Der Tag nach Julias Tod

  • Wider erwarten begann der Tag gut. Meine Freundin Lucia kam mich besuchen und niemanden hätte ich derzeit lieber gesehen als sie. Ihr Rat war mir noch immer teuer und ihre Zuneigung gab mir Kraft.


    „Du ahnst ja nicht, was alles hier passiert ist.“


    Obwohl ich das schon an der Tür zu ihr sagte, wiederholte ich die Worte noch einmal. Es war alles so unglaublich, dass ich es selbst noch nicht fassen konnte.

  • Herzlich erwiederte ich die Umarmung meiner Freundin.


    "Du bist ja ganz blaß, was ist denn nur geschehen ?"


    Ich sah mich kurz um und entdeckte eine Bank.


    "Komm, setzt dich erst mal, ich habe ja Unglaubliches gehört. Die Sklaven tuscheln herum, es hätte hier einen Gast gegeben bei euch ?"


    Ich setzte mich neben Crispina.


    "Das glaube ich zwar nicht, aber wenn ich dich so sehe und höre, was ist nur passiert ?"


    Noch immer konnte ich mir keinen Reim darauf machen.

  • „Ach Lucia, die Welt scheint verrückt geworden zu sein und die Götter zürnen.“


    Ich seufzte schwer, dann holte ich Luft und begann zu erzählen. Ich berichtete von dem Mord vor unserer Casa, den Vigiles und dem nächtlichen Besucher, der wenig vertrauenswürdig war, davon, dass uns die ganzen Vorkommnisse mitten in der Nacht überraschten und ich wirkliche Angst ausgestanden habe.


    „Denk dir nur, er nahm etliche Sesterzen mit, als er ging. Ich möchte ihm nie wieder begegnen“, endete ich schließlich und sah Lucia mit großen Augen an. Noch heute standen mir die Haare zu Berge, wenn ich an diese Nacht zurück dachte.


    „Doch damit nicht genug. Die Götter sahen einen weiteren Grund, meine Familie zu strafen….“

  • "Das darf doch nicht wahr sein, ihr Ärmsten !"


    Völlig entsetzt sah ich meine Freundin an. Wie konnte sie nur so ruhig dabei bleiben ? Aber Panik würde hier auch nicht weiterhelfen.


    "Ich bin sicher, dieser schreckliche Mann wird nicht mehr zurückkommen. Ihr solltet euch einen guten Wachhund zulegen, das würde bestimmt helfen."


    Ich konnte nicht mehr stillsitzen, ging ein wenig umher und setzte mich dann wieder.


    "Was geschah denn noch ?"


    Mehr als meiner Freundin zuzuhören, konnte ich momentan nicht für sie tun, aber ich würde mir etwas überlegen.

  • „Ein Wachhund… was für eine hervorragende Idee! Doch woher soll ich einen Wachhund bekommen?“


    Ratlos schaute ich meine Freundin an.


    „Kennst du vielleicht jemanden, der einen Wachhund besitzt? Vielleicht könnt ich ja mal ein Jungtier von diesem bekommen.“


    Ich hoffte sehr, dass mir Lucia einen Rat geben konnte. Sie kam vermutlich mehr herum als ich. Gern würde ich ihr auch noch alles weitere erzählen, aber erst einmal wartete ich gespannt auf ihre Antwort.

  • Ich überlegte kurz.


    "Hmmh, eine gute Frage. In der Villa Tiberia gibt es einen Wachhund, das ist aber soweit ich das weiß, ein Rüde. Ich könnte ja mal nachfragen, woher sie ihn haben. Sonst fällt mir gerade auch nichts ein, vielleicht später."


    Leicht grinsend schaute ich Crispina an.

  • "Oh schön, dass dir sofort ein Einfall kam. Ich würde ihn mir schon gerne anschauen, bevor ich mich nach einem Jungtier dort erkundige. Wäre es nicht möglich, dass wir dort zusammen hin gehen?"


    Bittend schaute ich Lucia an. Es wäre so schön, wenn ich mal aus der Casa herauskäme. Zu sehr bedrückten mich die Vorkommnisse der letzten Tage und dabei hatte ich ihr noch nicht einmal von allem berichtet.

  • "Nun, das wäre normalerweise wohl kein Problem, doch Commodus ist nicht da, er ist wieder in Mantua."


    Ganz wohl war mir nicht dabei, einfach irgendwo unangemeldet aufzutauchen.


    "Wenn du dich noch ein wenig gedulden könntest."


    Ich bemerkte wohl, das Crispina gerne ein wenig unter Leute kommen wollte und daher schlug ich vor.


    "Wir könnten ja ein wenig über den Markt gehen und die Stände ein wenig unsicher machen, hättest du Lust ?"

  • Ich führte Lucia zu einem Zimmer direkt neben der Empfangshalle. Mit der Linken drückte ich die Tür auf und wies nur stumm auf die Bahre und die Tote, die darauf lag.


    Halt suchend merkte ich gar nicht, wie meine Hand die von Lucia sehr fest umschloss. Mir traten schon wieder die Tränen in die Augen und ein tiefes Seufzen kam aus meiner Brust.

  • Bei den Göttern ! Damit hatte ich nicht gerechnet. Ein wenig fassungslos starrte ich auf die Tote.


    Sanft umarmte ich dann meine Freundin und fragte leise:


    "Wer ist das ?"

  • "Julia, die Frau eines Onkels." Mehr brachte ich nicht hervor.


    Noch während wir so standen hörte ich kleine schnelle Schritte. Das riss mich aus den Gedanken und ich drehte mich um. Ein Lächeln überzog mein Gesicht. Marcellus, der einzige Lichtblick derzeit für mich.


    Ich ließ Julias Hand los und breitete meine Arme aus. Dann hielt ich meinen kleinen Sonnenschein schon in meinen Armen und hob ihn hoch. Lächelnd drehte ich mich Lucia zu.


    „Das ist Marcellus, mein ein und alles und letzter Erbe der Vesuvier.“

  • Begeistert blickte ich auf den kleinen Jungen in Crispinas Armen.


    "Hallo Marcellus, na du kleiner Süßer."


    Auf einmal konnte ich erkennen, woher Crispina ihre Stärke nahm. Für dieses Kind musste man ja einfach alles tun.


    Ich sagte dann leise zu Crispina, sodaß der Kleine mich nicht hören konnte.


    "Wenn du Hilfe brauchst bei der Beerdigung oder sonst irgendwie, dann sag mir einfach Bescheid."


    Mehr wollte ich momentan zu der Toten nicht sagen, Crispina schien die Sache verständlicherweise sehr aufzuregen.

  • Dankbar lächelte ich Lucia an.


    „Ich suche noch einen Priester“, flüsterte ich ihr zu, während der Kleine mir mit seinen Händchen ständig über Mund und Augen strich.


    „Wir sind beide relativ neu in der Stadt. Das macht wirklich alles schwerer noch als es so schon ist. Weißt du trotzdem Rat oder hast du einen Gedanken?“


    Ich spielte die starke Mutter, doch innerlich sah es gänzlich anders in mir aus. Niemals würde ich jedoch zulassen, dass mein kleiner Sonnenschein etwas von meinen Problemen bemerkte. Er war ein Kind und er sollte unbeschwert aufwachsen. Viel zu schnell würde Verantwortung und Last auch sein Leben einmal mitbestimmen.

  • "Ich bin leider noch nicht so weit eine Beerdigung selbstständig zu leiten, am besten wendest du dich da an den Sriba Pontifex Maximus . Er wird dir sicher weiterhelfen können. Oder soll ich das für dich tun ?"


    Fragend schaute ich Crispina an. Dann fiel mir etwas ein.


    "Komm, wir gehen jetzt in die Stadt, du musst unbedingt mal raus kommen. Möchtest du lieber auf den Markt gehen oder in die Thermen ?"


    Ich hoffte, ich konnte sie mit meiner Unternehmungslust anstecken.

  • "Ich würde lieber in die Stadt gehen, wenn es dir recht ist", antwortete ich Lucia.


    „Ich könnte so das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Es ist notwendig, dass ich einen Anschlag mache, in dem die Bürger Roms von Julias Tot erfahren. Nur so können sie noch rechtzeitig von ihr Abschied nehmen. Es tut mir so leid. Gern wäre ich einfach nur so mit dir gebummelt.“


    Entschuldigend blickte ich meine Freundin an.


    „Hast du trotzdem Lust, mich zu begleiten?“

  • „Ich bin so froh, dass du gerade jetzt an meiner Seite bist.“


    Gerührt umarmte ich meine Freundin. Was würde ich nur ohne sie machen…


    Ich griff nach der kleinen Hand von Marcellus und lächelte ihn an. Er lächelte zurück und versuchte die Hand von Lucia zu erreichen. Immer wieder patschte der Kleine in die Luft...

  • Lachend schaute ich auf den kleinen Marcellus und hielt ihm meine Hand hin. Er war ja wirklich zu niedlich.


    "Du kannst ja so froh sein, das du den Kleinen hast. Wo wollen wir denn zuerst hin ?"

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