Atrium | Trauergesellschaft

  • In der Villa Flavia von der Domus Aelinana angekommen, lotste Piso schweigend Imperiosus durchs Vestibulum in sein Arbeitszimmer hinein. Der Raum wirkte noch düsterer als sonst. Der prunkvolle Schreibtisch erschien bedrohlich, die Büste des Vespasian, die wachsam auf den Raum blickte, grimmig, die Schriftrollen, die in den Regalen standen, deprimierend. Ein namensloser Sklave putzte gerade herum. “He du! Bring uns Wein. Viel Wein!“, befahl Piso und ließ sich auf seinen Stuhl plumpsen, als der Sklave hinfortrauschte. Er griff sich mit seinen Händen ins noch immer tränennasse Gesicht hinein und verbarg seine Augen hinter seinen Handflächen.
    “Scheiße, Impi... alles Scheiße...“ Er schüttelte den Kopf und ballte seine Hände vor seinem Gesicht zu Fäusten. “AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“, ertönte der Urschrei, bevor der Flavier sein Gesicht auf den Tisch plumpsen ließ.

  • Obwohl ich nicht wirklich nachvollziehen konnte warum Piso ob Archis Tod so traurig war, konnte ich mir dennoch vorstellen das man dem nicht nachgeben durfte, ansonsten würde Piso am Ende noch zu einer weichlichen Memme werden und dann nutzte er auch mir nicht mehr ...


    "Ich weiß Piso ... ich weiß! Erzähl mir mehr von Archias ich kannte ihn nur von unseren Feiern und aus der Kanzlei!"


    Sich mit einem seelischen Problem direkt auseinanderzusetzen führte in der Regel zu Verständnis und Bewältigung ... behauptete zumindest ein Autor eines Werkes das ich im letzten Winter gelesen hatte also wenn ich das erfolgreich benutzen konnte um jeden Lügner zu entlarven dann würde es wohl auch mit Pisos Gefühlen funktionieren ... hoffte ich zumindest ..

  • Imperiosus faselte irgendwas von wegen Verständnis. Und apropos Verständnis, bar jenes Gefühl blickte Piso, von Geburt an eher auf der weichen Seite als auf der kernig-kerligen, hoch, als der Pompeier plötzlich davon zu faseln anfing, dass er wissen wolle, was Archias für ein Mensch gewesen war. Ungeniert starrte Piso Imperiosus an. Dann brach ein Wortschwall über den Kanzleibeamten einher.
    “Archi war der großzügigste, lustigste und ideenreichste Mensch, den ich je gekannt habe! Na gut, er war ein bisschen, naja, einfältig. Manchmal. Sagen wir so, ich war ihm geistig ein bisschen überlegen. Aber das tut nichts zur Sache. Gar nichts! Wir waren von Anfang an zusammen wie Pech und Schwefel, in Ravenna, wo wir beide geboren wurden! Und in Baiae, wo wir so oft Urlaub gemacht hatten zusammen! Es ist so unvorstellbar, dass er tot ist! Er war das Leben, wie eine Personifikation davon! Ich... weißt du, ich hatte in Ravenna nie eine richtige Familie. Nur Vera war mir eine wirkliche Schwester gewesen, die einzige in unserer Familie, die ich wirklich je geliebt habe. Meine Schwester, und nun ist sie auch tot! Archias und Vera, meine ältesten und besten Freunde, die eine meine Schwester, der andere, der für mich gewesen ist wie ein Bruder, ein ein bisschen älterer Bruder... beide sind tot...“
    Er schlug sich seine Hände vors Gesicht und heulte dort hinein.
    “Wir haben so viel getrieben... durch dick und dünn sind wir gegangen... wir hätten nie einander verpfiffen... wir... wir... waren die besten Freunde... ich habe niemanden sonst gesehen, der so dicke mit jemanden gewesen wäre wie wir beiden... oh Götter...“
    Piso stockte, Wein wurde serviert und in Becher geschenkt. Piso erhob einen Becher, zitternd.
    “Nimm an, Venus Libitinae, dieses Opfer. Geleite Caius Aelius Archias sicher ins Elysium...“ Er verschüttete etwas Wein auf den Boden, bevor er den Becher, zitternd, zu Imperiosus hinbewegte. “Trinken wir auf... schnief... auf Archi...“

  • Erst wusste ich nicht ob Piso mich überhaupt gehört hatte doch dann brach plötzlich ein redeschwall aus ihm hervor und ich hatte Mühe ihm zu folgen, das Archi ihm wichtig gewesen war hatte ich ja schon zuvor gewusst doch jetzt begann ich erst zu verstehen warum ihm überhaupt etwas an dem Mann gelegen hatte ...


    "Auf Archias! Für den einen Freund für den anderen ein Bruder!"


    Ich stieß mit Piso an nachdem auch ich etwas Wein verkippt hatte, natürlich nur da ich fest davon überzeugt war das die Flavier über ausreichend Reserven verfügten ...

  • Die Becher klackerten aufeinander, nachdem Imperiosus auch seinen Teil vom Wein geopfert hatte, und Piso leerte ihn auf Ex. “Nochmal!“, fauchte Piso rüde den neben ihm stehenden Sklaven an und ließ sich abermals Wein einschenken, bevor er diesen heruntergurgelte.
    “Puh...“, schnaufte er und setzte ab. Der Wein war, wie der Pompeier sicherlich bemerkte, kam verdünnt, genau das Richtige, um sich anzusaufen und darob alle Sorgen zu vergessen. “Wenn ich daran denke, wieviel wir beide nie gemacht haben! Junggesellenabschied! Ist nie passiert. Niemals mehr werden wir durch die Stadt ziehen und uns antrinken. Nie wieder werden wir uns Trost spenden... oder je wieder sehen... oder hören...“ Piso schluchzte in sich hinein, dass es gotterbärmlich war.

  • Ein sachtes auf die Schulter klopfen, ein paar einfühlsame Worte und eine große Zahl weiterer Becher des guten Weines wären genau das Richtige um diesem Freund über seine schwere Zeit hinweg zu helfen, allerdings war ich nunmal kein Heiliger und außer der Unterstützung bei den etlichen Bechern Wein konnte man von mir wohl kaum mehr erwarten ...


    "Ja, ja ... weg ist weg! Aber uns bleibt die Errinnerung!"


    Hatte ich das nicht gerade schonmal gesagt? Nein ... oder doch? Ach wen kümmerte das schon solange noch mehr Wein da war, konnte es doch nicht schaden auch ab und an etwas zum Gespräch beizutragen, zumal ich mir garnicht sicher war ob Piso mich im Moment überhaupt höhren konnte ...

  • “Nur die Erinnerung...“, echote Piso. “Nur diese...“ Er stockte und blickte zu seinem Wein. “Die Erinnerung daran, wie er ausgesehen hat... wie fürchterlich... schlimm... zerschmett...“ Er brach im Wort ab und leerte noch einen Becher Wein, und bevor man es sich versah, noch einen. “Unnnn des Begräbnis... bleibbb... an mir... hänggggg...“ Aus leeren Augen blickte Piso Imperiosus an. “Warum hadda das gemachhhhh... warum nur? Warum...?“ Nass glitzerte es in seinen Augen. “Alles scheiße...“, konstatierte er nicht sehr nüchtern und blickte trübe vor sich hin, bevor er noch mehr Wein zu sich nahm. “Und mies...“ Er hustete leise vor sich hin.

  • Das war nun wirklich mal eine interessante Frage, warum sollte ein Mensch sich selbst töten, mal abgesehen von der logischen Schlussfolgerung um damit einem schmerzhafteren Tod zu entgehen ... auf Archi konnte das aber kaum zutreffen was könnte wohl schmerzhafter sein als ein solcher Sturz ... wobei man sich dabei auch nie sicher sein konnte ob man nicht doch überlebte und dann noch einige schmerzverzerrte Stunden vor sich hin vegitierte. Als ich zu Piso sah beschloß ich spontan ihn aus meinen Überlegungen auszuschließen, schließlich wollte ich nicht falsch verstanden werden und manchmal war auch richtig verstanden werden schon schlimm genug ...


    "Sieh es als Ehre ... also das mit dem Begräbnis, selbst seine Familie scheint einzusehen das du ihm um einiges näher gestanden hast als manch anderer! Und so kannst du auch sicher sein das es ihm angemessen ist, so wie er es sich gewünscht hätte!"


    Aber was nutzte es einem wenn es eine "schöne" Trauerfeier samt Bestattung gab, man war doch schon tot und sofern man nicht Lyra spielte wie Orpheus selbst war die Chance zurückzukehren auch nicht allzu groß ...

  • Piso fing wieder an, gram- und kummervoll vor sich hinzuweinen, als Imperiosus nach einer kurzen Phase des Nachdenkens etwas von Ehre faselte. Der Flavier blickte auf. Aus seinen Augen schien der Wein fast schon zu rinnen. Der Alkohol hatte seinen Augen einen fremden, unwirklichen Glanz gegeben, der dem Pompeier erstrahlte.
    “Ehre. Ehre! Was heißßß Ehre? Ich hawwws doch nur auf misch genommm, weil Axilla... die würdsss versaun! Sie würde... n Chaos drausss machn.“ Er blickte nach unten und rieb seine Lippen zusammen. “Sowas soll professsionell ablaufen.“ Imperiosus würde sicherlich wissen, dass er sich auf seinen Beruf als Septemvir bezog. “V’leisch stimmms ja... ich habm näher gestannnnn als alle anderen.“ Er trank noch einmal einen Schluck Wein. “Wie konnte er nur... WIE NUR?“ Seine Stimme wurde laut, verebbte aber dann in einem Schluchzen. Piso legte seinen Kopf auf den Tisch, flennte auf das Holz hinauf und schlug abwechselnd mit der einen und der anderen Hand auf das Mobilar hinauf.

  • Als Piso begann den Tisch zwischen uns zu verhauen nahm ich vorsorglich den Weinkrug an mich und schenkte mir gleich selber nach, der Flavier war schon jenseits von Gut und Böse, zumindest konnte ich in seinen Augen schon dieses Glänzen erkennen das er auch in der Taberna Apicia bekommen hatte ... kurz bevor er aus der Blumenvase getrunken hatte ... erneut von vorsorglichen Gedanken getrieben sah ich mich um, doch der Sklave war bereits dabei die Blumenvase von einem nahegelegenen Schränkchen in die enfernteste Ecke des Raumes zu stellen und bekam dafür von mir ein anerkennendes Lächeln, immerhin waren nicht alle Sklaven so aufmerksam und gewissenhaft ...


    "Nunja wenn sie es nur versaut hätte ... umso besser das du es machst, ich meine wär wäre denn sonst wohl besser geeignet!"


    Außerdem wer hatte den sonst überhaupt Lust das Begräbnis auszurichten, wenn ich mich recht erinnerte war nicht ein verwandter von Archias auf der Trauerfeier gewesen ...

  • Blumenvasen und die Vernichtung ihres Inhaltes waren wahrlich noch das geringste Problem, das Piso jetzt hatte! Ein Sklave räumte ebendiese weg, der Flavier bemerkte es nicht einmal, geschweige denn dass er sich an den Namen des Sklaven erinnern konnte – doch letzteres tat nur wenig zur Sache, waren doch die meisten Sklaven in der Villa Flavia eher farblos und für die Herren des Hauses namenslos. Immerhin sorgte das dafür, dass seine Hand, nachdem er aufhörte, den Tisch zu bearbeiten und sein verheultes Gesicht wieder aufrichtete, ihren Weg zum Weinbecher hinfand und sie zu seinem Mund führte, wo wieder eine Fuhre gekippt wurde. Die Tatsache, dass jedes Mal, wenn Piso Imperiosus sah, das ganze irgendwie immer in einem Besäufnis endete, fiel ihm noch auf, bevor sein Verstand endgültig abbrach und er nur noch delirisch rumglotzte, zu nichts mehr imstande als zu trinken, und nochmals zu trinken. Die Worte des Pompeiers beachtete er gar nicht mehr – er war physisch nicht mehr imstande, sie zu beachten –, wiewohl er ihnen recht gegeben hätte. Nicht, dass er sonderlich Lust auf das Begräbnis hätte. Nein, er hatte keine Lust. Aber er fühlte, das war das, was er Archias schuldig war.
    Nboch ein Schluck ging. Dann rülpste Piso ohrenbetäubend. Noch ein Weinbecher.
    Und dann geschah etwas Denkwürdiges.
    Pisos Gesicht kippte nach vorne, traf hart auf das Holz des Tisches auf, und blieb dort schnarchend liegen. Wenn es des Flaviers Intention gewesen war, sich in die Bewusstlosigkeit zu saufen, war es ihm gelungen.

  • In den letzten Minuten hatte ich mich wie im Theater gefühlt, den sowohl der Haussklave als auch ich hatten Piso beobachtet, strikt darauf bedacht möglichst leise zu sein und ihn nicht zu stören. Nur das Ende des "Schauspiels" bewirkte verschiedenes bei uns denn während der Sklave erschrocken den Mund verog musste ich herzhaft lachen, ein solches Besäufnis mit Piso war doch immer etwas feines, selbst wenn man einfach nur dabei war. Ich goss mir noch einen Becher ein und genoss weiterhin die Gesellschaft meines liebsten Patriziers auf dieser Welt und besah mir lächelnd seinen absolut festen Schlaf.


    Zweimal hielt ich den Sklaven davon ab ihn zu wecken, wobei ich nicht nur an mich sondern auch an die Lebenserwartung des Sklaven und seinen damit verbundenen Marktwert dachte, doch dann verlor ich irgendwann das Interesse am schlafenden Piso und verabschiedete mich, natürlich nicht ohne Piso noch einmal zum Abschied auf die Schulter zu klopfen ...


    "Vale Piso, lass dich nicht von den Toten fertigmachen!"


    Damit war ich dann auch gleich weg ...

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!