• Die Begebenheit in der Casa Decima, deren Zeuge ich gerade geworden war, riss eine relativ frische Wunde bei mir wieder auf. Fast fluchtartig verließ ich den Empfang von Meridius und fand mich nun auf der Straße vor der Casa wieder.


    Ohne auch nur darauf zu achten, wohin mich meine Füße trugen, lief ich einfach los. Es war bereits dunkel, niemand sah das Schimmern in meinen Augen. Den Blick auf das Pflaster gerichtet, hing ich meinen Gedanken nach …

  • Das Rufen eines Kauzes ließ mich zusammenfahren und ich blieb regungslos stehen. Meine Augen suchten die Umgebung auf der Suche nach irgendetwas Bekanntem ab. Vergeblich, ich wusste nicht, wo ich war. Ziemlich viel Baumbestand gab es hier, vielleicht ein Park? Aus der Ferne hörte ich Lachen und das Grölen von Betrunkenen, neben mir raschelte es.


    Öhm, ja.
    Ängstlich veranlagt war ich nicht. Bei so vielen Brüdern wurde ich gleich mit zu Mut und Tapferkeit erzogen. Dennoch, so vernünftig war es nicht, nach Einbruch der Dunkelheit, allein durch Rom zu spazieren.
    Ich schüttelte energisch den Kopf. Entschlossen lief ich mehrere Schritte, blieb dann aber doch wieder unschlüssig stehen.

  • Es ist schon spät am Abend, doch Victor spaziert noch ein bisschen durch die Gegend. Er steckt in seiner Paraderüstung, die ist einfach zu schick. Vic braucht frische Luft und schaut sich die Umgebung der 'Casa del Sev et Vic' an.
    Auf einmal sieht er eine Frau ganz alleine durch die Gegend wandeln, dann unschlüssig stehen bleiben.


    'Die Nachbarn sind nich ohne!' denkt er sich und geht auf sie zu.
    "Guten Abend, schöne Frau. Ist es nicht gefährlich, zu so später Stunde allein in Rom zu wandeln? Ich bin ja nicht von hier, doch ich hörte so manch gefährliche Geschichte. Wenn Ihr wollt, begleite ich euch ein Stück. Mein Name ist Vibius Valerius Victor und ich bin Eques der Ala II Numidia."

  • Unvermittelt wurde ich angesprochen und fuhr mächtig zusammen. Ganz so weit her war es offenbar nicht mit meinem Mut. Etwas erleichtert stellte ich fest, dass ich einen Soldaten vor mir hatte.


    „Ja, ich habe unüberlegt gehandelt, als ich allein fortlief, das ist war. Manchmal denkt man nicht nach, sondern entscheidet aus einem Gefühl heraus und das ist selten gut. Wie dem auch sei … Mein Name ist Aurelia Deandra und ja, ich würde mich über etwas Begleitung durchaus freuen, Valerius Victor.“


    Ich versuchte ein Lächeln und es gelang mir wohl auch.


    „Eques der Ala? Du bist bei dem Triumphzug dabei gewesen?“

  • Mit pochendem Herzen nimmt Vic ihr Lächeln zur Kenntnis und lächelt charmant zurück. Aurelia Deandra - was für ein Name! Ob wohl alle Damen in Rom so wundervoll klingende Namen tragen?


    "Es ist aber nicht immer schlecht, aus einem Gefühl heraus zu handeln. Anders wäre ich nicht hier. Und ja, ich war beim Triumphzug mit dabei." antwortet er stolz. Falls es sich nicht für das Bürgerrecht gelohnt haben sollte, dann hatte sich der Eintritt in die Ala spätestens an diesem Abend gelohnt, an dem er als Eques dieser wunderschönen Frau gegenüber treten konnte.


    "Es war eine große Ehre für uns Soldaten. Wart Ihr auch dort?" Vic kann den Gedanken beinahe nicht ertragen, dass er sie am Ende schon einmal gesehen - und dabei übersehen hat.

  • Irgendwie besserte die unerwartete Begleitung meine Stimmung auf und so antwortete ich Victor bereitwillig.


    „Oh, ich handele viel zu oft emotional und viel zu oft fällt mir gerade das auf die Füße. Das Dumme daran ist, wer einmal dazu neigt so zu handeln, kann selbst seine besten Vorhaben nie wirklich umsetzen, weil immer wieder diese dummen Gefühle dazwischenfunken.“


    Ich seufzte, warum konnte ich eigentlich nicht gefühlskalt sein? Das wäre eine äußerst praktische Einrichtung. Ich sah meinen Begleiter an und bemerkte zugleich den Stolz in seinen Worten.


    „Ja, der Triumphzug. Ich kann sehr gut verstehen, welch erhebendes Gefühl das für jeden einzelnen Teilnehmer war. Ich selbst war nicht zugegen, aber ich habe die Ankunft aller Soldaten in Ostia erlebt. Ich stand am Kai und sah, wie die Schiffe einliefen, sah wie ausgeladen wurde und die Truppen abmarschierten. So viele Soldaten hatte Ostia zuvor noch nie gesehen.


    Was mich jetzt nur wundert – warum bist nicht auf dem Empfang des Triumphators?“

  • Das mit dem Dazwischenfunken kann Vic ganz gut nachvollziehen. Auch wenn es bei ihm weniger die Gefühle, denn die Götter sind. Gegen seine Gefühle kann man sich ja vielleicht noch auflehnen, doch gegen die Götter niemals. Andererseits verspürt er gerade im Moment so ein Gefühl, und es ist ziemlich schwer, sich dagegen aufzulehnen.


    "Ich glaube, viele von diesen Soldaten hatten vorher auch noch nie Ostia gesehen." lacht er ein wenig verlegen. "Viele aus der Ala und auch aus der Legio kommen wie ich aus Hispania."


    Als sie nach dem Empfang des Triumphators fragt, wird er noch verlegener. Wenn er ihr jetzt sagt, dass er bis vor kurzem noch Peregrinus war und ein Eques nichts Besonderes ist, was wird sie dann wohl von ihm denken. Andererseits, er bringt es nicht übers Herz, diese bezaubernde Dame zu belügen.


    "Der Triumphator, ja. Also, nun, er läd ja nicht jeden einfachen Soldaten ein. Und Ihr müsst wissen, ich bin noch nichteinmal lange römischer Bürger. Erst auf dem Triumphzug bekam ich das Bürgerrecht verliehen. Und dann hat mich mein Kamerad Flavus Valerius Severus heute noch direkt in seine Gens adoptiert und es gibt nicht viel, was diesen Tag noch besser machen könnte."


    'Außer Euch. Und wer braucht schon einen Empfang, wenn die schönsten Damen Roms alleine in der Gegend herumwandeln.' hängt er in Gedanken an.

  • Langsam schlenderte ich weiter. Durch die Dunkelheit bemerkte ich nicht die Verlegenheit im Äußeren von Victor, wohl aber in seiner Stimme. Ich warf einen seitlichen Blick auf ihn, hoffend etwas zu erkennen. Dann erklärten aber seine Worte, was ich bereits vermutet hatte.
    Mir fiel meine Erziehung ein und gleichzeitig die Erwartungen meiner Familie. Trotzdem, heute war wieder einmal so ein Tag, da siegten die Empfindungen über den Verstand. Es war mir vollkommen egal mit wem ich sprach, Hauptsache ich wurde von meinem Kummer abgelenkt.


    „Deine Aufrichtigkeit zeichnet dich als edlen Menschen aus. Mitunter wiegt das mehr als manch ein Titel. Es freut mich für dich, dass dein Tag so ausgesprochen schön verlief. Fast könnte ich dich darum beneiden, denn alles Geld und all der Adel, der mir zur Verfügung steht, lässt mir dennoch nicht meine innigsten Wünsche erfüllen.“


    Fast traten mir bei diesen Worten wieder Tränen in die Augen. Nur mit Mühe konnte ich sie wegdrücken.


    „Möchtest du mir nicht irgendetwas Erfreuliches erzählen? Etwas Ablenkendes, womit vielleicht dieser Tag auch für mich mit einem positiveren Gefühl enden kann?“


    Ich wusste, was ich tat war alles nicht richtig, aber ich befand mich in einer wirklich miserablen Stimmung. Eigentlich sollte ich auf dem Empfang sein ... Vielleicht sollte ich umgehend kehrt machen ... Ich war zerrissen.

  • Auf eimal fällt es Victor wie Schuppen von den Augen und er bleibt einen Moment stehen. Geld und Adel hat sie gesagt, dazu ihre Erscheinung, ihre anmutigen Bewegungen, ihre Kleidung. Wie konnte er nur so blind sein! Jetzt ist es ihm doch etwas unangenehm, dass er sie so einfach angesprochen hat, doch immerhin hat sie ihn ja nicht gleich wieder fortgejagt. Darum holt er direkt wieder zu ihr auf und geht langsam weiter neben ihr her.


    Und nun klingt sie auch noch so traurig dass es Vic fast das Herz zerreißt. Er verspürt den inneren Drang, ihr den Arm um die Schulter zu legen, doch er beherrscht sich eisern.
    Hektisch überlegt er, wie er sie aufheitern könnte. Doch alles, was ihm einfällt hat nur mit dem Feldzug zu tun. Sicher, auch dabei hatte es ein paar gute Momente gegeben, die Beförderungen, manch Abend mit den Kameraden am Lagerfeuer, der Sieg. Aber er befürchtet doch, dass nichts davon sie erfeuen würde. Vielleicht sollte er sie fragen, warum ihr Tag so schlecht war. Aber nein, das wäre nicht in Ordnung.


    "Etwas Erfreuliches?" murmelt er vor sich hin und zermartert sich das Hirn. "Wart Ihr schon einmal in Hispania? Wenn nicht könnte ich Euch etwas von dort erzählen. Ich bin auf einem Gut aufgewachsen, auf welchem Pferde gezüchtet werden. Das Leben dort ist einfach, aber ... ja, schon irgendwie erfreulich."


    Vic hört sich selbst reden und schüttelt gedanklich nur den Kopf. Was würde sie Hispania interessieren, das Leben eines einfachen Kerles wie er einer ist. Eilig überlegte er ein anderes Thema, doch es will ihm einfach nichts einfallen.

  • Ich sah sein Bemühen und es lockte mir ein Lächeln hervor. Warum konnten nicht alle Menschen so sein?


    „Vielleicht wären Pferde im Moment genau das richtige Thema. Ich liebe diese Tiere über alles.“


    ‚Oder über fast alles’, fügte ich in Gedanken hinzu.

  • "Tatsächlich?" fragt Victor erfreut. "Nun, es gibt ja auch nicht viel, was sich mit dem Anblick einer geschmeidigen Stute oder eines feurigen Hengstes messen könnte. Ich erzählte ja schon, dass ich auf einem Gut aufgewachsen bin. Ich habe dort viel Zeit mit den Pferden verbracht." Er vergisst großzügigerweise zu erwähnen, dass das hauptsächlich beim Ausmisten der Stallungen war.


    "Ich erinnere mich noch gut an einen ganz besonderen Hengst. Der Herr des Gutes hatte ihn von einer Reise mitgebracht. Ich frage mich heute noch, wie er das Tier dazu gebracht hat, auf ein Schiff zu gehen." Der Gedanke daran bringt ihn zum Grinsen. "Auf jeden Fall war es ein wunderschönes Tier, von den Nüstern bis zum Schweif tiefschwarz, nur das linke Ohr strahlend weiß. Ein wahrhaft edler Hengst. Ich weiß noch genau, wie ich ihn zum ersten Mal auf der Weide gesehen habe, wie er sich aufgebäumt hat um danach wie von den Furien getrieben über die Wiese zu galoppieren - bei den Göttern, was für ein Anblick!" Das einzige, was die Erhabenheit so eines Anblickes nach Vics Ansicht nach noch steigern könnte, wäre ein Streitwagen, ein bisschen tiefer gelegt und mit extra breiten Rädern, damit er ordendlich in der Kurve bleibt.

  • Ich blieb unschlüssig stehen. Mal blickte ich auf das Pflaster, dann wieder meinen Begleiter an. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Einerseits tat mir seine Gesellschaft gut, andererseits quälte mich das schlechte Gewissen. Wann hatte ich mich jemals so mies gefühlt? Schließlich fasste ich einen Entschluss.


    „Ohne mein ganzes Leben noch mehr zu komplizieren als es so schon ist, möchte ich jetzt einfach wieder umkehren. Wir können gerne auf dem Rückweg noch etwas plaudern.“


    Bittend sah ich ihn an. Ich hoffte sehr, er verstand, warum ich so handeln musste. Meine Gefühle standen Kopf, als ich den Empfang verließ. Noch mehr Unordnung in diesen konnte ich mir nicht erlauben. Es war so schon schwierig genug.


    Hoffentlich würde ich halbwegs meine äußere Stabilität bis zur Casa wiedererlangen. Schweigend lief ich die ersten Schritte, dann griff ich das Thema ‚Pferde’ auf.


    „Ich gehe fast täglich mit Pferden um. Ich habe ein Gestüt und einen Rennstall allerdings nicht in Rom. Ich züchte mit ägyptischen Blutlinien. Kennst du dich mit Pferderassen aus?“

  • Vic ist fast ein bisschen erleichtert darüber, dass sie umkehren will. Er kennt sich selbst in Rom nicht aus, und was könnte peinlicher sein, als mit ihr irgendwo zu stehen und zugeben zu müssen, dass er keine Ahnung mehr hat, wo sie sich befinden.


    "Ist in Ordnung. Ich muss ja auch irgendwann wieder zurück zur Casa. Nicht, dass mein Bruder Severus noch die Cohortes Urbanae ausschickt, weil er denkt, ich hätte mich verlaufen." Er grinst ein wenig verlegen und schwenkt dann zurück zum Thema Pferde.
    "Pferderassen, mhm, naja..." Er zögert einen Moment. Doch es würde nichts bringen, sie zu belügen, sie würde es sowieso merken. "Also, ich hatte mit der Zucht nicht wirklich so viel zu tun. Mehr mit den Pferden selbst. Fahren Eure Wägen bei den großen Wagenrennen im Circus Maximus mit?" Ein Funkeln tritt in Vics Augen. Einmal ein Wagenrennen im Circus Maximus erleben, das wär noch sein Traum!

  • Ich musste schmunzeln. Das Thema ‚Pferde’ war einfach gut.


    „Ja, sicher trainiere ich meine Pferde für die Wagenrennen oder sagen wir, ich lasse sie trainieren. Bisher hatte mein Gestüt die Rösser für zwei Wagen meiner Factio gestellt. Leider gab es einen schweren Unfall und eines der Tiere musste noch auf dem Rennoval erlöst werden. Das hat mich sehr betroffen.“


    Nicht nur das, dachte ich. So ziemlich alles in meinem Leben stand Kopf. Ich gehörte nun einer anderen Factio an, hatte meinen Vater verloren, der – so lange er weg war – für mich als Halt gegolten und sich bei seinem Erscheinen als größte Enttäuschung überhaupt herausgestellt hatte, und dann gab es da noch mein Liebesleben … Ich wünschte mir sehnlichst eine Zeit herbei, in der einfach alles geregelt, harmonisch und unbeschwert war.

  • Beim Gedanke an das Schicksal des armen Tieres spürt Victor einen Stich in seinem Herzen.


    "Ich kann Euch verstehen. Es ist immer furchtbar, ein gutes Tier zu verlieren. Wir mussten viele Pferde nach der Schlacht erlösen. Die Ala war meist bei der Vorhut der Kämpfer dabei und die Aufständigen haben natürlich mit allen Mitteln versucht, uns von den Pferden zu holen. Am einfachsten ist dies nunmal, indem sie die Pferde zuerst attackieren."


    Er schaut Deandra nachdenklich von der Seite an. Sie sieht sehr traurig aus, es muss wirklich ein besonderes Pferd gewesen sein.


    Auf einmal sind Stimmen zu hören. Es kommen ihnen ein paar Personen entgegen und laufen an ihnen vorbei. Vic schaut sich um, sie sind ganz in der Nähe des Ausgangspunktes ihres Spaziergangs.

  • „Wie furchtbar! Ich könnte schon aus diesem Grund nie an einer Schlacht teilnehmen. Obwohl“, ich konnte erstmals wieder lachen, „als Frau würde das ja auch reichlich komisch aussehen.“


    Ich bemerkte, dass wir bereits wieder nahe der Wohnsiedlung waren. Lächelnd drehte ich mich Victor zu.


    „Das Gespräch mit dir hat mir gut getan. Du hast mir mehr geholfen, als du dir vorstellen kannst. Ich denke, ich werde nun auf diesen Empfang zurückkehren. Wenn ich Glück habe, dann ist weder dem Gastgeber noch sonst wem meine Abwesenheit aufgefallen. Vielleicht sehen wir uns ja noch einmal wieder und falls nicht, wünsche ich dir alles Gute für die Zukunft!“


    Dankbar sah ich meinen Begleiter an.

  • Vic kramt noch einmal seine besten Manieren heraus. "Es ist mir immer eine Freude, wenn ich solch einer wunderschönen Dame wie Euch zu Diensten sein kann. Doch ich befürchte, man wird Euch schon vermisst haben, wie könnte es nicht auffallen, wenn die Perle des Abends vom Fest verschwindet. Und ich bezweifle nicht, dass Ihr dort die strahlendste Perle wart."


    Puh, was für eine Rede. "Ich danke Euch für die guten Wünsche und werde die Götter darum bitten, dass sie ihre schützenden Hände über Euch und Eure Pferde halten werden."


    Er lächelt ihr aufmunternd zu und wartet dann noch, bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden ist.

  • Nein, ich musste nicht immer solche Worte hören und doch, ich hätte lügen müssen, würde ich behaupte, sie taten mir gerade in diesem Augenblick nicht gut.


    „Mögen die Götter auch dich beschützen“, sagte ich leise. Mit einen sanften Lächeln wandte ich mich ab und schritt in Richtung Casa Decima.

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