Clivus Cinnae – Das alte Lied - Vale male, Dulcissime!

  • Es war doch nur eine Inschrift gewesen. IOVI SERAPI M. IVLIVS DIVES V.S.L.M.
    Nur ein paar Worte im Stein, und ein paar vergammelte Blumen. Aber seit dem Abstecher nach Ostia, seit meiner Rückkehr in die Tempelgemeinschaft, jagte mir das alles ständig ruhelos durch den Kopf. Der Name im Stein war der Name, an den ich seit... dem.... jeden Gedanken weit von mir geschoben hatte, und ja, es war schon etwas Schorf über die Wunde gewachsen. Doch jetzt lag sie wieder bloß, und die Sache mit ihm war wieder ganz nahe... und das schmerzte höllisch. Ich träumte immer wieder davon. Von ihm als bildschönem Apoll, der sich auf dem Felsen räkelt und... keinen Finger rührt, als der Strom mich in den Abgrund reißt. Taub für mein Flehen. Von ihm als nelken-bekränztem Mänaden, der selbstvergessen tanzt, in einem wilden Wirbel heißer Leiber... und mich nicht einmal sieht. Oder ich träumte von... einer engen Zelle, und darin eine weiße Blume, die Blütenblatt um Blütenblatt verlor, und im Traum wußte ich... wenn das letzte Blatt gefallen ist, werden die Wände des Zimmers mich zermalmen. Dann riss mich (und manchmal auch die anderen im Schlafsaal der Initiaten) der Schrecken aus dem Schlaf.
    Tagsüber war ich gerädert und übellaunig.
    Ich fragte den Medicus Loquex nach einem Schlafmittel, doch das Kräuterzeug was er mir gab roch zwar gut, half aber kein Stück. Und Opium rückte er nun mal nicht raus.
    Ich fragte meinen Mentor Anastasius um Rat... wenn auch ohne ins Detail zu gehen, nur so als habe es sich um einen wirklich wichtigen Freund gehandelt.
    "Lerne zu vergeben. Nimm die Last des Zornes von deinen Schultern und ziehe aufrecht deines Weges." - Das war so in etwa die Quintessenz seiner weisen Worte.
    Aber ich kam damit nicht klar. Ich gab mir redlich Mühe, aber... kaum versuchte das zarte Pflänzchen Abgeklärtheit aus dem schroffen Fels zu knospen, da wurde es schon wieder zerfetzt von den bösen Erinnerungen, von der Wucht der Enttäuschung. Von dem Bild wie er... mich stehengelassen hatte. Die Hand seiner Erpresserin ergriffen hatte. Mich nicht mal mehr angesehen hatte.


    Abstand. Brauchte ich dringend. Eines schönen Spätsommertages verließ ich den Tempel und ging alleine mit diesen düsteren Gedanken so vor mich hin, und war irgendwann bis hoch oben auf den Clivus Cinnae-Hügel gelaufen. Die malerische Natur, der tolle Blick auf die Stadt, das Sirren der Zikaden... meinen überreizten Nerven war das alles viel zu viel Idylle. Ich trat gegen einen Stein, ließ ihn den Hügel hinunter kollern, und warf mich, müde vom Aufstieg unter eine Pinie um auszuruhen. Der Stamm war über und über von Efeu berankt. Eidechsen huschten über die sonnenbeschienen Wurzeln. Es war derselbe Ort, an dem ich einmal die halbe Nacht vergeblich ausharrend auf ein Rendez-vous mit Manius gehofft hatte... (Und es war sogar fast die gleiche Jahreszeit wie damals.)


    Was mich auf die bizarre Idee brachte, mich zu fragen, wie oft mir eigentlich schon "das Herz gebrochen" wurde?
    Eine Hand reichte jedenfalls nicht zum Abzählen. Im Umkehrschluss erkannte ich, dass mein Herz offenbar in der Zwischenzeit jeweils wieder ganz passabel gekittet worden war, sonst hätte es ja nicht erneut so spektakulär brechen können.
    Oder vielleicht war es wie bei den Eidechsen und ihren Schwänzen mutmaßte ich, und betrachtete ein gelbgrün-braun-getupftes Exemplar, das seinen offenbar schonmal verloren hatte, und nun nur noch über einen ziemlich unansehnlichen Stummel-Zweitschwanz verfügte. Tja. Wie oft die wohl nachwuchsen? Und ob sie jedesmal grauer, verkümmerter und kleiner wurden? Und ob das bei den Herzen genauso war? Ich hätte wirklich gerne gewußt, ob irgend ein schlauer griechischer Naturphilosoph diese Frage schon mal durchdacht hatte...

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    SODALIS FACTIO AURATA - FACTIO AURATA

    Klient - Decima Lucilla

  • Von hier oben... hatte ich auch nicht mehr Durchblick als von unten. Die Serapisstatue in Ostia ging mir nicht aus dem Kopf. Ich sah sie vor mir, als ich die Augen schloß, sah sie umstrahlt von der Gloriole der Sonnenstrahlen, die rotflirrend durch meine Lider drangen.
    Ich hatte gar nicht gewußt, dasss Dives den Ewigen so inbrünstig verehrte. Nur, dass er ihm einmal 'ein weißes Opfer' gebracht hatte, für mich – oder mir das jedenfalls so geschrieben hatte. Was schon echt süß gewesen war. Andererseits wußte ich sowieso kaum etwas über ihn, weil unsere Begegnungen spärlich und so gut wie nur der Lust gewidmet gewesen waren, und ich seinem Streben nach einem "näher Kennenlernen" geflissentlich ausgewichen war. So als gebranntes Kind. Und dann wieder von Manius um den Finger gewickelt. Während der Krieg unaufhaltsam heraufzog.
    Und als der Schleier von meinen Augen gezogen war, und ich endlich sah, was Marcus Dulcis Dives mir, was ich ihm, was wir uns, hätten sein können..... war es zu spät. Und er zögerte nicht, mir alle Gedankenlosigkeiten, die er von mir erlitten hatte, zehnfach heimzuzahlen, und zwar genau dann, als ich am allerkaputtesten und... verletzlichsten war! Er mochte jung sein, und überfordert gewesen sein angesichts meiner Not, er mochte als verzärtelter Jungpolitiker nicht verstehen was es hieß, in einen Bürgerkrieg gezwungen seine eigenen Kameraden abstechen zu müssen, er mochte verschreckt gewesen sein von der Erpressung durch dieses furchtbare Weib... aber er hatte es gewußt, er hatte es gesehen, dass ich erledigt war, haltlos, dass ich fiel, dass ich ihn brauchte! Und das war der Augenblick, in dem er mich wie ein Elefant im Terra-Sigilata-Laden abserviert hatte.
    Er hätte mich sterben lassen dachte ich, und ein kalter Schauder überlief mich, trotz der wonnigen Nachmittagssonne. Wenn Phantasos nicht gewesen wäre, wäre ich... - Dives hätte mich sterben lassen.
    "Du hast dir dein Bett gemacht" murmelte ich zornig, wild auf die Stadt da unten runterblickend, "jetzt lieg darin!" – und erschreckte damit ein Liebespärchen, das eben noch Hand in Hand an diesem schönen Punkt die Aussicht genossen hatte. Jetzt suchten sie mit scheuem Seitenblick auf mich schnell das Weite.


    Es abschließen. Ja, das würde ich. Auf meine Weise!
    Grimmig zückte ich meine Werkzeuge gnadenloser Vergeltung: eine Wachstafel. Und einen Stylus. Einen Brief würde ich ihm schreiben, der ihn auf jede nur denkbare Weise zum Hades wünschte. Er sollte... verdammt nochmal wenigstens verstehen.... Er sollte sich vor Schuld auf dem Boden krümmen und es unendlich bereuen, und zugleich sollte er herauslesen, dass ich meilenweit über ihn hinweg war (mindestens), und... - Aber er sollte nicht etwa glauben, ich habe mich wegen ihm in die Kultgemeinschaft zurückgezogen und der körperlichen Liebe entsagt – das wäre nur Balsam für sein Narziss-haftes Ich...
    Ja, Narzissen! Ich würde ihm ausserdem weiße Narzissen schicken, das würde ihn als Liebhaber der Blumensymbolik gar nicht erfreuen. Mist, es war nicht die Jahreszeit für Narzissen. Vielleicht einen Strauß Brennesseln stattdessen? Disteln? Stinkwurz? Schierling und anderes Gift-Gestrüpp? Mannigfaltige Möglichkeiten!


    Oder wie wäre es, dachte ich so bei mir, mit dem Stylus an meinen Lippen spielend...wenn ich das ganze in Versen schrieb, und es veröffentlichte...? Natürlich ohne ihn bei seinem Namen zu nennen, doch wer klug die Hinweise deutete, würde ihn darin schon erkennen können. Für eine solche Rache gab es ja die allerschönsten Vorbilder...
    Ein gefundenes Fressen wäre das für die klatschsüchtige "bessere Gesellschaft" der Stadt. :evil: Was für ein schlechter Start für die Karriere eines jungdynamisch aufstrebenden Politikers mit dem Drang zum Höheren.....


    Sage mir mein schönster Freund / was ließ deine Lippen welken?
    Die doch einst so lockend prangten / rubinsamtiger Korall...
    Lachend, Liebesworte wispernd / bebend von der Glut der Küsse,
    Flammend höchste Gunst verschenkend / bei der Nymphen stillem Hain.


    Welches Leid hat dich befallen / raubte deiner Schönheit Zauber,
    ließ die heiße Lohe sinken / und zu fahlem Staub vergehen?
    Ist's das Gift der Heuchelworte /ist's der Seim der schalen Lüge?
    Hat das zage Ungesagte / sie so grämlich hart gemacht?


    Oder warn's die scharfen Worte / die du gleich der Messer Klingen
    deinem Freund ins Herz gejagt / welche deine armen wunden
    Lippen gleichsam aufgeschlitzt? / Elend siecht, was einst in Blüte
    schwärt nun qualvoll ob der Falschheit / die du ihnen selbst gebot'st.



    So! Und das war nur der Anfang meines Opus Magnus! Ich war ja gerade mal mit dem Thema "seine Lippen" durch......

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    SODALIS FACTIO AURATA - FACTIO AURATA

    Klient - Decima Lucilla

  • Sage mir mein goldner Freund / wer stahl Deinen Sonnenglanz?
    Flirrend in den seidnen Locken / tanzte er auf tausend Weisen
    Liebevoll vom Wind gezaust / Als Dich pfeilschnell in der Biga
    Einst der Rösser Sturm getragen / warst Du selbst dem Lichtstrahl gleich.


    Zürnen Eros, dessen Huld Du / närrisch unterm Fuß zertrat'st
    Und Anteros, der die Pfeile / auf dem Wetzstein rächend schärft? -
    Ist darum der Glanz so stumpf nun / und Dein Leuchten fahl vergraut?
    Oder zogen schon die Nebel / trüben Herbstes in Dein Haus?


    Ist's Xanthippes Zank und Hader / welcher Deine güldnen Locken
    vor der Zeit mit Reif betaut? / Oder mahnt das Weiß den Zagen
    der nur sommers innig liebte, / als dem Freund das Glück noch hold war -
    und ihn in des Winters Eissturm / grausam in die Kälte stieß.



    So schmiedete ich meine Verse. Hoffentlich ging es ihm wirklich so schlecht wie ich - mein lyrisches Ich - ihm hier mit heuchlerischer Besorgnis unterstellte. Sonst würde er meine Zeilen wohl nur lachend in den Müll werfend... Aber nein, ich hatte vollstes Vertrauen in sein Unglück. Wer sich so sehr verleugnete wie mein goldner Freund es tat... dem konnte es nicht gut gehen!
    Ermattet vom Dichten, Denken und auf-Rache-sinnen streckte ich mich lang aus, auf dem sonnenwarmen Bett weich federnder Piniennadeln, die Tabula auf der Brust. Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf, und sah, über die nächsten Strophen sinnierend, durch das staubgrüne Geäst hoch hinauf in das endlose Himmelsblau.
    "Sag mir, zauberischer Freund... wohin floh der Augen Blitzen... deren lichte Himmelsbläue... leichthin jedes Herz betört..." flüsterte ich. War das zu abgeschmackt? Naja, aber wenn es doch wahr war...
    Schläfrig summten die Bienen, zwitscherte ein Vogel. Eine sanfte Brise strich mir über das Gesicht. Es roch nach Harz und nach Thymian und......



    ...und es mußten wohl meine Verse sein, die ihn gerufen hatten, denn da stand er mit einem mal vor mir, noch tausendmal betörender als meine Worte es auszumalen vermochten. Gesponnenes Gold, die Strähnen, die ihm in die hohe Stirn fielen. Flehentlich hob sich der Wimpern dunkler Schleier von seinen Juwelen-Himmels-und-Meeres-und Vergißmeinicht-Augen. Korallenrot die Lippen, die mit melodiöser Verzweiflung zu mir sprachen:
    "Faustus! Suavis Serapis! Bitte! Es war ein furchtbarer Fehler! Mein Leben ist sinnlos ohne dich. Ich habe das schreckliche Weib verstossen und ich flehe dich an: Vergib mir!"
    "Es ist zu spät, Dulcis Dives." wehrte ich sein Flehen ab. Ganz ungerührt.
    "Ich kann nicht leben ohne dich! Vergib mir! " Die Himmelsaugen wurden tränenfeucht.
    "Es gibt keine Vergebung. Nur Wiedergutmachung." zitierte ich mit nobler Kühle.

    "Bitte vergib mir! Ich würde ALLES dafür tun!" bestürmte er mich, und unversehens war er vor mir auf die Knie gefallen – so wie Massa das in Ostia getan hatte – und umschlang meine Knie, doch ganz anders als Massa das in Ostia getan hatte... fassten seine Hände den Saum meiner Tunika und hoben ihn empor, während das güldene Haupt sich zielstrebig auf meine Leibesmitte zu beugte, während zwischen den ganz hinreissend unschuldig-verworfen lächelnden Lippen seine Zungenspitze rosig hervorblitzte, sie flink befeuchtend...

  • ... und rüde wurde ich geweckt, als mir ein langbeiniges Spinnentier quer übers Gesicht krabbelte. Erschrocken fuhr ich auf, wischte die widerliche Kreatur hastig zur Seite. Brr.
    Und seufzte. Ausgerechnet an der Stelle... Unleidig dachte ich, dass es vielleicht doch keine so gute Idee war, des Verflossenen Vorzüge allzu sehr zu besingen. Selbst wenn es der Vergeltung diente. Es weckte schlafende Hunde.
    "Lesbia mi dicit semper male..." murmelte ich betreten vor mich hin, denn mir waren die schönen Verse des Catull in den Sinn gekommen:


    Lesbia wird nicht müde, von mir viel Böses zu sagen
    Will ich doch sterben darauf: Lesbia liebt mich noch heut.
    Und der Beweis? Bin ich selbst. Ich fluch ihr täglich und stündlich,
    Aber ich sterbe darauf: Lesbia lieb' ich noch heut.


    .... Ach was!
    Energisch entriss ich mich dem Grübeln und stand auf, hielt mich einen Augenblick an den Stamm der Pinie gelehnt. Catull war ein (wenn auch geniales, ohne Frage) Weichei, und meine zeitweilige Verwirrung kam alleine von dieser blöden Enthaltsamkeit. Das mußte doch jeden mürbe machen! Trotzdem begrub ich in dem Moment meinen Plan, das ganze zu veröffentlichen.
    Grimmig packte ich mein Schreibzeug ein, machte mich auf den Rückweg den Hügel wieder hinunter, und pflückte unterwegs noch einen großen stacheligen Strauss besonders garstiger Disteln. Ich zerstach mir natürlich selbst die Finger dabei, doch das bremste nicht meinen Elan. Auch ein Reis Tollkirsche fand ich unterwegs. Perfekt!


    In den nächsten Tagen schrieb ich weiter, abends nach dem Tempeldienst und den Unterweisungen. Vale male Dulcissime! Und wie ein Getriebener besorgte ich auch mit großem Perfektionismus das genau passende Blumenbukett. Zuletzt heuerte ich einen Freund von ganz früher an, der als Künstler immer sehr knapp bei Kasse war, um das Werk zu überbringen. Natürlich schärfte ich ihm dieses und jenes ein, und insbesondere, das Mienenspiel des Empfängers aufs Allergenauste im Auge zu behalten...

  • "Und?" fragte ich – ganz nonchalant. Oder jedenfalls bemühte ich mich um Nonchalance, im Grunde aber hätte ich Philonicus am liebsten an den Schultern gepackt und alle Details auf einen Schlag aus ihm herausgeschüttelt!
    Ich hatte ihn nach der Probe am Theater abgeholt, begierig darauf zu erfahren, wie es gelaufen war, am Vortag, als er meine Botschaft überbracht hatte...
    Wir spazierten am Clivus Cinnae umher, und er machte es spannend.


    [Blockierte Grafik: http://www11.pic-upload.de/30.10.14/1qdmke4dgzd.jpg| C. Cluvius Philonicus


    "Unsere Tarpeia nimmt Gestalt an. Ich sage dir Faustus, es wird eine ganz fantastische Inszenierung. Liebe – Verrat – Wahn! – kannst du dir ein großartigeres Spannungsdreieck vorstellen?!"
    Ja, das konnte ich: Liebe – Erfüllung – Glück bis ans Ende meiner Tage! Aber ich behielt diese biederen Ideen für mich, zum einen glaubte ich nicht wirklich daran, zum anderen hätte Philonicus mich doch nur ausgelacht.
    "Bist du, du etwa, unter die Naturalisten gegangen?" verspottete ich ihn, "Es klingt ganz wie das wahre Leben..."
    "... schonungslos verfeinert durch den künstlerischen Prozess!"


    Für gewöhnlich hätte mich das alles tatsächlich sehr interessiert, heute wollte ich nur wissen, was am Vortag geschehen war. Wie hat er reagiert? Wie sah er aus? Was hat er getan? Was hatte er an? In welcher Situation hast du ihn angetroffen? Was hat er für ein Gesicht gemacht, als er meine Verse hörte?
    "Hör auf, mich auf die Folter zu spannen, Philonicus! Was hat er gesagt?"
    "Nicht viel... Gar nicht viel. Schon als ich ihm die Blumen überreichte, hat es ihm annähernd die Sprache verschlagen... Doch ich greife vor. Es war schon spät, als ich das Anwesen erreichte, die sinkende Sonne vergoldete die Dächer der Ewigen Stadt, und feine Spinnwebfäden trieben wie Parzenhaare durch die milde Spätsommerluft..."
    "Oh, beim dreiköpfigen Hüter der Unterwelt! Erspare mir die pseudopoetischen Abschweifungen! Sag mir einfach nur: Wie hat er reagiert?"
    "Schwer getroffen, wie unschwer zu erkennen war. Doch lass mich der Reihe nach erzählen, mein ungeduldiger Freund. Denn zuerst war da ein Gigant, schwarz wie die Nacht, über und über von Narben gezeichnet, der hütete zähnefletschend das Tor..."


    Ich atmete tief durch – die Luft roch nach Pinienharz und dem Qualm der Stadt – und stellte mir vor, wie meine Ungeduld beim Ausatmen gaaaanz laaaangsam aus mir heraus strömte... und lauschte der ausschweifenden Erzählung Philonicus von seinem gestrigen Abenteuer. Er beschrieb seine Ankunft, dann wie er den Strauss übergeben hatte – "... Er schloß die Augen, als wolle er nicht sehen. Als er sie wieder öffnete, da benetzte sie ein Schleier der Traurigkeit. Sodann ergriff er den Strauss, und als er ohne Zaudern in die Brenesseln fasste, da gemahnte er an einen Gladiator, der in der Arena tapfer den Todesstoß erwartet..."
    "Wirklich...?"
    "Mich jedenfalls erinnerte er daran. Seine Lippen bebten, ebenso seine Stimme, und er bemühte sich zu lächeln, ganz herzzereißend."
    "Was hat er gesagt?"
    "Nur, dass ich ihm sagen sollte, was ich ihm zu sagen hätte. Das tat ich. Es traf ihn schwer, seine Augen wurden feucht, auch wenn er es zu überspielen versuchte – zumal an der Stelle 'als du pfeilschnell in der Biga' schien er sehr bewegt, später verhärtete sich seine Miene, deine Vorhaltungen schienen ihn zornig zu machen..."
    "Vorhaltungen? Fakten sind das!" unterbrach ich ihn aufbrausend, "Dives hat mich umschwärmt solange ich ein schicker Präfekt war, mit Macht und schwarzer Rüstung, darauf stand er, und dann hat er mich fallen gelassen, eiskalt fallen lassen, als ich gar nichts mehr hatte!"
    Er hat meine Not gesehen. Ich stand auf Messers Schneide. Er wußte, wie sehr ich ihn brauchte. Und doch hat er mich fallen gelassen. Ausgerechnet da, wo ich ihn am allerdringendsten gebraucht hätte, hat er mich für sein dämliches Erpresserweibchen fallen gelassen. Wäre Phantasos nicht gewesen, ich wäre nicht mehr da...
    Wie ein Mahlstrom kreisten diese bitteren Gedanken in meinem Kopf.
    "Wohl kaum eiskalt, oder?"
    Philonicus sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Einen Augenblick schwiegen wir beide.

  • [Blockierte Grafik: http://www11.pic-upload.de/30.10.14/1qdmke4dgzd.jpg| C. Cluvius Philonicus


    "Nach meinem Vortrag sagte er gar nichts mehr." erzählte Philonicus schließlich weiter. "Er blickte nur zu Boden, ein Bild der Tristesse. So etwa. Sein Freund dagegen entfesselte einen wahren Sturm von Worten, und... -"
    "Sein.... Freund?"
    Sein Freund. Konnte mir ja egal sein. Ob Dulcissimus Dives sich täglich die Augen nach mir ausweinte, oder sich jede Nacht quer durch Rom vögelte, oder eine neue unsterbliche große Liebe gefunden hatte - es war mir komplett gleichgültig!! Absolut. Unbedeutend. Irrelevantester als irrelevant. Genau.
    Und doch... war da dieses struppige schwarze Monsterviech mit den grünen Augen, das krallte sich mit einem Mal in meine Eingeweide hinein... Hat er also jemanden gefunden, der sich in seine abgeschmackte Lügenwelt brav mit einordnen läßt, dachte ich gehässig, wenn seine Megäre es ihm großzügig gestattet.... Während in meinen Ohren traurig nachklang, was er mir einmal hatte sagen wollen, was er sogar auf Iberisch so niedlich unbeholfen versucht hatte mir zu sagen: "Mi casa es tu casa."
    Heftig trat ich gegen einen Stein, er schoß über den Weg und riss ein Stück Rinde vom Baum.


    "Mhm. Ein hübscher Mensch. Aber nicht gerade ein sublimer Typ, du verstehst?"
    "So?"
    "Poltrig und unbeherrscht."
    "... Hübsch sagst du?"
    "Schon."
    "Wie hübsch?"
    "Über Geschmack lässt sich trefflich streiten."
    "Wie hübsch?" insistierte ich.
    "Sehr."
    "Wie sieht er aus?"
    "Dunkelblond, helle Augen, entschlossener Mund, markiges Kinn. Gut gebaut. Aber die Nase lässt zu wünschen übrig. Sie ist von geradezu mädchenhafter, zierlicher Schmalheit... "
    Unwillkürlich... fuhr ich mir an meine eigene Nase. Von der ich früher bisweilen hatte hören müssen, sie sei eine 'geradezu mädchenhafte Stupsnase'. -.^
    "Aha." sagte ich finster. "Und wer ist er?"
    "Nicht das hellste Licht unter der Sonne, mehr kann ich dir auch nicht sagen, wir wurden einander nicht vorgestellt. Doch, auf die Gefahr hin, dich noch grimmiger zu machen, Faustus infaustus , er scheint den Iulius Dives wirklich sehr gern zu haben. Er entflammte ob der Verse sogleich zu dessen Verteidigung, hieb verbal auf dich ein, er hielt dem Dives vor, dieser habe dich so vergöttert, dass er sogar bereit gewesen sei, dir einen Tempel zu erbauen – eine etwas holprige, doch authentisch empfundene Metapher will ich meinen – du aber würdest ihn nicht lieben, und zuletzt fehlte nicht viel, dass er mit den geballten Fäusten auf mich losgestürzt wäre..."
    "Isis und Serapis!" Es traf mich wie der Blitz, die Erkenntnis, die Erinnerung an den angefangenen Bau in Ostia, Dives ehemalige Rolle in der Stadtverwaltung, die Stiftungsinschrift auf dem Sockel....
    "... Es... ist gar keine Metapher..." murmelte ich, und mit einem Mal verschwamm die Welt vor meinen Augen, und es schnürte mir selbst die Kehle zu, als ich es endlich erkannte, das wahre Ausmaß dessen was ich verloren hatte, als ich Marcus Iulius Dives verloren hatte.


    Soviel zu "ich werde es auf meine Weise abschließen". Wäre ich ein Weiser gewesen, so wie Anastasius, dann wäre ich an der Stelle vielleicht zu der Erkenntnis gelangt, dass ich, in dem törichten Bestreben mich an Marcus Dulcis Dives zu rächen, letztendlich nicht nur ihm sondern auch mir selbst nur mehr Schmerz zugefügt hatte, und wäre an dieser Erkenntnis ungemein gereift oder so was in der Art. Aber ich war kein Weiser, ich war nur am Boden zerstört.


    Philonicus lieh mir sein Taschentuch und sein verständnisvolles Ohr, bis es ihm zuviel wurde. Ich gab ihm für all seine Mühen eine großzügige Spende für das Stück. Er schenkte mir noch zwei Freikarten, dann ging er zurück in seine Welt. Und ich in meine. Ich war erleichtert, als die Mauern des Heiligtums mich wieder umschlossen, mich von der Aussenwelt beschirmten...

  • Nein.
    Nein, ich hätte dieses Gedicht nicht schreiben sollen. Von wegen "es auf meine Weise abschließen". Ich hatte den Wind herbeigepfiffen, frisch verkrustete Wunden aufgekratzt, schlafende Hunde geweckt, Steine ins Rollen gebracht...
    ("Wie man in den Wald hineinbellt, so beißen die schlafenden Hunde den Mond an", so oder so ähnlich pflegte mein alter Centurio Flavius Aristides immer zu sagen.)
    Jedenfalls war die ganze unglückliche Angelegenheit wieder mit aller Schwere in meine Gedanken und mein Gemüt getreten. Ein Tempel! Ein Tempel!!! Allein das Vorhaben, allein die Vorstellung dieses Vorhabens, die feurige Maßlosigkeit, der erhabene Größenwahn, der daraus sprach..... berührten mich zutiefst. Doch sobald ich dieser Vermutung erlaubte, mein zerrissenes Ego zu umschweicheln, da trat unweigerlich ihr häßliches Geschwister auf dem Plan und sprach: "Ja, das war einmal. Und dann bist du unter die Räder dieses verdammten Bürgerkrieges gekommen und der süße Dives hat dich abserviert."
    Worauf der Verlust nur noch ärger schmerzte.
    Wenn ich doch dies alles einfach hinter mir lassen könnte, einfach abschneiden könnte, die alten Verstrickungen von mir werfen und ganz neu beginnen. Als weltabgeschiedener Jünger in der Gemeinschaft des Ewigen. Oder... doch vielleicht... weltzugewandt... vielleicht sogar.... nicht allein...


    Tja. Und dann überfiel mich hinterrücks Dulcissimus Dives Brief! Nichtsahnend trat ich aus dem Tempelkomplex, leichtgekleidet, um am Clivus Cinnae ein paar Runden zu drehen. Ich hatte wieder mit dem Laufen begonnen, auf der Suche nach meiner verlorenen Form. Man hätte, wenn man mich da so matt um den Hügel traben sah, nicht meinen sollen, dass ich in dieser Disziplin einmal die Militärwettkämpfe in Mantua gewonnen hatte.
    Aber an jenem Tag, kam ich erst gar nicht so weit, denn mitten auf der Strasse winkte mir jemand, eine Frau die ich als Bedienung in der Herberge zum Salamander wiedererkannte, und rief mir zu, ihr Chef habe einen Brief für mich bekommen, und ihn aufbewahrt. Ich solle doch einen Sklaven vorbeischicken, um ihn abzuholen.
    Ein Brief...? Vielleicht von meiner Schwester dachte ich hoffnungsvoll, und ging, in Ermangelung eines Sklaven, gleich selbst zur Herberge.
    Widerstrebend zwar... es hingen einfach zu viele schlechte Erinnerungen in dieser Bruchbude, wie ein giftiger Dunst – aber was sollte ich machen. (Manchmal war es schon lästig, so ohne Sklaven. Vielleicht hätte ich sie nicht gleich alle freilassen sollen. Aber wer hätte denn ahnen können, dass ich überleben würde?)


    In der Herberge zum Salamander händigte der schmierige Vermieter mir gegen eine kleine Gebühr eine Tabula aus. Ich floh sogleich wieder aus dem muffigen Gemäuer. Draussen, im hellen Licht des Tages, betrachtete ich das Siegel... und wußte sofort von wem die Botschaft war. Denn ich hatte in einem anderen Leben schon einmal eine auf diese Weise versiegelte Botschaft bekommen. In den gloreichen Zeiten als er noch hinter mir her gewesen war, der treulose Schöne.


    Mein erster Impuls war, die Tabula im hohen Bogen in den Tiber zu werfen.
    Statt dessen barg ich sie mit verkniffener Miene in meinem Gewand, ließ die belebten Strassen hinter mir und stieg auf den Hügel hinauf. Dort oben setzte ich mich unter "meine" Pinie. Kalt war es geworden, und die Eidechsen spärlich und träge. Ich blickte über die Stadt und versuchte mich zu stählen gegen die schlechten Rechtfertigungen und wirren Gegenangriffe, die nun unweigerlich aus seinem Brief auf mich einprasseln würden.
    So angespannt als säße eine giftige Tarantula darin, löste ich die Knoten, brach das Siegel, und las....


    Roma, A.D. VI KAL NOV DCCCLXIV A.U.C.


    Maestus Infortunatus Devincendus s.d.p.


    Lange Tage und noch längere Nächte rang der wohl einstig äußerlich schönste deiner zahlreichen Freunde mit sich, dir zu schreiben oder nur schweigend dir zu antworten. Dann setzte er, der mit den welken Lippen, der mit dem ergrauten Sonnenglanz auf dem Haupt, der mit der getrübten Reinheit im Blick, der seiner Flamme der Leidenschaft beraubte, der verlorene Freund, sich an diesen Brief.
    Was nun soll er sagen, den tagein, tagaus seine ungeteilten Gefühle beinahe erdrücken? Was soll er sagen, dem du mit Leichtigkeit rätst, dieses Joch einfach von sich zu werfen? Was soll er sagen, den du frei sagst von dir? Und was soll er sagen, der doch in deinen Augen schon offenkundig längst verlorene Freund?


    Ich vermag nicht zu siegen, kann den Konflikt nicht dominieren,
    kann dieses Spiel der Gefühle nicht gewinnen, vermag es nur zu
    verlieren, ohne dich.
    Ja, ich komme mir verloren vor, fühle mich ganz nutzlos und allein,
    und werde wohl nie wieder der einstmals Gekannte können sein,
    ohne dich.
    Ich versage zu rennen, scheitere schon beim Gedanken ans Fliegen,
    und bar alleiniger Kraft durchzuhalten lass ich mich unterkriegen,
    ohne dich.
    Und weder finde ich Ruhe, noch vermag ich den Kampf aufzunehmen,
    sehne mich von früh bis spät nach uns, einem gemeinsamen Leben,
    ohne dich.


    Ich kann den Konflikt nicht auslöschen, nehme alles auf mich darum,
    akzeptiere indes weder unser stetes Entfernen noch deine Trennung,
    ohne dich.
    Denn ich darf jetzt nicht loslassen, würde einen großen Fehler tun,
    wünsche dich in jeder schlaflosen Nacht zu mir oder anders herum,
    ohne dich.
    Ich habe meine Flügel verloren, stürze selbst beim Klettern nur ab,
    bin ganz ohnmächtig, paralysiert, wie gelähmt und nur schwach,
    ohne dich.
    Ich kann nicht mehr sehen, bin blind für die Schönheit dieser Erden,
    fühle ein tiefes Loch in meiner Brust, das nie wird geheilt werden,
    ohne dich.


    Ich komme mir verloren vor, fühle mich ganz nutzlos und allein,
    und werde wohl nie wieder der einstmals Gekannte können sein,
    ohne dich.




    ...und ließ die Tabula traurig sinken. Keine Gegenattacken. Er hatte kapituliert. Aber voll und ganz!
    Ach.
    Marcus.


    Ein Funke der alten Rachsucht glomm auf: Es geschah ihm Recht! Er hätte mich haben können, ganz und gar, doch er hatte sich lieber kampflos von der Megäre unterjochen lassen. Wie man sich bettet so liegt man....
    Ein Funke des alten Argwohnes: Das was da stand – das konnte doch gar nicht wahr sein. Er hatte doch, laut Philonicus, diesen hübschen, feurigen, gutgebauten neuen Freund... Alles nur falscher Pathos....
    Ein Funke des alten Zaubers: Das mit uns, das hätte was werden können....


    Aber es war nichts geworden. Er hatte mich fallen lassen, lebte jetzt unter der Fuchtel seiner Erpresserin, und machte keine Anstalten das zu ändern. Und ich lebte in einer frommen Kultgemeinschaft (und träumte heimlich von einem kessen Syrer, der mich auf offener Strasse geküsst hatte, einfach so). Auch wenn ich noch immer nur die Augen schließen mußte, um mir Marcus' Umarmung zu vergegenwärtigen... wie er dort, über den Dächern von Rom, so ungemein zärtlich seine Arme um mich gelegt, wie ich seinen Atem an meiner Wange, wie ich sein Herz schlagen gespürt hatte... Wie ich geglaubt hatte, die Götter hätten ihn zu mir gesandt wie einen Silberstreif am Horizont.
    Hastig riss ich die Augen wieder auf. Sie waren trocken und brannten.


    Ich wußte keine Antwort, die ich ihm hätte schreiben können. Was, ausser, dass es eben vorbei war – und das wußte er selbst. Alles, was ich ihm sonst ganz vielleicht noch hätte mitteilen können, wagte ich keiner Tabula anzuvertrauen. Schon gar nicht einer, die in der Nähe seiner erpressungsfreudigen Xanthippe landen würde.
    Seinen Brief auszustreichen, das brachte ich trotzdem nicht fertig. Ich bewahrte die Tabula auf, im Schlafsaal der Jünger unter einer losen Fliese unter meinem Bett verborgen, und manchmal, wenn ich alleine war, holte ich sie heimlich hervor und las die traurigen Worte. Er war traurig. Ich war traurig. Das war eine ziemlich traurige Verbindung zwischen uns. Doch zumindest... überhaupt noch irgendeine Art von Verbindung.

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