Gesetz, welches es konsequent durchzusetzen galt. Ich wollte nicht als Sorgen-Träger dastehen, nicht vor dem Kaiser, den ich früher schon immerzu damit genervt hatte, ihn zu schärferen Sicherheitsmaßnahmen zu überreden. Ob er noch immer alles vorkosten ließ? Ob die Medica Plinia noch bei Hofe war? Jedenfalls hatte er sich in den vergangenen Jahren nicht vergiften lassen, und ich war heilfroh darüber.
    "Lediglich, dass sie eine Zeitlang im Verdacht standen, die Sklavenunruhen ausgelöst zu haben, und dass es verstärkt Verhaftungen gab. Auch dass ein diesbezüglich sehr engagierter Trecenarius überraschend verstarb." antwortete ich, wieder einmal schmerzlich bewusst, derzeit nur sehr oberflächlich informiert zu sein.
    Manche bezichtigten die Christianer ja allen Übels, und wollten sie den Löwen vorwerfen, sobald das Heu verregnet war oder des Kaisers Pferd unter Schnupfen litt. Vescularius war ein eifriger Christenverfolger gewesen, damals als Stadtpräfekt noch, als ich unter ihm in den Cohortes urbanae diente, wobei ich im Nachhinein – damals hatte ich das nicht so sehr hinterfragt – glaubte, dass er vor allem darauf aus gewesen war, seine Gegner als Christianer zu diffamieren. Aber so weichlich diese Sekte auch war, so hatten sie zugleich doch auch etwas schwer greifbares Subversives und Menschen-Fischer-haftes an sich, so dass man ihr staatsfeindliches Potential meiner Meinung nach nicht unterschätzen durfte. Doch Konkretes hatte ich nicht, und mit purer Meinung galt es dem Imperator nicht die Zeit zu stehlen.

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