Volksfest zu den Furrinalia – Buntes Treiben

  • [Blockierte Grafik: https://www.bilder-hochladen.net/files/m625-5-f16f.jpg | Ein Flaneur


    Die kultische Prozession zu den Furrinalia hatte ich wohl verpasst, aber noch immer herrschte ein buntes Treiben in den Straßen. Es war schließlich ein öffentlicher Feiertag, und trotz der Sommerhitze ließen sich die Einwohner der Stadt, gleich welchen Standes, den Spaß nicht nehmen.
    In Begleitung nur eines Custos schlenderte ich am späten Nachmittag am Rande des Marsfeldes entlang, wo die üblichen kleinen Verkaufsbuden und Feststände errichtet waren, die an solchen Tagen aus dem Boden sprossen. Dieses Fest war nichts besonderes, nichts im Vergleich zu den großen Feiertagen, doch ich genoß es unsäglich, mich einfach einmal wieder durchs Stadtleben treiben zu lassen. Allein die Muttersprache um mich zu hören, das war schon eine Freude. Ich war über der langwierigen Arbeit an meinen gesammelten Nabatäa-Notizen noch nicht dazu gekommen einen Tonsor aufzusuchen (und heute hatten ja auch sie die Schermesser niedergelegt), somit sah meine Haar- und Barttracht noch recht griechisch aus - aber gepflegt! - und gekleidet war ich nun wieder auf ordentliche römische Art, in einer wasserblauen Tunika mit ornamental bestickten Clavii und einer ganz leichten Lacerna, die mit einer silbernen Brosche in stilisierter Schlangenform über der rechten Schulter geschlossen war.


    Das Treffen mit Musca hatte meine ärgsten Bedenken zerstreut, und so gönnte ich mir nach getaner Arbeit diesen Stadtbummel, flanierte entspannt, erwarb einen Becher verdünnten Wein für mich und einen für meinen Custos, trank im Gehen vergnügt ein paar Schluck. Den Garamanten hatte ich heute mitgenommen, da konnte er mal was von Rom sehen. Ich für meinen Teil war gespannt, welche alten Bekannten mir heute so über den Weg laufen würden und ob sie mich noch erkennen würden.


    Furrina war ja eine ganz archaische Gottheit, hatte sogar einen Flamen, aber wenn man mich gefragt hätte in welcher Eigenschaft genau sie eigentlich heute gefeiert wurde, dann hätte ich passen müssen. Irgendwas mit Wasser jedenfalls. (Manius hätte mir sicherlich aus dem Stehgreif eine Lectio darüber halten können.... ach...)
    Wobei... "Manche behaupten übrigens, Furrina sei auch die Göttin der Diebe." bemerkte ich scherzend zu meinen Leibwächter, woraufhin er unwillkürlich zu dem Geldbeutel, den er am Gürtel trug griff, und sich vergewisserte dass der noch da war.
    Beschwingte Straßenmusik kam von der nächsten Ecke. Ich schlenderte darauf zu, machte dann einen Bogen um ein paar Kinder. Die veranstalteten gerade an einem öffentlichen Brunnen eine Wasserschlacht, spritzten mit viel Gelächter und Gejohle sowohl sich sich gegenseitig als auch die ins Kreuzfeuer geratenen Passanten nass...

  • Nach der Prozession zu Ehren der Furrina flanierte Gracchus noch ein wenig durch das bunte Treiben des anschließenden Festes. Da er zuvor in seiner offiziellen Rolle als Pontifex hatte agiert trug er auch nun noch die toga praetexta und wurde flankiert von zwei calatores. Ein etwas weniger stoffreiches Kleidungsstück wäre in der sommerlichen Hitze allfällig angenehmer gewesen, doch einerseits war Gracchus' Gewand gefertigt aus einem feinen Gemisch aus Linnen und Seide, andererseits schaffte das volle Ornat, insbesondere in Kombination mit der Eskorte ihm einen gewissen Freiraum, welcher in der Menge sonst kaum jemandem wurde gewährt. Denn obgleich ein Pontifex an sich durchaus positive Assoziationen hervorrief, so galt es doch nicht nur als unbotmäßig einen solchen anzurempeln, sondern gar als Unglück verheißend. Nach kurzen Gesprächen mit einem Senatskollegen, welcher ebenfalls den heißen Sommer in der Stadt verbrachte - so dass eben dies das Thema des Plausches war -, mit einem Klienten - Gracchus hatte ihn von seinem Vetter Furiauns übernommen - über die gute, alte Zeit, sowie zwei Septemviri über das Wesen der Furrinalia beschloß der Flavier, dass er seiner öffentlichen Pflicht hatte genüge getan und es an der Zeit war in die Ruhe und Beschaulichkeit der heimischen Villa zurückzukehren. Er strebte darob dem Odeum Domitiani zu, zu dessen Seite hin einige Tische und Bänke waren errichtet, gesäumt von allerlei Essständen, wo er bei einem kühlenden, verdünnten Wein auf seine Sänfte wollte warten. An einigen Musikanten vorbei führte dieser Weg als Gracchus mit einem Male aprubt stehen blieb, wie angewurzelt, was die calatores dazu veranlasste in Anspannung zu verfallen. Ein Geist hatte den Weg des Flaviers gekreuzt, ein Spuk der Vergangenheit, eine Reminiszenz an ebenso berückende wie bedrückende Tage, ein Geist indes der nur den Tod konnte bedeuten. Es konnte nur ein Trug sein seiner Sinne, ein Wahn wie einst Callista in den trübsten Augenblicken seines Lebens. Denn Faustus war fort, Faustus war ... tot. Sie hatten voneinander gelassen im Wissen, dass ihr Sehnen ohne Zukunft, dass ihre Zukunft ohne Existenz war. Bald darauf war Faustus fort gewesen, nicht nur verschwunden aus seinem Leben, sondern verschwunden aus Roms Leben. Der Pflicht seines Amtes war er gefolgt, so hieß es, weit hinter die Grenze des Reiches. Hernach hieß es nichts mehr, nur die Zeit verrann und nur hinter vorgehaltener Hand sprach mancher aus, was unausweichlich war: gefallen. Gracchus suchte ihn zu vergessen, zu verdrängen, nicht zu missen und nicht zu träumen. Faustus hatte sich entschieden, für ein anderes Leben, ein Leben ohne ihn, und Gracchus hatte sein Leben angefüllt mit Prisca. Er konnte nicht lassen von Missen und Träumen, doch er konnte vergessen und verdrängen, zumindest bei Tage. Zumindest bis zu diesem Tage. Gracchus zwang sich den Blick abzuwenden von jenem Mann, dessen Anblick ihn derart verstörte. Ein Trug, eine Similaritat im Antlitz des Fremden, gepaart mit der Hitze des Tages - zweifelsohne war Gracchus bereits viel zu lange den Strahlen der Sonne ausgesetzt. Er zwang sich seinen Schritt wieder aufzunehmen und suchte der Verlockung zu widerstehen, noch einmal in den Zügen des Fremden nach der verlorenen Sehnsucht zu forschen.

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  • Aus den Augenwinkeln nahm ich ein strahlendes Weiß mit viel Purpur wahr und wandte mich dem zu, neugierig welcher Würdenträger sich hier unters Volk gemischt hatte.
    Es verschlug mir fast den Atem! Da stand er, er an den ich gerade gedacht hatte! In aller kultischen Pracht, ein distinguierter hoher Pontifex mit wachsamer Eskorte, und blickte mich an als... als habe er ein Gespenst gesehen. Ich hatte schon überlegt wie ich es anstellen konnte ihm eine Botschaft zu zu senden, ohne dass sie seiner Harpie von Gattin in die Hände fiele, wie ich die Worte unverfänglich, aber doch bedeutsam, harmlos, aber doch der in mir waltenden Leidenschaft angemessen, wählen sollte. Aber da stand er. Wandte sich mit einem Ausdruck von Verwirrung, ja Bestürzung ab und ging weiter.
    "Manius!" rief ich aus, das Herz schlug mir bis zum Hals und in meinem Magen flatterte irgendetwas wild herum.


    Schon komisch, sehr eigenartig, wie Eros mit Macht in die Zeit hineingreift, und ihren Lauf nach Belieben verknäult. (Aber man sagt ihm ja auch nach der größte der Götter zu sein.)
    Primum: Ich mutierte in dem Moment, von einem narbenübersäten Veteran mannigfaltiger Schlachten im Felde so wie auch in der Liebe, blitzschnell zu einem empfindsamen viel jügeren Ich, ja ich fühlte mich nicht wirklich anders als damals, so mit fünfzehn, in Tarraco wenn der schöne Álvaro - der Rebell des Hauses, für den ich heimlich schwärmte, was ich natürlich niemals gewagt hätte zu bekunden - mir einen tiefen Blick aus seinen braunen Augen zuwarf.
    Secundum: Alles schien sich zu verlangsamen, um uns herum, als ich auf ihn zuging. In einer Pfütze auf dem Pflaster spiegelte sich der blaue Himmel und der Giebel des Odeums neben uns, dann trat mein Calceus-beschuhter Fuß hinein und das Bild zersprang. In der Luft hing ein Geruch von Hitze, gebratenen Wüsten, Holzrauch und Tiber. Nur ganz entfernt hörte ich noch die Festmusik, das Kinderlachen, das allgemeine Stimmgewirr... Es rauschte in meinen Ohren, und mein Blickfeld war ganz ausgefüllt von ihm, Manius, Meditrinalienliebe und hinreißende Passion, janusköpfiges Maskenrätsel und schwindelerregender Abgrund, immer nur Sehnsucht und bebende Zwischen-Momente, immer nur wenn die Welt aus den Fugen war...


    Mit einem Mal tauchte ein Calator zwischen ihm und mir auf, grimmigen Blickes vertrat er mir den Weg - Erinnerung daran, dass die Welt heute nicht aus den Fugen und wir mitten in der Öffentlichkeit waren.
    "Ruhig Blut." sagte ich zu dem Wächter, "Wir sind alte Freunde."
    Alte Freunde, da lachen ja die heiligen Hühner.
    Schon fast feierlich sprach ich ihn mit vollem Namen an:
    "Manius Flavius Gracchus. Salve. Welche Freude dich zu sehen. Wie du siehst bin ich zurück." Und mit einem leisen Lächeln fügte ich hinzu: "Ich komme doch immer zurück..." zu dir "...in die Ewige Stadt, wie du weißt."

  • Manius - nur wenige Menschen nutzten seinen Praenomen, insbesondere außerhalb der Familie. Es war nicht, dass Gracchus dies in seinem Leben hatte beabsichtigt, es war schlichtweg so geschehen, eine Folge vermutlich der massiven Barriere um seinen persönlichen Kern, welche jeden fremden Geist vorerst achtsam und skeptisch auf Distanz hielt, und welche er in einem fortdauernden Miteinander nur sehr zögerlich und nach eingehender, intrinsischer Reflexion seines Gegenübers konnte überwinden. Allein seinen Praenomen zu vernehmen war somit außergewöhnlich, doch obendrein war die Stimme, die ihn rief, eben jene, nach der er sein Leben lang hatte gesucht, und auf welche er im Sein nach dem Sterben wieder würde warten.
    'Faustus'
    , fuhr es ihm durch den Sinn, und noch ohne dass er wusste wie ihm geschah hatte er sich bereits umgewandt und Serapio stand vor ihm, nur einen calator von ihm entfernt. Umspült von Wogen euphorischer Emotion rauschten unzählige Gedanken durch Gracchus benebelte Sinne hindurch: der Leibwächter hatte Faustus ebenfalls gesehen, er war also kein Geist; Faustus hatte ihn gerufen, er war also kein Fremder, welcher nur eine äußere Ähnlichkeit aufwies; Faustus stand vor ihm, er war also weder weit hinter den Grenzen des Reiches, noch dort gefallen; Faustus sah gut aus, viel zu gut für einen Geist der Vergangenheit; Und zu guter Letzt: Gracchus hatte ihn weder vergessen, noch verdrängt, und sich mitnichten unter Kontrolle, und einzig des calators zwischen ihnen war es zu verdanken, dass er nicht augenblicklich ihm um den Hals fiel.
    "Es"
    , krächzte er aus einem Hals, der weitaus trockener war als nur durch die Hitze ausgedörrt, räusperte sich und setzte noch einmal an.
    "Es ist ... in Ordnung."
    Mit einer Handbewegung wies er den amtlichen Leibwächter fort, welcher mit einem Nicken beiseite trat und die geballte Präsenz Serapios offenbar werden ließ.
    "Faustus"
    , versuchte Gracchus ein wenig unbeholfen die Konversation nicht versiegen zu lassen, doch all seine Lebensenergie war aus seinem Verstand abgezogen worden und in sein Gefühlsleben hinein gerutscht, welches ob des plötzlichen Übermaßes Purzelbäume, Pirouetten und Salti vollführte. Er schaffte es immerhin seinen Mundwinkel emporzuheben zu einem schiefen Lächeln, und nach einigen endlosen Herzschlägen ein wenig überflüssig anzufügen:
    "Du bist wieder hier."
    Gracchus hob die Rechte ohne seinen Blick von den verlockend blauen Augen zu nehmen und berührte Serapio vorsichtig an der Schulter, im unbändigen Verlangen danach seinem Verstand die Realität begreiflich zu machen, und doch sachte und zaghaft, noch immer in der Befürchtung der einstige Geliebte könnte doch als Trug sich entpuppen, bei eingehender Prüfung der Wirklichkeit sich auflösen, vor ihm zerplatzen wie eine Seifenblase. Er war wieder hier. Hier. In Rom. In seiner Nähe. Direkt vor ihm. Während Gracchus in einer elysäischen Sphäre überragender Euphorie hinfortzudriften drohte, rauschte neben ihm die Schar Kinder vorbei, welche eben noch am Brunnen hatte gespielt und nun lautstark in kleine Fanfaren trötete.
    "Ich glaube, ... ich ... muss mich setzen"
    , murmelte Gracchus und räusperte sich wieder. Er musste seine Sinne beisammen halten und seine Contenance wahren. Und etwas trinken. Am besten unverdünnt. Aber auf keinen Fall Serapio aus den Augen verlieren. Er nahm seine Hand zurück und wies auf die Tische nahe des Odeums. Da die Furrinalia nicht zu den größten Festen zählten und es zudem an diesem Tage reichlich Auswahl gab war das Gedränge um die Sitzgelegenheiten nicht allzu groß, wenngleich es auch nirgends eine Ecke gab, welche als abgeschieden zu betrachten wäre. Doch allfällig war dies ohnehin besser.
    "Darf ich dich einladen?"
    Weich fühlten sich seine Beine an und ein wenig zittrig als Gracchus die wenigen Schritte bis an einen freien Tisch trat, über welchen die Mauer des Theaters ihren kühlenden Schatten warf. Unzählige Fragen schwirrten durch seine Gedanken, manche davon ganz harmloser, berechtigter oder neugieriger Natur, manche jedoch, die er nicht stellen dufte. Letztendlich blieb nur ein unverfängliches:
    "Seit... seit wann bist du zurück?"
    Die Zeit hatte Spuren hinterlassen, auch in Serapios' Antlitz. Und doch fand Gracchus all die kleinen Details, welche ihn stets hatten verzückt, der Schwung der Lippen - nun gerahmt von einem Bart -, die sanfte Gerade des Nasenrückens, die ein wenig kantige linke Braue, die dunkle Korona um die blaue Iris der Augen - und all dies verzückte ihn noch immer, was zweifelsohne in diesem Augenblicke deutlich - zu deutlich, hätte er einen klaren Gedanken fassen können - an seinem eigenen Antlitz abzulesen war.

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  • All meine Selbstbeherrschung war gefragt, um diese kleine, diese.. sich meiner vergewissernde... Berührung nicht zu erwidern. Ich wollte meine Hand um die seine legen. Ich wollte die Arme um ihn schlingen. Ich wollte seine Lippen... und auf ihnen das feine, dieses charakteristische schräge, dieses halbe Lächeln welches er mir schenkte (...manchmal dachte ich, dass die verhaltene Ironie, die milde Skepsis, mit der ein so großer Geist wie er auf die Welt und ihre Irrungen und Wirrungen sehen musste, sich hier auch in den leisesten Zügen seiner Mimik wiederfand...)... diese Lippen wollte ich mit den meinen bestürmen und erobern und ihnen... wieder die heißesten Seufzer und innigsten Koseworte abringen.
    Ja, das wollte ich. Statt dessen tat ich folgendes: die Hand lässig in den Gürtel haken. Abstand halten. Das ungeheure Maß meines Jubels gewaltsam verbergen, nicht mehr als die redliche Wiedersehensfreude einen "alten Freund" zu treffen durfte hier nach außen dringen!
    "Gern." antwortete ich auf seine Einladung und schlenderte neben ihm einher. Kurzzeitig erschien sein Gang so fahrig, dass ich sprungbereit war ihn zu stützen, falls er taumeln sollte. Aber wir erreichten wohlbehalten den Tisch im Schatten, setzten uns und orderten Wein.
    Ich hätte Manius vorwarnen sollen! Während ich mir in den letzten Wochen wieder und immer wieder ein Wiedersehen vorgestellt und ausgemalt hatte – und es mich trotzdem in der Realität bis ins Mark aufwühlte - traf ihn dies hier vollkommen unvorbereitet. In der Vergangenheit, da hatten wir ja eine gewisse Routine entwickelt, um uns in der Öffentlichkeit unverfänglich und ganz professionell von Konsular zu Präfekt zu begegnen. Dagegen war dies hier gerade... viel zu authentisch. Der Glanz seiner Augen, das Strahlen, mit dem er mich umfing, war... eine Labsal, ein Versprechen, ein pures Glück, ich hätte in dieses Strahlen kopfüber hineinspringen wollen, ganz darin eintauchen, mich ganz davon erfüllen lassen. Zugleich barg es die Gefahr uns gewaltig zu kompromittieren.
    Ich zwang mich, den Blick abzuwenden, ließ ihn über unsere Umgebung schweifen. Seine Calatores, mein Custos, trötende Gören, herausgeputzte Bürger, eine Krüge-schleppende Bedienung.
    Niemand schien über Gebühr Notiz von uns zu nehmen.
    Ich strich die Haare aus dem erhitzten Nacken, lehnte mich auf der Bank etwas zurück.
    "Ich bin gerade erst zurückgekommen." Die Tage der Spekulatorenarbeit in meinem Officium verschanzt ließ ich mal beiseite. "Die Überfahrt war ein elendes hin und her, der Wind blies uns praktisch immer direkt auf die Nase, ich kam mir schon vor wie Odysseus." erzählte ich leichthin, und weiterhin im Plauderton: "Du siehst wirklich aus, als könntest du einen kühlen Schluck vertragen mein Freund. Eine Toga bei der Hitze, ich beneide dich nicht. - Sag, wie ist es dir ergangen?" Die Jahre schienen ihm nichts anhaben zu können... außer vielleicht ihn noch ein wenig markanter und stolzer zu meißeln... - Der Unverfänglichkeit zuliebe erkundigte ich mich auch artig (obgleich es schmerzte): "Geht es deiner Familie gut und deiner Gemahlin? - Mir wurde von Tumulten, gar einer 'Sklavenrebellion' berichtet, habt ihr diese Wirren gut überstanden?"
    Man sagte seiner Gens ja nach, dass sie besonders streng mit ihren Sklaven waren.

  • "Du siehst auch aus wie Odysseus"
    , lachte Gracchus leise, und fügte sodann mit pikareskem Lächeln hinzu:
    "Ohne den Bart womögli'h wie Hephaistion."
    Noch ehedem ein tückisch verlockender Moment zwischen ihnen konnte entstehen stand die Bedienung am Kopfende des Tisches, stellte zwei grobe Tonbecher vor ihnen ab und zwei Krüge - einer mit Wein, der andere mit Wasser angefüllt - dazu. Sie war nicht gerade groß gewachsen, alles in allem zierlich, doch mit stämmigen Oberarmen, die nicht recht zu ihrem jugendlichen Antlitz mochten passen. Einen Augenblick zögerte sie in der Überlegung, ob bei dem Gast in Toga ein besonderes Vorgehen vonnöten war, doch da am anderen Ende der Tische ein grobschlächtiger Kerl mit einem pöbelhalfen "Ey, Puppe, mehr Wein!" auf sich Aufmerksam machte, verließ sie die Szenerie hastig wieder. Gracchus griff den Krug mit Wasser und füllte einen Finger breit die Becher - im Grunde nur, da es wahrhaft unschicklich war zu dieser Tageszeit bereits unverdünnt zu trinken - und den Rest mit Wein auf. Sodann ließ er einen Schluck auf das Pflaster schwappen.
    "Dem Neptunus zu Dank, dass er dein Schiff sicher zurück in den heimatlichen Hafen hat geleitet."
    Der Rest des Bechers gehörte dem Flavier, welcher davon mit einem Zug die Hälfte leerte. Kühl und angenehm floss die rotfarbene Flüssigkeit seine Kehle hinab, prickelte erfrischend auf seinen Lippen und nahm ein wenig der Hitze und des Nebels um seinen Geist hinfort.
    "Ich glaubte, du wärst ... tot"
    , ignorierte er vorerst die Fragen und suchte - nun, da der Nebel sich lichtete -, die Realität zu sortieren. In seiner Stimme lag ein Hauch von Schmerz, der nur wenig von dem Chaos preisgab, das in Gracchus ob dieses Irrglauben hatte gewütet. Zuerst hatte niemand etwas über Faustus' Verbleib preisgeben, irgendwann jedoch wusste augenscheinlich tatsächlich niemand mehr etwas, gleichwohl ein im Dienst Verschollener offiziell lange nicht als tot wurde gelistet.
    "Und nun... sitzt du hier. Jählings. Als ... als wärest du nur auf einer kurzen Reise gewesen."
    Gracchus leerte den Becher und goss sich puren Wein nach. Der Nebel mochte zwar sich gelichtet haben, doch noch immer war die Realität zu unwirklich als dass der Flavier sich des vollen Ausmaßes um ihn her wäre bewusst gewesen. In ihm wallten noch immer die Wogen unbändiger Erleichterung und Freude auf, stürmten an gegen ein Bollwerk aus felsgewaltiger Gleichgültigkeit und Härte, das er nach Serapios vermeintlichem Ableben mühsam um sein Herzen hatte errichtet, über welches er nun einen mosigen Teppich aus Empörung zu legen suchte, um den harten Stein daran zu hindern allmählich zu zerbröckeln. Er war hin- und hergerissen zwischen dem Begehren alle Contenance und alles Renommee preiszugeben, sich Faustus an den Hals zu werfen, ihn über und über mit Küssen zu bedecken, in seine Arme ihn zu schließen, festzuhalten und nie wieder loszulassen, und dem Bedürfnis aufzustehen, so eilig wie möglich in die schützenden Mauern der Villa Flavia zurückzukehren und dieses Aufeinandertreffen, den ganzen Tag allfällig schlichtweg zu vergessen und vorzugeben, nichts von Faustus' Rückkehr zu wissen. Doch er wusste, er konnte weder das eine, noch das andere, so dass es ihn nachgerade innerlich zerriss. Ein hauchzarter, feuchter Schleier legte sich über seine Augen als einzig äußerliches Zugeständnis seiner Erleichterung in Anerkennung der Tatsache, dass Serapio am Leben war.
    "Du bist unglaubli'h"
    , gab er schlussendlich verhalten sich seinem eigenen Kampfe geschlagen und hob die Hand, um seine Nasenwurzel zu kneten, dabei verstohlen die Freudentränen aus seinen Augen zu wischen. Als er erneut nach dem Becher griff drehte er ihn nur in seinen Händen und lehnte sich zurück, wodurch Serapio mehr in die Szenerie der Öffentlichkeit rückte, wiewohl in die rechte Perspektive, respektive die Perspektive der Wahrheit.
    'Wir sind alte Freunde.'
    Faustus hatte sich entschieden nicht mehr zu sein als eben dies. Freunde. Die sich zufällig ab und an in der Stadt begegneten, welche sie beide bewohnten. Er war ein Narr, ein törichter, alter Narr wenn er glaubte Serapio hätte auch nur einen Gedanken an ihn verloren ob seiner Absenz. Zweifelsohne hatte seine Familie mehr gewusst als sie hatte preisgeben wollen, doch weshalb hätten sie ein Risiko eingehen sollen einem alten Freund gegenüber? Faustus hatte sich für seine Familie entschieden und er hatte sich der seinen zugewandt. Dies war die Realität, und weder die Zeit, noch die Distanz, noch Gracchus' Sentimentalitäten hatten augenscheinlich daran etwas geändert. Alte Freunde. Die über die Familie plauderten.
    "Meiner Familie geht es gut"
    , flüchte der Flavier darob sich ergeben, wenn auch ohne die Begeisterung, welche dieser Thematik angemessen war, auf das unverfängliche Terrain und hoffte, Serapio würde über sein törichtes Verhalten hinwegsehen, es allfällig der Hitze zuschreiben.
    "Minor hat sich ver..mählt und wurde in den Senat erhoben. Derzeit weilt er mit seiner Gemahlin auf dem Land. Und ... Prisca ist guter Hoffnung. In wenigen Wochen wird sie unser Kind zur Welt bringen."
    Er lächelte versonnen, war dies doch ihr größter Wunsch gewesen, und gleichwohl er sich noch immer außer Stande sah, sie in ihrer Körperlichkeit zu begehren, so war es doch nicht nur seine Pflicht als Ehemann, sondern auch sein eigener Anspruch, sie mit Glück zu überschütten.
    "Den Sklavenaufstand haben wir unbeschadet überstanden, der Quirinal war nicht davon betroffen."
    Zweifelsohne war dies dem Umstand geschuldet, dass auf dem Hügel viele alte, ehrwürdige Familien lebten und selbst die Neureichen der Gegend sich mit alten Traditionen schmückten, welche auch das strenge Regiment der Sklavenhaltung beinhaltete, sowie die sichernden Maßnahmen, mit welchen sie sich im Zweifelsfalle in ihren Villen abschotteten.
    "Senator Ovidius fiel einem Anschlag auf den Stufen der Curia zum Opfer, am hellli'hten Tage nach einer Sitzung des Senates - doch es ist noch immer ungeklärt, ob dies in Korrelation mit den Aufständen geschah oder jemand sich nur des Deckmantels des Aufruhrs bediente, um seine eigenen Interessen zu verfolgen. Einige Zeit stand die Sekte der Christianer im Ver..dacht, die Unruhen ausgelöst zu haben, doch die Ermittlungen verliefen im Sande."
    Zu Gracchus' Bedauern endeten sie nicht im Sande der Arena, getränkt mit dem Blut dieser Sekte.
    "Die Untersuchung wurde durch die prätorianische Garde durchgeführt, der Senat nicht weiter über etwaige Fortschritt unterrichtet. Du wirst daher vermutlich mehr über die Ergebnisse erfahren können als ich."
    Neuerlich schwang ein wenig Dysharmonie in Gracchus' Stimme, diesmalig indes keinesfalls Serapios, sondern der Heimlichkeiten der Prätorianer wegen in einer Angelegenheit öffentlichen und staatsrechtlichen Interesses.
    "Soweit ich unterri'htet bin, war auch dein Familie nicht direkt betroffen?"

  • Sein schalkhaftes Lächeln steckte mich an und der unschuldig vorgebrachte Vergleich mit dem Heroen ließ einen Wirbelwind verlockender Reminiszenzen aufwehen. Zum Glück kam in dem Moment der Wein.
    Dankend legte ich die Finger um den kühlen Tonbecher und tat Manius den Opferschluck gleich.
    "Ja, Vater Neptun sei Dank." Und dem Allgott Serapis, der launischen Fortuna, dem gewaltigen Mars sowie dem beredsamen Mercurius, ich wüßte gar nicht wo anfangen bei den Dankesopfern.
    Er trank tief und in seinen Worten lag... Leid. Ich schlug die Augen nieder, meine lässige Maske entglitt mir schon wieder. Ich wußte wie furchtbar es war, um einen geliebten Menschen zu bangen, keine Gewissheit zu haben, sich irgendwann beinahe zu wünschen eine Todesnachricht zu erhalten, dass nur die quälende Ungewissheit endlich ein Ende nehmen würde.
    Waren das.....? Der feuchte Glanz in seinen Augen schnürte mir die Kehle zu.
    Unglaublich? "...unglaubliches... Glück hatte ich bloß... Glück im Unglück..." murmelte ich verlegen, und dann war es an mir, einen guten Zug aus meinem Becher zu nehmen. Oh, Manius hatte gar nicht... oder kaum... verdünnt. Die Sache war leider die: ich war kaum noch was gewöhnt, und derzeit stieg mir jeder Becher rasch zu Kopfe.
    Angelegentlich betrachtete ich das Rot des Weins während Manius erzählte. Sein Sohn war schon Senator. - "Das ist sehr beeindruckend." kommentierte ich, mich vage an einen dicken Jungen neben ihm erinnernd.
    Tempus fugit.
    Übel war es, dieses verklärte Strahlen zu sehen als er von der aurelischen Harpyie sprach.
    "Wie... schön für euch." Meine Worte schmeckten in meinem Mund wie Galle und ich muß gestehen, ich bekam spontan Lust einen kundigen Auftragsmörder auf das erpresserische Weibsstück anzusetzen. Wenn dieser nach der Geburt zuschlagen würde, wo die Frauen doch sowieso starben wie die Fliegen, dann würde niemand dies hinterfragen.... Eine schöne Vorstellung! (Ich würde es nicht tun, nein, so abgrundtief verworfen war ich dann doch nicht, aber eine schöne Vorstellung war es auf jeden Fall. Pathici hatte sie uns genannt.)
    Was er mir von den Aufständen berichtete, kombiniert mit dem was ich durch Musca erfahren hatte, hörte sich haarsträubend an. Und die Christianersekte hatte ich in der Vergangenheit bei Ermittlungen stets als eher weichlich und gewaltscheu erlebt.
    "Hm..... - Wir werden sehen. Klingt nach Wespennest." Mein Urbaner-/Prätorianer-Instinkt war angesprungen und riet mir da zu äusserster Vorsicht.
    "Nein, meiner Familie ist nichts passiert."


    Ich verstummte und trank noch einen Schluck. Das unverfängliche Plaudern kostete eine Menge Selbstbeherrschung, wo doch alles in mir danach strebte etwas ganz anderes zu tun. Ungesagte Worte drängten sich in meiner Kehle. Ich nahm noch einen Schluck.
    "Es ist ganz furios wieder hier zu sein." Lächelnd zitierte ich ihn: "So jählings. - Und es ist eigentümlich. Die Stadt ist ewig und zugleich... Wir steigen in denselben Fluß und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht. Wie Schichten von Sedimenten liegen hier dicht die Erinnerungen. Es war... eine weite Reise. Und etwas will mir nicht aus dem Kopf gehen." Nachdenklich musterte ich ihn, stellte den Becher ruckartig ab, beugte mich zu ihm vor und sprach eindringlich, ein Hauch von Frage und zugleich ein Hauch von spielerischer Aufforderung darin mitschwingend.
    "Das Volk, bei dem ich lebte, hat ein Sprichwort. 'Drei Dinge kannst du nicht zurückholen. Den Pfeil, der vom Bogen schnellte. Das unbedacht gesprochene Wort. Und die verpasste Gelegenheit."

  • 'Wir sind es und wir sind es nicht'. Anfänglich nahm Gracchus an, dass dies schlichtweg die Betrachtung eines Mannes war, welcher lange von dannen gewesen war und zurück in seine Heimat fand. Doch als Serapio sich nach vorn beugte und beinahe eindringlich ihn fixierte glaubte er eine tiefsinnigere Bedeutung zu detektieren als offen ausgesprochen war. Er stützte seinerseits die Arme auf den Tisch und lehnte sich ein wenig vor, so dass die Distanz zwischen ihnen schwand. So sehr, dass es verlockend war, sich ein wenig weiter nur nach vorn zu schieben und seine Lippen auf die Faustus' zu pressen. Indes blieb die Unsicherheit, der Zweifel, ob diese Annäherung nicht nur Zufall war und jede klandestine, hintersinnige Bedeutung nur dem Wunsch seiner Gedanken, einer trügerischen, törichten Hoffnung entsprang.
    "Nun, dieses Spri'hwort beinhaltet zweifelsohne Wahrheit"
    , pflichtete er bei und ließ einige Herzschläge der Stille zwischen ihnen schweben, um seine Worte mit Bedacht zu wählen.
    "Doch im Leben geht es nicht darum, Dinge zurückzuholen. Der Mensch ist Mensch, da er aus der Vergangenheit lernt und die Zukunft daraus gestaltet."
    Sofern dies noch kein Sprichwort war, sollte es in jedem Falle eines werden.
    "Und da er mithin in der Lage ist, sich eine zweite Chance zu erschaffen, sie zu er..greifen und daraus eine weitaus bessere Zukunft zu formen als es zuvor je wäre möglich gewesen."
    Gracchus hielt den Blick Serapios mit dem seinen fest, hielt seinerseits sich fest an dem Blau in dessen Augen, die ihm stets schienen wie implodierende Sterne aussehen mussten, die in einem Unterwasserreich den Nachthimmel bedeckten.

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  • Hochgradig gespannt hing ich an seinen Lippen. Es beinhaltet Wahrheit....aber... Aber was?! Die rhetorische Pause erschien mir quälend lang. Außerdem war er mir so verwirrend nah, nur eine grobe weinfleckige Tischplatte lag zwischen uns.
    Er erlöste mich von der Spannung durch eine elegante Synthese, und ich merkte erst da, dass ich ihm lauschend den Atem angehalten hatte. Sein Blick hatte den meinen gefangen und ich kam nicht davon los, ich sah ihn einfach nur an, dieses Funkeln in seinen Augen und ein warmes Glück ballte sich in mir zusammen, wollte als befreites Lachen sich den Weg bahnen. Da hatte ich mich jahrelang rückblickend zergrämt, diesen einen einzigartigen Moment damals nicht am Schopfe gepackt zu haben, hatte gewähnt durch Kleinmut mein Lebensglück verspielt zu haben... und er rückte mit ein paar lässigen Worten dies alles in einen völlig anderen Rahmen.
    "Manius," lachte ich leise, ganz ungeheuer erleichtert, "Du bist echt der beredsamste Mensch, den es gibt. Du könntest... Hypokausten in der Sahara verkaufen. - Na dann... trinken wir doch auf..." Schwungvoll füllte ich unsere Becher wieder voll, und hob mit unverhohlen strahlendem, übermütigem Lächeln den meinen um mit ihm anzustoßen. "...auf den Genius der zweiten Chancen. Bene tibi!"

  • "Hypokausten in der Sahara?"
    , wunderte Gracchus sich, da ihm nicht ganz einleuchtend war, was Serapio damit zum Ausdruck wollte bringen. Dass er ihm etwas offerierte, das nicht notwendig, oder gar gut für ihn war? Womöglich. Womöglich war es aber auch zu heiß und der Wein zu prickelnd als dass er nun alles in Frage sollte stellen, da doch augenscheinlich Serapio ebenso erpicht war, ihrer Zukunft eine Chance einzuräumen.
    "Nun, ich habe gehört, die Nächte in der Wüste können eisig kalt werden, darob wäre es durchaus nur eine ver..nünftige Entscheidung meinen Argumenten zu folgen"
    , hob er schmunzelnd seinen Becher.
    "Bene te!"
    Gleichwohl die Hitze des Sommers von außen ein wenig unangenehm war, so verströmte der Wein in seinem Inneren doch eine wohlige Wärme, welche Gracchus mehr als genoss, vermengte sie sich doch mit dem kribbelnden Taumel in seinem Bauch der ihn erfasste im Angesicht der Euphorie.
    "Aber nun erzähle mir, Faustus, wo du gewesen bist. Wenn du darfst?"
    Wenn es etwas gab, nach das der Flavier sich sehnte, so war es die Ferne zu bereisen, ohne die Ferne dabei zu bereisen - und ein Bericht aus Serapios Munde würde zweifelsohne die Ferne in seinem Geiste entstehen lassen wie es sonst kaum einem anderen möglich war.

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  • "Nur vernünftig," pflichtete ich ihm automatisch bei, "Eisig!", ließ die Becher aneinander klacken und dachte schwärmerisch, dass ich wohl jeder seiner Argumentationen gerne folgen wollte... Solange sie nicht gerade auf die Notwendigkeit eines Kaisermordes hinführte. Ja, wir hatten wirklich schon eine Menge durch. Womöglich, so dachte ich (schon etwas beschwipst), würden wir auch den Genius der 3., 4., 5. oder 6. Chancen bemühen müssen.
    Ich zählte in Gedanken die unseren Weg säumenden Rückschläge bis Katastrophen: primum meine Versetzung nach Ägypten, die brutal in unsere zart aufkeimende Meditrinalienliaison eingeschlagen hatte, so dass jedwede Leidenschaft nur noch per trockenem Papyrus und tausend Umwegen per 'Läufer der Sonne' mitgeteilt werden konnte. Secundum der Scheinprozess gegen meinen Vater, in den auch Manius sich als Iudex hatte mit hineinziehen lassen. Tertium Kaisermord. (Kein weiterer Kommentar.) Quartum mein Fall und die Zeit die mir rückblickend wie ein einziger Fieberwahn erschien. Quintum mein Kleinmut in jenem besonderen Moment ("Aber wovon sollen wir denn leben?" hatte ich allen Ernstes gefragt, ich Schafskopf. Fehlte nur noch "Aber was sollen die Nachbarn sagen?".).
    Somit waren wir jetzt ungefähr bei der sechsten Chance (andere Liaisons nicht mal mitgezählt) dachte ich amüsiert und trank noch einen Schluck auf den Genius der sechsten Chancen.
    "Manius, Manius, ich wäre wohl ein lausiger Prätorianer hier darüber zu plaudern." lehnte ich scherzhaft, aber ehrlich bedauernd ab. Wie gerne - wie gerne!- hätte ich ihm von dieser faszinierenden fremden Welt, der imposanten Kultur, den Weltwunderbauwerken erzählt. Und den hohen Pontifex und Consular zur Nabatäafrage einzuweihen wäre nur korrekt. Aber gewiss nicht auf einem Volksfest in aller Öffentlichkeit, sooo angeheitert war ich zum Glück noch nicht.
    "Hör mal! Was hältst du davon in den nächsten Tagen zu einer kleinen Cena zu mir zu kommen. Da können wir, ähm... uns in aller Ruhe der Konversation hingeben. Und..." Mit überaus unschuldiger Miene schlug ich vor: "...für einen Poesieliebhaber wie dich mein Freund hab ich noch etwas Besonderes. Mir ist nämlich eine Abschrift des 'großen Atonshymnos' in die Hände gefallen, ein wirklich ganz besonderes Werk, das der goldenen Sonne Ägyptens mit viel Leidenschaft und... sprachlicher Schönheit huldigt. Da könnte doch ein Vortrag auch für dich ganz interessant sein."

  • "Bitte ver..zeih, ich wollte dich selbstredend nicht in Bedrängnis bringen."
    Zwar sprach Gracchus von Serapios Pflicht zur Verschwiegenheit als Prätorianer, doch verspürte er durchaus noch eine andere Art Bedrängnis zwischen ihnen. Zumindest seinerseits wurde der Drang nach dem, was dieses Zusammentreffen ihnen verhieß, immer größer.
    "Oh... der große Atonshymnos"
    , hauchte er sodann verzückt.
    "Es ist mir eine große Ehre, und noch größere Freude deiner Einladung zu folgen. Die Konversation alleine würde genügen, mich zu locken, doch der Aussi'ht auf ein solches Meisterwerk der ... Dichtkunst kann ich ummöglich widerstehen. Passt es dir in zwei Tagen?"
    fragte er hoffnungsvoll. Wie stets hatte der Flavier keine Kenntnis über seine Agenda der anstehenden Tage, doch während es überaus unhöflich wäre, einen etwaigen Termin am nächsten Abend derart spontan abzusagen, so waren zwei Tage im Voraus durchaus akzeptabel. Denn er würde unmöglich länger als zwei Tage auf diese Gelegenheit warten können. Darüberhinaus konnte es dieser Tage ohnehin kaum wichtige Termine geben, da doch halb Rom - zumindest aus jenen Schichten, mit denen Gracchus verkehrte - nicht in der Stadt weilte.

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  • Bei dieser schönen Scharade mußte ich mir das Lachen verbeißen. Ehre und Freude. Wobei das mit dem Meisterwerk der Dichtkunst ja stimmte. Je höher der Anteil an Wahrheit um so glatter die Täuschung.
    "Und mir wird es eine noch größere Ehre und Freude sein dich zu empfangen. In zwei Tagen also. Abgemacht." Ich mußte nicht überlegen, denn im Augenblick hatte ich noch keinen Wink vom Palatin erhalten und rein gar keine Verpflichtungen.
    Aber ach, diese zwei Tage würden mir lang werden, sehr lang! Am liebsten hätte ich Manius sogleich in den nächsten abgeschiedenen Winkel verschleppt... oder besser, eine geschlossene Sänfte mit ihm bestiegen.... dann ein diskretes Séparée in einer privaten Therme... Aber das wäre... sehr leichtsinnig...
    Mir fiel plötzlich auf, dass ich ihn gerade viel zu feurig anfunkelte, schnell wandte ich den Blick ab, tupfte mir ein paar Schweißperlen von der Stirn. Und bemerkte tiefsinnig: "Wie ist das heiß heute."

  • "Fürwahr"
    , stimmte Gracchus zu.
    "Es ist wohl an der Zeit, allmählich nach Hause aufzubrechen. Ich bin bereits seit den Vorbereitungen zur Furrinalia-Prozession unter freiem Himmel und wenn ich nicht Acht gebe werden die Senatskollegen mich nach dem Sommer ver..spotten, dass ich sonnengebräunt bin einem Feldarbeiter gleich."
    Ein solcher Spott, sofern es überhaupt jemand würde wagen ihn auszusprechen, würde zwar an dem Flavier abperlen - insbesondere wenn die Bräune in Ausübung seiner Pflicht erworben war -, doch es war dies ein guter Vorwand das Gespräch zu verlassen bevor Gracchus seine Fassung gegenüber Serapio verlieren würde. Er winkte einen der Leibwächter heran, der bestätigte, dass auch die Sänfte bereits eingetroffen war, dann erhob er sich.
    "Wir sehen uns in zwei Tagen."
    Mit einem Lächeln verabschiedete Gracchus sich, in freudiger Erwartung auf das baldige Wiedersehen.

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